• vom 28.10.2005, 14:41 Uhr

Kompendium

Update: 28.10.2005, 15:27 Uhr

Astronomie

Das Innenleben des Mars




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Von Christian Pinter

  • Eine US-Weltraumsonde erforscht den kalten, rosaroten Wüstenplaneten

Der Rover "Spirit" zog seine Spur bloß durch eine unwirtliche Wüste. Foto: NASA/JPL

Der Rover "Spirit" zog seine Spur bloß durch eine unwirtliche Wüste. Foto: NASA/JPL Der Rover "Spirit" zog seine Spur bloß durch eine unwirtliche Wüste. Foto: NASA/JPL

Gäbe es Gastgärten auf dem Mars, würde der im August gestartete Mars Reconnaissance Orbiter die dort aufgestellten Tische selbst vom All aus noch erkennen - so grandios ist die Auflösung seiner Riesenkamera. Die US-Sonde soll im März 2006 in eine Umlaufbahn um den roten Planeten einschwenken und dann mehr Bits and Bytes zur Erde funken, als alle anderen Marsmissionen zusammen. Dabei hatte es allein zehn Jahre gedauert, sämtliche Daten der beiden 1976 auf dem Mars gelandeten Viking-Sonden auszuwerten. Schon ohne den neuen US-Aufklärer ist heute eine größere Zahl von Kundschaftern mit unserem Nachbarplaneten beschäftigt, als je zuvor: Mars Global Surveyor, Mars Odyssey und Mars Express mustern ihn vom Orbit aus. Rover Spirit und Opportunity haben sich als überraschend ausdauernde "Feldgeologen" am Marsboden erwiesen.


So nah wie selten

Die von den Spähern heimgesandte Bilderflut reicht aus, um jedes Monat ein eigenes "Marsmagazin" zu drucken. Die oft kontroverse Interpretation der Aufnahmen und Daten sorgt für reichlich Lesestoff - und nicht selten für Schlagzeilen. Mars ist aber nicht nur Medienrealität. Jeder kann ihn mit eigenen Augen sehen. Verwechslungen sind derzeit praktisch ausgeschlossen, ist er doch der strahlendste Lichtpunkt am Nachthimmel. Rasch fällt sein ruhiger, leicht rötlicher Glanz auf. Am 30. Oktober 2005 trennen uns 69 Millionen km von ihm. So günstige Bedingungen gibt es erst wieder 2018. Richtet man jetzt ein 90-fach vergrößerndes Teleskop auf den Mars, erscheint er ähnlich groß wie der Mond dem freiem Auge.

Seit knapp vier Jahrhunderten mustern geduldige Beobachter den Mars durchs Fernrohr. Die erzielbare Auflösung liegt dabei meist bei einigen hundert Kilometern. Deshalb erspäht man, von wenigen Ausnahmen abgesehen, keine Krater, Vulkane, Gebirgszüge oder Schluchten - nur ausgedehnte Regionen unterschiedlicher Reflexionskraft. Die dunkleren sind mit Staubpartikeln bedeckt; die helleren von Feinstaub mit einem Teilchendurchmesser von wenigen Tausendstel eines Millimeters.

Science-Fiction-Autoren träumen manchmal davon, den kalten Wüstenplaneten mittels "Terraforming" in eine blühende Welt zu verwandeln. Doch das könnte bereits am Silikatstaub scheitern. Niemand weiß, ob er nicht giftig ist, organische Verbindungen angreift oder die Haut verbrennt. Etwaige Marsbewohner, mangels Ozonschicht sowieso schon der solaren UV-Strahlung ausgesetzt, hätten dann nichts zu lachen. Und Astronauten müssten peinlich darauf achten, den Staub nicht über Stiefel oder Handschuhe ins Raumschiff zu tragen.

Mars Global Surveyor fotografierte Tornados, die in mäanderähnlichen Pfaden dahinziehen. Sie peitschen den Staub mit 100 km/h über das Basaltgestein, ragen dabei acht bis zehn Kilometer hoch auf. Im marsianischen Südsommer arten lokale Staubstürme mitunter zur globalen Plage aus. Das könnte auch jetzt geschehen: Die aufgewirbelten Teilchen streuen dann das Sonnenlicht und vereiteln so den Blick auf die Oberfläche. Selbst am klarsten und windstillsten Tag schweben noch reichlich Partikel in der Luft. Der Marshimmel ist deshalb rosarot. Die Eisenoxide Magnetit und Hämatit schenken dem Staub die an Rost erinnernde Tönung.

Die Oxidation des Eisens geschah äußerst langsam. Die Marsatmosphäre kennt bloß Spuren von freiem Sauerstoff. Kohlendioxid dominiert mit einem Anteil von 95 Prozent. Das Treibhausgas lässt die Tageshöchstwerte am Äquator bis auf 20 Grad C klettern. Doch bald nach Sonnenuntergang fallen die Temperaturen um hundert Grad. Die "Marsluft" ist nämlich äußerst dünn. Selbst im tiefen Hellas-Becken zeigte das Barometer kaum ein Hundertstel des irdischen Werts. Wo immer man hinkommt - der Druckanzug ist obligat.

Vulkanische Prozesse

Im Nordbzw. Südwinter friert ein Teil der Marsatmosphäre ein. Bei Temperaturen um minus 130 Grad C setzt sich deren Kohlendioxid in Polnähe als "Trockeneis" ab. Im Frühling verdampft es wieder. Im Norden der Marskugel herrscht jetzt gerade bitterster Winter. Dort verstellt eine gleißend helle Wolkenschicht den Blick auf die Polkappe. Die südliche Kappe ist nun arg zusammengeschrumpft. Ganz verschwindet das Trockeneis dort aber selbst im Sommer nicht. Deshalb gelang es erst der ESA-Sonde Mars Express, das darunter verborgene Wassereis nachzuweisen. Des geringen Luftdrucks wegen fänden Eisläufer nur in Polnähe brauchbare Bedingungen vor: Zwar machte Mars Express sogar auf 71 Grad nördlicher Breite einen isolierten Eisfleck aus - doch in noch größerer Poldistanz ist Wassereis nicht mehr stabil. Es würde verdampfen, schüttete man es nicht rasch mit einer dicken Schicht aus Staub oder Vulkanasche zu.

Vermutlich statteten vulkanische Prozesse den Mars in seinen Kindertagen mit einer deutlich mächtigeren Atmosphäre aus. Sie war vielleicht sogar um vieles dichter als die unserer Erde. Damals hätten Marsbesucher Ausflüge zu Flüssen, Seen oder gar Meeresbuchten buchen können.

Heutige Gäste könnten bloß im Staub baden. Den Kompass dürften sie getrost zu Hause lassen. Zwar fand Mars Global Surveyor magnetische Strukturen im Krustengestein, die von einem früheren, globalen Magnetfeld erzählen. Doch das ist längst Geschichte. Deshalb mangelt es dem Planeten an einer schützenden Magnetosphäre. Der Sonnenwind reißt stündlich vier Tonnen Marsmaterie fort. Messungen des Mars Express deuten es an: Der unerbittliche solare Teilchenstrom dürfte auch die einst dichtere Marsatmosphäre hinweggerafft haben. Und das vermutlich schon vor 3,5 bis 4 Milliarden Jahren. Falls es damals einfache Lebensformen gab, drohte ihnen nun die rasche Auslöschung. Vielleicht blieben bloß Fossilien zurück.

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Dokument erstellt am 2005-10-28 14:41:34
Letzte Änderung am 2005-10-28 15:27:00


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