• vom 21.10.2006, 00:00 Uhr

Kompendium


Ungarn

Das kurze Glück der Revolution




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Von Rolf Steininger

  • Der Aufstand in Ungarn gegen die sowjetischen Besatzer im Oktober 1956 währte nur drei Wochen lang.

Vor dem Hauptquartier der Budapester Partei der Werktätigen am Köztársaság-Platz haben Aufständische Fahnen entrollt, aus denen Hammer und Sichel herausgeschnitten sind. Die durchlöcherten Fahnen werden zum Symbol der Revolution. Das Bild des berühmten Wiener Fotografen Erich Lessing stammt aus dem Buch "Budapest 1956. Die Ungarische Revolution" (Verlag Christian Brandstätter), das anlässlich der gleichnamigen, derzeit im Wiener Leopold Museum laufenden Ausstellung erschienen ist.

Vor dem Hauptquartier der Budapester Partei der Werktätigen am Köztársaság-Platz haben Aufständische Fahnen entrollt, aus denen Hammer und Sichel herausgeschnitten sind. Die durchlöcherten Fahnen werden zum Symbol der Revolution. Das Bild des berühmten Wiener Fotografen Erich Lessing stammt aus dem Buch "Budapest 1956. Die Ungarische Revolution" (Verlag Christian Brandstätter), das anlässlich der gleichnamigen, derzeit im Wiener Leopold Museum laufenden Ausstellung erschienen ist. Vor dem Hauptquartier der Budapester Partei der Werktätigen am Köztársaság-Platz haben Aufständische Fahnen entrollt, aus denen Hammer und Sichel herausgeschnitten sind. Die durchlöcherten Fahnen werden zum Symbol der Revolution. Das Bild des berühmten Wiener Fotografen Erich Lessing stammt aus dem Buch "Budapest 1956. Die Ungarische Revolution" (Verlag Christian Brandstätter), das anlässlich der gleichnamigen, derzeit im Wiener Leopold Museum laufenden Ausstellung erschienen ist.

Am 4. November 1956 um 5. 19 Uhr unterbrach der Sender Budapest mit folgender Ankündigung sein Programm: "Achtung! Achtung! Achtung! Ministerpräsident Nagy wendet sich jetzt an das ungarische Volk."


Dann sprch Imre Nagy selbst: "Hier spricht Ministerpräsident Imre Nagy. Sowjetische Truppen haben im Morgengrauen zu einem Angriff auf unsere Hauptstadt angesetzt, mit der eindeutigen Absicht, die gesetzmäßige demokratische Regierung der Ungarischen Volksrepublik zu stürzen. Unsere Truppen stehen im Kampf. Die Regierung ist auf ihrem Platz. Ich bringe diese Tatsache unserem Land und der ganzen Welt zur Kenntnis."



5500 Sowjet-Panzer
Nach dem Abspielen der ungarischen Nationalhymne wurde die Erklärung Nagys im Abstand von zwei Minuten mehrfach auf englisch, französisch, deutsch und russisch wiederholt. Wenige Stunden zuvor waren 200.000 Rotarmisten mit 5500 Panzern zum Angriff gegen Ungarn, vor allem gegen die Hauptstadt Budapest angetreten. Ziel war die Zerschlagung einer Regierung, die nach Ansicht der Moskauer Parteispitze mit ihrer Politik zu katastrophalen Konsequenzen für die sowjetische Kontrolle Osteuropas geführt hätte.

Wie alle Länder hinter dem Eisernen Vorhang hatte Stalin nach 1945 auch Ungarn in eine kommunistische Diktatur verwandelt, mit Hilfe von Mátyás S. Rakosy, der sich selbst als "besten Schüler Stalins" bezeichnete. Während seiner Herrschaft bis zum Tode Stalins im März 1953 wurden mehr als 2000 Ungarn exekutiert und zwischen 100.000 und 200.000 inhaftiert.

Nach dem Tod Stalins begann eine "Tauwetterperiode", die im Westen aber nur als taktisches Manöver zur Machtkonsolidierung, nicht aber als grundsätzliche Änderung des außenpolitischen Kurses der neuen Kremlführung gewertet wurde. Immerhin wurde Rakosy abgelöst und durch den moderaten Kommunisten Imre Nagy ersetzt. Rakosy spielte nach wie vor eine wichtige Rolle im Hintergrund: er war Erster Sekretär der Kommunistischen Partei.

Im Frühjahr 1955 musste Nagy zurücktreten, Rakosy und seine Gruppe übernahmen erneut die Macht und konnten sie bis zum XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 halten. Auf diesem Parteitag rechnete Nikita Chru-schtschow, der neue starke Mann der Sowjetunion, mit Stalin und dem Stalinismus ab. Seine Rede führte innerhalb der kommunistischen Parteien in Osteuropa zu schweren Erschütterungen. Im Gefolge der Entstalinisierung kam es zunächst im Juni in Polen zum Aufstand der Arbeiter. Und dann kam Ungarn.

Es begann am Vormittag des 23. Oktober, als Studenten der Technischen Universität Budapest aus Solidarität mit den polnischen Arbeitern demonstrierten. Es ging um eine Demonstration gegen die Herrschaft der kommunistischen Partei. Am Abend versammelten sich etwa 250.000 Menschen, die den Abzug der Sowjettruppen forderten, die Abschaffung des Russischunterrichts, Pressefreiheit, Streikrecht für die Arbeiter, freie und geheime Wahlen und Imre Nagy als neuen Regierungschef.

In den Morgenstunden des 24. Oktober wurden das Rundfunkgebäude und mehrere Zeitungshäuser besetzt, während erstmals sowjetische Panzer in Budapest auftauchten. Noch am selben Tag wurde Imre Nagy zum Ministerpräsidenten ernannt; er konnte allerdings nicht verhindern, dass am nächsten Tag vor dem Parlamentsgebäude die Geheimpolizei über 100 Menschen tötete. Inzwischen hatten die Demonstranten auch das 30 Meter hohe Stalindenkmal gestürmt, den Kopf abgeschlagen und durch die Straßen geschleift.

Am 27. Oktober flauten die Kämpfe ab, nachdem Nagy eine neue Regierung gebildet hatte - unter Beteiligung bürgerlicher Politiker. Mit den ersten Maßnahmen erfüllte die Regierung zentrale Forderungen der Aufständischen: sofortige Feuereinstellung, Amnestie für die Hauptbeteiligten, Auflösung der verhassten Staatssicherheit, Abzug der sowjetischen Streitkräfte aus Ungarn. In den Morgenstunden des 30. Oktober erklärte Verteidigungsminister Maleta, er habe den sowjetischen Oberkommandierenden um den sofortigen Abzug der sowjetischen Truppen aus dem Stadtgebiet von Budapest ersucht, und teilte mit: "Nach der erfolgten Zustimmung des Oberbefehlshabers werden die sowjetischen Truppen am 30. Oktober um 16.00 Uhr mit ihrem Abzug beginnen." Bis zum Morgen des 31. Oktober sollte der Abzug planmäßig abgeschlossen sein. Am selben Tag gab Nagy die Abschaffung der Einparteienherrschaft und die Wiederherstellung einer demokratischen Regierungsform bekannt. Das sozialistische Wirtschaftssystem sollte allerdings beibehalten werden. Gleichzeitig wurden politische Häftlinge befreit, unter anderem Kardinal Jószef Mindszenty, der im Februar 1949 in einem Schauprozess zu lebenslanger Haft verurteilt worden war.

Am 2. November bat Nagy angesichts der Tatsache, dass starke militärische Verbände der Sowjetunion die ungarische Grenze überschritten hatten und sich in Richtung Budapest bewegten, den Generalsekretär der UNO, die Großmächte dazu zu bewegen, die Neutralität Ungarns anzuerkennen.

Die Ankündigung Ungarns, aus dem Warschauer Pakt auszutreten, hat höchstwahrscheinlich in Moskau zu der Entscheidung geführt, militärisch einzugreifen. Aus neuen Dokumenten wissen wir, dass auch Mao Tse-tung auf eine Intervention gedrängt hat - unter Hinweis auf die nicht abzusehenden Auswirkungen auf die kommunistische Welt.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2006-10-21 00:00:01
Letzte Änderung am 2006-10-20 18:27:00


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