• vom 18.02.2011, 15:33 Uhr

Kompendium

Update: 18.02.2011, 15:35 Uhr

Sport

Der Sprung in eine neue Epoche




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Von Thomas Karny

  • Vor 75 Jahren flog Sepp "Bubi" Bradl als erster Skispringer über 100 Meter weit und eröffnete ein neues Kapitel in der Geschichte des Skispringens.

Planica, ein kleines slowenisches Bergdorf, erlebte im Frühjahr 1936 eine touristische Massen-invasion. Der Grund hierfür war ein für den 15. März angesetzter Wettkampf im Skispringen, der die sportinteressierte Öffentlichkeit mehr als sonst in seinen Bann zog. Unzählige Zuschauer waren angereist, um nicht zu verpassen, was man sich insgeheim erwartete: Zeuge zu werden, wenn eine neue Epoche im Skisprung anbricht.


Seit zwei Jahren stand hier die mächtigste Sprunganlage der Welt. Iván-Jánez Rozmán, ein junger Baumeister aus Ljubljana, und Stanko Bloudek, ein Flugzeugkonstrukteur und ebenso vielseitiger Erfinder wie Sportler, hatten sie erbaut. Bei der Eröffnung 1934 stellte der Norweger Birger Ruud mit 92 Metern einen fabelhaften Weltrekord auf. Der mächtige Satz des damals weltbesten Skispringers ließ Aktive wie Fans erahnen, dass durchaus im Bereich des Möglichen lag, was lange als unerreichbar galt: die magische Grenze von 100 Metern zu überspringen.

Der derzeitige Weltrekordspringer Johan Remen Evensen. Foto: epa

Der derzeitige Weltrekordspringer Johan Remen Evensen. Foto: epa Der derzeitige Weltrekordspringer Johan Remen Evensen. Foto: epa

Doch der Wettkampf an jenem 15. März 1936 blieb zunächst weit hinter den Erwartungen zurück. Im Vormittagsdurchgang enttäuschte ein Springer nach dem anderen. Der Bischofshofener Gregor Höll hatte mit 85 Metern den weitesten Sprung gesetzt. Zuschauer und Fachleute waren sich einig: Die Einzigen, denen die Rekordweite zuzutrauen war, waren die Norweger - aber die waren nicht am Start.

Die "Fédération de Ski" hatte bei ihrer Gründung in Chamonix 1924 verbindliche Wettkampfregeln eingeführt und unter Anderem ein Weitenlimit von 80 Metern festgelegt. Sie hatte damit die Sicherheit der Springer im Auge, ließ aber völlig außer Acht, dass es in der Natur des Sports liegt, Grenzen auszureizen und Rekorde zu brechen. FIS-Präsident Nikko Oestgaard bekräftigte noch kurz vor dem Wettkampf in Planica per Telegramm, von dieser Regel nicht abzugehen. Dass seit Birger Ruuds 92-Meter-Sprung der Weltrekord fünf Mal verbessert worden war und aktuell bei 99 Metern lag, wog für Oestgaard nichts. Daraufhin zog die gesamte norwegische Mannschaft ihre Nennung für den Wettkampf in Planica zurück. Für Ruud, eben erst zum zweiten Mal Olympiasieger geworden, muss es ein harter Schlag gewesen sein, von seinem Landsmann Oestgaard eingebremst worden zu sein.

Hopsen und Hüpfen

In einem Winter irgendwann gegen Ende des 18. Jahrhunderts, irgendwo in der Provinz Telemarken hatten Ruuds Altvordere herausgefunden, dass es zwar ganz lustig sei, mit Holzlatten einen Berghang hinunter zu rutschen, der Spass aber gesteigert werden könne, wenn man die naturgegebenen Unebenheiten zum Hopsen nutzte. Aus dem Hopsen wurde ein Hüpfen und dieses wiederum ziemlich schnell zum Wettbewerb. Erstmals berichtete der holländische Seeoffizier Cornelius de Jong von dieser Sportart, als er in Bergen 1796 norwegische Soldaten beim Springen über schneebedeckte Holzhaufen und Scheunendächer beobachtete. In der Folge war es dann auch das Militär, das weitere Wettkämpfe austrug und über die Einhaltung von Regeln wachte. Der norwegische Leutnant Olaf Rye, der 1808 bei einem Satz über einen künstlich aufgeworfenen Schneehügel nach 15 Ellen (ca. neun Meter) wieder Boden unter die Füße bekam, darf für sich in Anspruch nehmen, den ersten nachweislich gemessenen Sprung gestanden zu haben.

Sepp Bradl beim Sprung im Stil der damaligen Zeit. Foto: Archiv

Sepp Bradl beim Sprung im Stil der damaligen Zeit. Foto: Archiv Sepp Bradl beim Sprung im Stil der damaligen Zeit. Foto: Archiv

Die militärischen Wurzeln des Skispringens waren in der Anfangszeit deutlich am Sprungstil zu erkennen. Lange Zeit galt ein kerzengerade durchgestreckter Körper, als würde man in der Luft habt Acht! stehen, als vollendete Flughaltung. Wer dem militärischen Drill entgehen wollte und über ausreichend Abenteuerlust verfügte, versuchte sein Glück in Amerika. Dort mutierte der Skisprung bald vom sportlichen Wettkampf zum artistischen Entertainment. Die Zuschauer dankten es durch ihr großes Interesse, und die Skispringer konnten gutes Geld verdienen.

Als am Holmenkollen schon längst eine richtige Schanze stand, sprang der aus Norwegen zugewanderte J. Bismarck Samson, ein in Wien lebender Bäcker, am 2. Februar 1893 im steirischen Mürzzuschlag über einen verschneiten Misthaufen und gewann den Wettbewerb mit der Bestweite von sechs Metern. Gemessen an den 30,5 Metern, die sein Landsmann Sondre Auverson Nordheim bereits 33 Jahre zuvor gesprungen sein soll, war das mehr als mickrig. Dennoch gilt die Misthaufen-Konkurrenz von Mürzzuschlag als Geburtsstunde des Skispringens in Mitteleuropa.

In Amerika erreichte man dank riesiger Schanzen schon ganz andere Weiten. Doch was dort durch gigantische Sprungarchitektur erreicht wurde, glich man in Europa durch Know-how aus. Der Schweizer Aerodynamiker Reinhard Straumann erkannte, dass sich die ideale Haltung eines Skispringes aus der Annäherung an das Profil einer Flugzeugtragfläche ergab. Den Oberkörper in der Hüfte geknickt, ruderte sich der Springer mit weit ausholenden Armbewegungen gewissermaßen durch die Luft. So sah der optimale Sprung vor achtzig Jahren aus.

So flatterten sie auch an jenem 15. März 1936 in Planica von der Schanze. Kein Zuschauer setzte auch nur einen Groschen darauf, im Nachmittagsdurchgang einen neuen Weltrekord zu sehen. Auch nicht, als um 14.15 Uhr Sepp Bradl oben am Anlauf stand. Der junge Mann kam zwar im bayerischen Wasserburg am Inn zur Welt, aber da er schon als Kleinkind nach Österreich übersiedelt war, sahen ihn die Österreicher als einen der Ihren an. Er war kurz zuvor 18 Jahre alt geworden und für seinen Mut bekannt. Bereits mit fünfzehn war er vom Berg Isel gesprungen. Bei den gerade erst ausgerichteten Olympischen Spielen in Garmisch-Partenkirchen war er nach einem schweren Trainingssturz 19. geworden. Dies schien keine besondere Empfehlung für den Wettkampf in Planica zu sein, aber das Schicksal war dem jungen Mann an jenem Tag günstig gesinnt.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2011-02-18 15:33:18
Letzte Änderung am 2011-02-18 15:35:00


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