• vom 19.08.2005, 13:34 Uhr

Kompendium

Update: 19.08.2005, 14:05 Uhr

Astronomie

Ist "2003 UB313" ein Planet?




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Von Christian Pinter

  • Über die Suche nach Planeten und die Schwierigkeiten der Nomenklatur am Himmel

"2003 UB313" ist in einer ewigen Eiszeit gefangen. 15 Milliarden Kilometer trennen ihn von der Sonne. Fiktive Grafik: Pinter

"2003 UB313" ist in einer ewigen Eiszeit gefangen. 15 Milliarden Kilometer trennen ihn von der Sonne. Fiktive Grafik: Pinter "2003 UB313" ist in einer ewigen Eiszeit gefangen. 15 Milliarden Kilometer trennen ihn von der Sonne. Fiktive Grafik: Pinter

Es musste ja so kommen: Am 29. Juli gaben Mike Brown, Chad Trujillo und David Rabinowitz den Fund eines neuen Himmelskörpers im Außenbezirk unseres Sonnensystems bekannt. Erstmals fotografiert hatten sie den zarten Lichtpunkt am 31. Oktober 2003 am kalifornischen Mount Palomar-Observatorium. Doch seine verräterische und überaus langsame Bewegung fiel erst am 8. Jänner 2005 auf. Seither bemühte sich das Astronomentrio, Bahn und Dimension des Wandelsterns abzustecken. Tatsächlich ist der größte Weltenfund seit 1930 gelungen. Rasch machte die Nachricht von der Entdeckung eines "zehnten Planeten" die Runde.


Die neue Welt mit der provisorischen Bezeichnung "2003 UB313" weilt im Sternbild Walfisch. Um sie am Himmel mit eigenen Augen zu sehen, müsste man ihren Schein 100.000-fach verstärken. Eine solche Distanz schafft kein Amateurfernrohr. Der Grund für die Lichtschwäche: 2003 UB313 ist 97-mal weiter von der Sonne entfernt als die Erde und erhält somit bloß ein Zehntausendstel des uns vertrauten Sonnenlichts. Flöge man zu dieser eisigen Welt, schrumpfte die Sonne zu einem Punkt ohne erkennbare Ausdehnung und strahlte nur noch mit dem Glanz von 60 Vollmonden. Selbst tagsüber bleibt das Firmament mit 4.500 Sternen übersät. 2003 UB313 hat nicht einmal den Hauch einer Atmosphäre - und daher auch kein "Himmelsblau". Der Planet hat eine Bodentemperatur von minus 240 Grad Celsius.

Auf der Suche nach Pluto

Um die Aufregung über einen derart unwirtlichen Himmelskörper zu verstehen, müssen wir das Rad der Zeit zurückdrehen: Anfang des Jahres 1781 waren nur die Planeten Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter und Saturn bekannt. Im März dieses Jahres stieß William Herschel zufällig beim Blick durch sein Fernrohr auf Uranus. Dieser hielt sich nicht an die Keplerschen Gesetze. Offenbar beeinflusste die Anziehungskraft einer noch ferneren Welt seinen Lauf. Urbain Le Verrier kalkulierte die Bahn und den aktuellen Aufenthaltsort dieses verborgenen, achten Planeten. Auf diese Weise ging im Jahr 1846 Neptun ins Netz der Astronomen.

Die Störungen der Uranusbewegung waren damit, vermeintlich, noch immer nicht ganz ausgeräumt. Man begann nach einem weiteren Himmelskörper zu fahnden, der um vieles größer als die Erde sein sollte. In Flagstaff, Arizona, lichtete Clyde Tombaugh die Sternbilder des Tierkreises ab. Im Februar 1930 fand er dabei Pluto. Im Jahr 1978 reichte James Christy den Plutomond Charon nach. Gegenseitige Bedeckungen der beiden Himmelskörper verrieten Ende der 1980er Jahre Plutos wahre und recht enttäuschende Dimension. Er misst bloß 2.300 Kilometer - das ist kaum ein Fünftel des Erddurchmessers. Selbst der schmächtige Planet Merkur überflügelt ihn noch ums Doppelte.

Unser Planetensystem ist von einer interessanten Zweiteilung geprägt: Innen kreisen die vier relativ kleinen Steinplaneten Merkur, Venus, Erde und Mars, außen die vier im Schnitt zehnmal größeren Gasplaneten Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun. Zwischen den beiden höchst unterschiedlichen Quartetten ziehen Abertausende Eisen- und Steinasteroiden dahin. Das größte Objekt dieses Asteroidengürtels ist die Ceres mit 1.000 km Durchmesser.

Selbst Neptun, der fernste und bescheidenste der Gasplaneten, überragt unsere Erde um das Vierfache. Hinter solchen Giganten noch einen Planetenwinzling wie Pluto anzusiedeln, erschien Astronomen zunehmend absurd. Doch Pluto hatte sich längst etabliert. Er wurde in der astronomischen Literatur, in Schulbüchern, auf Postern des Sonnensystems und auf Briefmarken längst als "neunter Planet" bezeichnet.

Himmelskundler stecken das Sonnensystem in "Astronomischen Einheiten" (AE) ab. Eine AE entspricht dem mittleren Bahnradius der Erde - rund 150 Millionen Kilometer. Unser Planet kreist in einer AE um die Sonne, Neptun in 30. Manchmal driften Schweifsterne ins innere Sonnensystem. Kehren sie nach weniger als 200 Jahren wieder, spricht man von "kurzperiodischen Kometen". Wie Rechnungen zeigen, liegen deren sonnenfernste Bahnpunkte oft jenseits von 30 AE. Aus diesem Grund schloss Gerald Kuiper 1951 auf ein Kometenreservoir hinter der Neptunbahn. Fotografieren konnte man die Kometenkerne im dunklen "Kuiper-Gürtel" ( engl.: "Kuiper Belt" ) nicht. Sie sind ja nur einige wenige Kilometer klein. Doch 1992 machten David Jewitt und Jane Luu dort einen rund 200 Kilometer großen Himmelskörper aus. Mit "1992 QB1" hatte Pluto, bis dahin einsamer Außenposten des Planetensystems, Gesellschaft bekommen.

Rasch folgten weitere Funde ähnlicher und noch größerer Dimension. Man sprach von "Transneptun-Objekten" (TNOs) oder "Kuiper-Gürtel-Objekten" (KBOs). Heute kennt man rund 1.000 solcher Miniwelten. Jedes Jahr kommen 100 hinzu. Zunächst erhalten sie eine provisorische Bezeichnung, die ihr Entdeckungsdatum widerspiegelt. Nur den aufregendsten Funden schenkte man rasch Namen aus der Welt der Mythologie, wie etwa "Chaos", "Deucalion", "Ixion", "Rhadamanthus" oder "Orcus".

Pluto zieht in 39,5 AE mittlerer Sonnendistanz dahin. Er ist der einzige Planet, der die Bahn seines Nachbarn kreuzt. Zu einer Kollision zwischen Neptun und Pluto kommt es aber nicht, denn der Gasriese zwang dem Eiszwerg nämlich eine "2:3-Resonanz" auf. Während Neptun drei Sonnenumläufe vollführt, schafft Pluto nur zwei. Das hat Pluto mit einer ganzen Gruppe von KBOs gemein: Die Plutinos zeigen wie er Umlaufszeiten um 248 Jahre. Die Twotinos brauchen rund 330 Jahre, zweimal so lang wie Neptun. Manche Miniwelten sind in noch seltsameren Resonanzen wie 4:5 oder 2:5 gefangen. Die sogenannten "klassischen KBOs" - nach dem Erstfund 1992 QB1 auch "Cubewanos" genannt - lassen jegliche Synchronisation mit Neptun vermissen. Sie bevorzugen kreisähnliche Bahnen. Hingegen tragen langgezogene Ellipsen die Scattered Disk Objects (SDOs) weit aus dem Kuiper-Gürtel hinaus. Die SDOs kamen Neptun wohl zu nahe und wurden von ihm gleichsam in alle Winde "verstreut". Auch dem neuentdeckten 2003 UB313 dürfte solch ein Missgeschick widerfahren sein.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2005-08-19 13:34:31
Letzte Änderung am 2005-08-19 14:05:00


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