• vom 24.06.2005, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 24.06.2005, 15:33 Uhr

Computer

Manuell oder digital?




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Von Hermann Schlösser

  • Das ungewisse Schicksal der Handschrift im Zeitalter des Computers
  • Wer heutzutage noch viel und gern mit der Hand schreibt, ist nicht auf der Höhe der Zeit. Mögen seine Gedanken auch unerhört neu sein - wenn er sie nur mit der Füllfeder oder dem Kugelschreiber zu Papier bringt, haben sie kaum Aussicht auf öffentliche Beachtung. Wer das bezweifelt, kann die Probe machen und eine handgeschriebene Arbeit - also ein Manuskript im genauen Sinn des Wortes - einem Verlag oder einer Zeitungsredaktion zur Publikation anbieten.

Was jahrhundertelang üblich war, wird heute im freundlichsten Fall mitleidiges Kopfschütteln hervorrufen. Da die Texte nicht mehr gesetzt, sondern auf elektronischem Weg in ein digitalisiertes Redaktionssystem eingespeist werden, erfordert ein Manuskript einen Arbeitsgang, der im derzeitigen Publikationsalltag nicht mehr vorgesehen ist: Jemand muss den Text abschreiben, denn der Scanner, der bei den auch schon recht selten gewordenen Typoskripten seine Dienste tut, wird sehr fehleranfällig, wenn er einen handgeschriebenen Text ins Computerische übertragen soll. Da macht es kaum einen Unterschied, ob der Text schön und leserlich geschrieben ist oder nicht.


Damit scheint das Schicksal der Handschrift im digitalen Zeitalter besiegelt zu sein: Was den Computern nicht passt, missfällt irgendwann auch den Usern und wird daher aus dem Kommunikationsgeschehen ausgeschlossen. Selbst der Brief, der für lange Zeit das sicherste Reservat des handschriftlichen Ausdrucks gewesen ist, musste mittlerweile der elektronischen Post weichen. Per E-Mail wird sehr viel und sehr schnell kommuniziert, so dass die konventionelle Post durch die elektronische Konkurrenz zur Schneckenpost oder Snail Mail degradiert wird. Obwohl im elektronischen Schriftverkehr die Diskretion weit weniger gesichert ist als bei einem verschlossenen und womöglich sogar versiegelten Brief, vertrauen viele E-Mailer dem neuen Kommunikationsmedium auch intimste Gedanken und Gefühle an. Auf die Handschrift müssen sie dabei allerdings verzichten.

Allerdings liegt genau in dieser Verdrängung der Handschrift auch die Chance zu ihrer Wiederkehr. Wenn nämlich das E-Mail zur Normalform der brieflichen Kommunikation geworden ist, kann zum Beispiel ein handschriftlicher Geburtstagsglückwunsch den Mehrwert des Besonderen gewinnen und dadurch wieder attraktiv werden.

Schreiben als Kult

Menschen, die nach würdigen Formen des Auftretens suchen, pflegen zu diesem Zweck zuweilen die Handschrift. Der Herr, der im Wartesaal eines Flughafens einen Füllfederhalter zückt, ein ledergebundenes Büchlein öffnet und etwas hineinschreibt, will sich von seinen Mitreisenden, die ihre Notebooks in Gang setzen, unterscheiden. Seine Sonderstellung bleibt auch dann erhalten, wenn er nur Geschäftstermine notiert, denn sie verdankt sich nicht dem Inhalt seiner Notizen, sondern dem verwendeten "Aufschreibsystem" (mit diesem vortrefflichen Begriff hat der Medientheoretiker Friedrich Kittler alle Schreibweisen von der Keilschrift bis zur EDV auf ihren kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht.)

Überzeugte PC-Benutzer werden solche Demonstrationen des Andersseins als affektiert oder altertümlich abtun. Dennoch begegnet man ihnen häufig. Man braucht sich nur umzuschauen: In allen Schreibwarengeschäften liegen kostbare Briefpapiere, teure Schreibgeräte und vor allem schöne Notizbücher. Sie würden nicht angeboten, wenn sich keine Interessenten dafür fänden.

Selbstverständlich werden diese edlen Materialien auch aus Repräsentationsgründen erworben - sie sind zum Beispiel sehr geeignet als exquisite Geschenke. Doch erschöpft sich ihre Bedeutung nicht darin. Ihre wichtigste - oder jedenfalls interessanteste - Rolle spielen sie in einigen Privatkulten, in deren Zentrum das Schreiben selbst steht und kein irgendwie gearteter repräsentativer Nebeneffekt.

Nun schreiben wir ja alle ständig irgend etwas - vom Einkaufszettel bis zur Banküberweisung. Aber der kultische Umgang mit der Schrift hebt sich über die Gebrauchsschreiberei hinaus. Hier geht es nicht um Nachrichtenübermittlung, sondern um Bedeutsamkeiten. Wer in einem Kaffeehaus sitzt und in seinem Moleskine -Notizbuch - dem gleichen, das schon Bruce Chatwin benutzte! - einige Aperçus festhält, bringt ja nicht nur einen Text hervor, sondern auch und vor allem sich selbst: Er ist es, der es genießt, schreibend im Kaffeehaus zu sitzen, und kein anderer.

Es gibt Schreibende, denen diese Möglichkeit der Selbstfindung (oder -erfindung) wichtiger ist als die Texte, die dabei entstehen. Man erkennt sie daran, dass sie niemals sagen "ich schreibe etwas " - einen Roman, einen Essay, ein Gedicht -, sondern immer nur "ich schreibe", als wäre mit diesem intransitiven Gebrauch des Verbums alles Nötige gesagt.

Wer so intensiv und zugleich so privat mit der Schrift umgeht, kann nicht unbedingt mit Publikum rechnen, ist aber vielleicht auch nicht darauf angewiesen. Es gibt viele Geheimschreiber, die nicht zur Feder greifen, um Geld zu verdienen, sondern um ein Verhältnis zu sich selbst zu gewinnen. Manche halten dabei genaue Zeiten ein, schreiben also immer nur am Frühstückstisch oder in der letzten Stunde vor dem Schlafengehen, andere bringen vielleicht Monate lang gar nichts zustande, um dann in einer eruptiven Nacht ein ganzes Notizbuch zu füllen.

Im Verlauf dieser kreativen Prozesse können umfangreiche Tagebücher zustande kommen oder zusammenhangslose Fragmente - das hängt wohl davon ab, ob jemand schreibend nach Kontinuitäten sucht, die er im Alltagsleben vermisst, oder ob er im Gegenteil die Einförmigkeit der Alltagsroutine durchbrechen will.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2005-06-24 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-06-24 15:33:00


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