• vom 30.09.2005, 15:22 Uhr

Kompendium

Update: 30.09.2005, 15:25 Uhr

Film

Das Kaufhaus als Paradies




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Von Robert Schediwy

  • Emile Zolas Roman "Au Bonheur des Dames" als Stummfil m

Vom 8. bis zum 15. Oktober 2005 finden die 24. Internationalen Stummfilmtage von Pordenone statt. Ein besonderes Zuckerl dieser Veranstaltung, bei der Filmfreunde aus aller Welt in die faszinierende Welt des Stummfilms eintauchen können, ist die Voreröffnungsgala am 7. Oktober: Julien Duviviers Film: "Au Bonheur des Dames".


Schon der gleichnamige Roman von Émile Zola erzählt eine faszinierende Geschichte. Der große französische Schriftsteller (1840-1902) versuchte ja, die gesellschaftliche Entwicklung seiner Zeit in allen ihren Höhen und Tiefen auszuloten. Heute mag das als befremdliches oder banales Unterfangen erscheinen - die "hohe" Literatur widmet sich nunmehr den subjektiven Befindlichkeiten ihrer Autoren. Aus sozialwissenschaftlicher Sicht sind Zolas Romanzyklus "Die Rougon-Macquart" und die in der Pariser Nationalbibliothek lagernden Materialien dazu aber wahrscheinlich spannender als die vermarkteten Neurosen zeitweilig modischer Autoren. Es berührt einen eigenartig, wenn man sieht, mit welcher Akribie der große Naturalist die Sphären der Gesellschaft untersuchte, die er darstellen wollte. Im Falle des "Paradieses der Damen" (so der deutsche Titel) ging es um den Kampf des kleinen Einzelhändlers gegen das aufkommende Großwarenhaus, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts seinen Siegeszug von Paris aus antrat. Zola betrieb umfangreiche betriebswirtschaftliche und soziologische Studien, er interviewte Geschäftsführer, Abteilungsleiter und Verkäuferinnen des "Bon Marché" und des "Louvre"-Warenhauses, und er beschäftigte sich mit kommerziellen Details. Sein fiktives Riesenwarenhaus sollte ein perfektes Beispiel darstellen, deshalb beschrieb er dessen Verwaltung im Wesentlichen nach dem Modell des "Bon Marché", während ihm der "Louvre" zwar schlechter organisiert, in der Warenpräsentation aber überlegen erschien.

Zolas 380 Seiten starke Dokumentation fand sich, als ich Einsicht in sie nehmen konnte, unter den Nummern 10277 und 10278 der "französischen Neuerwerbungen" in der prachtvollen alten Pariser Nationalbibliothek - ein Schatz auch im Hinblick auf die Dokumentation der Geschichte der Großvertriebsformen des Einzelhandels. Lockartikel, die zum Einstandspreis verkauft wurden, Werbeaktionen wie Gratisluftballons für Kinder, die somit zu unwissenden Reklameträgern gemacht wurden, gab es auch schon im 19. Jahrhundert.

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Dokument erstellt am 2005-09-30 15:22:06
Letzte Änderung am 2005-09-30 15:25:00


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