• vom 08.07.2006, 00:00 Uhr

Kompendium


Literatur

Jahre der großen Lockerung




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Von Michael Rohrwasser

  • Wer in den Sechziger Jahren jung war, lernte von Robert Gernhardt, über die Welt zu lachen - Grund zur Dankbarkeit.
  • Das Stichwort "pardon" sucht man in den Kultur- und Literaturgeschichten der Bundesrepublik vergeblich. Die Register verweisen dann zurück auf Döblin oder gleich auf die "Hunnenrede" des deutschen Kaisers, in der der Satz "Pardon wird nicht gegeben" fiel.

Robert Gernhardt, gestorben am 30. Juni 2006. Foto: EPA

Robert Gernhardt, gestorben am 30. Juni 2006. Foto: EPA Robert Gernhardt, gestorben am 30. Juni 2006. Foto: EPA

Dabei hat Erich Kästner in der ersten Nummer der satirischen Zeitschrift "pardon" im September 1962 ein vorausschauendes Geleitwort geliefert, das die deutschen Literaturwissenschafter attackierte: Sie sähen nur den Kanon, und schon die "Weltbühne" oder Tucholsky überließen sie den nichtdeutschen Germanisten. Was 1962 für die "Weltbühne" zutraf, gilt heute wieder für "pardon", deren Paten das frühe amerikanische "MAD" von Bill Elder und Harvey Kurtzman und das französische "Harakiri" waren: von Germanisten wird sie noch nicht gelesen. Zwar sind inzwischen in Lutz Hagestedts "großer Gernhardt-Bibliographie" (www.hagestedt.de) die ersten Magisterarbeiten verzeichnet, doch Kästners Geleitwort ist noch nicht bibliographisch erfasst.


Gernhardt und andere

Aber die Zeitschrift taucht auf wie ihr Signum, der Teufel, der den Hut zieht, nämlich in den Kommentaren zu ihren berühmt gewordenen frühen Autoren: Hans Traxler, Eckhard Henscheid, Fritz Weigle (F. W. Bernstein), Friedrich Karl Waechter, Alice Schwarzer, Günter Wallraff, Otto Köhler, Gerhard Kromschröder, Chlodwig Poth, Wilhelm Genazino, Peter Knorr, Kurt Halbritter - und eben Robert Gernhardt, der in der vergangenen Woche gestorben ist. Er war von der zweiten Nummer an in der satirischen Zeitschrift "pardon" vertreten. Trotz aller Attacken auf das Blatt, gestartet vom bundesdeutschen Volkswartbund, der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften und anderen Zensurbehörden der frühen Bundesrepublik, trotz eines Händlerboykotts, angestiftet vom Springer-Konzern, trotz aller Beleidigungsklagen und Indizierungen (beschlagnahmt wurde beispielsweise das Heft vom Juni 1964: "Im Bette unbesiegt"), gibt es wenig Gründe, ein globales Loblied auf das Blatt anzustimmen. Es gab wenig, das man sich heute noch mit reinem Vergnügen oder gar mit Begeisterung anschauen oder durchlesen mag, vielleicht den "Roman-Kompress" und einige der Bildgeschichten und Karikaturen, darunter freilich Meisterwerke wie Lützel Jemans Photoroman "Dichter in Berlin" (Oktober 1965) und F. K. Waechters "Am Strand von Palma" (Mai 1973), oder das Protokoll jener gespenstischen Aktion im Jahr 1968, in welcher ein Schriftsteller namens Bob Hansen ein Kapitel aus Musils "Der Mann ohne Eigenschaften" an die namhaften Verlage versandte - das Manuskript wurde natürlich von allen abgelehnt, selbst von Rowohlt. Das meiste war aber von der Biederkeit der Zeit geprägt, der "pardon" satirisch zu Leibe rücken wollte. So komisch Chlodwig Poths Serie "Mein progressiver Alltag" war, so öd waren in der Regel jene Beiträge, die sich einließen auf die politische Landschaft und ihre Würdenträger, auf die kulturellen Niederungen und deren Repräsentanten. Die Zeitschrift verlor irgendwann (etwa ab 1971) immer mehr von ihrem Witz und von ihrem subversiven Potential, so dass die Recken allmählich ihr Schiff verließen und sich 1979 ihr eigenes bauten: die "Titanic".

Von großer Bedeutung ist "pardon" gleichwohl für die Lesesozialisation der damals Sechzehnjährigen. Ich las die Hefte im Lesesaal der Freiburger Stadtbücherei, und einmal kam der mottenpulvrige Bibliothekar zu meinem Tisch geschlurft, beugte sich herab und fragte mich hüstelnd: "Wissen Ihre Eltern, was Sie da lesen?" Sein Gesicht sehe ich noch: in ihm die alte Bundesrepublik.

Robert Gernhardt antwortete, gefragt nach den schönen frühen Jahren: "Allgemein gab es in dieser Dekade das Gefühl eines enormen Nachholbedarfs. Es war relativ einfach, den Überblick zu behalten, es gab ja wenig. Ich bin sehr früh auf Arno Schmidt gestoßen. Von Böll und Hesse hielten wir nichts, vor Thomas Mann und Gottfried Benn hatten wir Respekt, die waren schon eine Nummer größer. Brecht haben wir natürlich gelesen. Der war damals noch kein Schulbuchautor, der jedem zum Hals raushing". Das ist freundlich gesprochen, denn in den Lesebüchern und Lehrplänen der Gymnasien tummelten sich eine Reihe von eher widerwärtigen Autoren - wie bestellt, um alle aufkeimende Lust an der Literatur zu verhindern, und das war gewiss nicht das einzige Mottenpulvrige dieser Jahre.

Vor allem aber hatte man sich mit einer Literatur eingegraben, die erinnerungsbitter, bedeutungsschwer und pathosgesättigt war: Paul Celan, Rose Ausländer und Nelly Sachs, Günter Eich und Gottfried Benn brachten nur wenig Sonnenstrahlen ins Lesekabinett. Mit "pardon" fand eine Entkrampfung statt, eine Auflösung des Kanons; ein Pathos-resistentes "Komm hinaus ins Freie!" erklang. Ohne es recht zu bemerken, begegnete man dort auf freier Wildbahn einer neuen literarischen Schule, die ohne alle Feierlichkeit dabei war, eine Kulturlandschaft zu zimmern, in der auch noch das Zotige und Unsinnige ihren Platz hatten. Plötzlich war ein Seiteneinstieg in die Literatur möglich, der nichts mit Rudolf Borchardt, Hans Carossa und Hermann Hesse zu tun hatte, freilich auch nichts mit Nelly Sachs oder Paul Celan.

Das lässt sich genauer lokalisieren: "pardon" leistete sich elf Jahre lang einen zweiseitigen Mittelteil (das erste Mal, im September 1964, waren es drei Seiten), dem man rückblickend avantgardistische Qualitäten attestieren kann: "DIE WELT IM SPIEGEL. Die unabhängige Zeitung für eine saubere Welt", ein Blatt im Blatt, das "als Gipfel des Seriösen" (Gernhardt) sich mit einem hehren lateinischen Motto schmückte, wie es beispielsweise der Berliner "Tagesspiegel" heute noch immer tut: "Pro Bono. Contra Malum" (der Literaturwissenschafter ist versucht, über die Bedeutung von Motti auszuholen, aber der Germanist Gernhardt hat das schon erledigt. Er protokolliert auch noch die anderen Varianten, die von ihm und Fritz Weigle erwogen worden waren: "Manus manum lavat; ars pro toto; pars pro forma; non modo, sed etiam!; quosque moped?; avus asinus est; ablativus absolutus est! "

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2006-07-08 00:00:01
Letzte Änderung am 2006-07-07 16:58:00


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