• vom 24.06.2005, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 24.06.2005, 15:34 Uhr

Broch

"mit fingern zwei": tick-tick-rrrr




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Von Evelyne Polt-Heinzl

  • Schriftsteller und ihre Schreibgeräte: Hesse, Jandl, Broch - Remington, Adler, Underwood

Vielfältig wie der Schriftsteller Schreibweisen sind auch die Schreibmaschinen, derer sie sich bedienen - hier eine kleine Auswahl von alten und älteren Modellen (heute freilich schreiben die meisten Autoren am Computer). Illustration: Archiv

Vielfältig wie der Schriftsteller Schreibweisen sind auch die Schreibmaschinen, derer sie sich bedienen - hier eine kleine Auswahl von alten und älteren Modellen (heute freilich schreiben die meisten Autoren am Computer). Illustration: Archiv Vielfältig wie der Schriftsteller Schreibweisen sind auch die Schreibmaschinen, derer sie sich bedienen - hier eine kleine Auswahl von alten und älteren Modellen (heute freilich schreiben die meisten Autoren am Computer). Illustration: Archiv

Nietzsche erwirbt die Malling Hansensche Schreibkugel - das war dem "Berliner Tagblatt" 1882 eine Notiz wert. Leider erwies sich das neue Gerät als äußerst reparaturanfällig, und statt auf seiner bald kaputten Schreibmaschine schreibt Nietzsche in seinen Briefen fortan über sie. Die Nutzung neuer Technologien zwingt deren Pioniere häufig zu einem zwischenzeitlichen Verzicht auf das, was mit ihrer Nutzung vorangetrieben werden sollte - zum Beispiel das Schreiben - und konzentriert die Aufmerksamkeit auf das Eigenleben der Apparatur. Im April 1883 versucht ein befreundeter Arzt Nietzsches Schreibkugel instand zu setzen; nicht ganz erfolglos, denn Nietzsche berichtet, er habe ihm einen Vers gezeigt, "den er mit ihr zuwege gebracht hatte und der anfieng: Schreibkugel ist ein Ding gleich mir von Eisen." Der schöne Satz ist also nicht von Nietzsche, auch wenn das oft behauptet wird.


Zufällige Erfindungen

Erfunden wurde die Schreibmaschine, wie alle technologischen Errungenschaften der Schreibkultur - auch die Schrift selbst -, im Dienste des Kaufmanns und der (militärischen) Bürokratie. Hermes nannte sich eine bekannte Schweizer Marke, nach dem Gott der Händler und Diebe. Die amerikanische Remington hingegen heißt nach dem Eigner der Gewehrund Nähmaschinenfabrik Philo Remington, die ab 1874 in Serie produzierte, was der Buchdrucker Latham Sholes, der Zeichner Carlos Glidden und der Mechaniker Samuel Soulé entwickelt hatten. Es scheint kein Zufall zu sein, dass Nähen als klassische weibliche Handarbeit und Schreiben als klassische männliche Arbeit fast zeitgleich der Rationalisierung unterworfen wurden.

Nicht ganz geklärt ist die Rolle des Südtirolers Peter Mitterhofer. Zwischen 1864 und 1869 konstruierte er fünf Schreibmaschinenmodelle. Das Gerücht, Sholes habe eines davon nachgebaut, hält sich hartnäckig. Doch es ist wohl einfach so, wie es in der Technikgeschichte gar nicht selten zu sein scheint, dass fast zeitgleich ein dänischer Pastor (Malling Hansen), ein Südtiroler Zimmermann (Mitterhofer) und ein amerikanischer Buchdrucker (Sholes) zu ähnlichen Lösungen kamen. "Alle Erfindungen" , so Lichtenberg, "gehören dem Zufall zu, die eine näher, die andre weiter vom Ende, sonst könnten sich vernünftige Leute hinsetzten und Erfindungen machen, so wie man Briefe schreibt."

"Jede technische Revolution ruft einen Tross von philosophischen Marketendern auf den Platz, die aus dem Stand erklären können, warum mit Velo, Büstenhalter oder, wie dieser Tage, mit dem Computer ein neues Zeitalter beginnt" , schrieb Martin Frank 1985 in einem frühen Bekenntnis zum Schreibgerät Computer. Die Bildbeigabe stammt von Johann Joseph Schmeller und zeigt Geheimrat Goethe in seinem Arbeitszimmer stehend, neben ihm sitzt ein Schreiber mit gezücktem Gänsekiel. Bildunterschrift: "Johann Wolfgang von Goethe vor seinem Computer". Interessant an Martin Franks Erklärung ist das werbende Bekenntnis zur Marke (Nova Automation). Das war bei der Schreibmaschine ähnlich: "Ich besitze seit drei Jahren eine Adlerschreibmaschine", teilte Carl Zuckmayer in der "Literarischen Welt" vom 22. März 1929 in einer Werbeanzeige mit, und er war nicht der einzige Autor, den die Firma Adler für ihre Kampagne nutzte. " Der Adlerhorst, ein Hort kaufmännischen Wissens und Wirkens", höhnte Karl Kraus in der "Fackel".

Auch die apokalyptischen Debatten von damals sehen jenen anlässlich des ersten Erscheinens des Computers recht ähnlich. " Die Schreibmaschine entreißt die Schrift dem Wesensbereich der Hand, und d. h. des Wortes", wetterte Martin Heidegger noch 1940. Die Vorreiter fühlten sich damals wie heute mit dem Siegel der Modernität geadelt und zu einer gewissen Missionarstätigkeit berufen. Hermann Hesse etwa war ein Schreibmaschinen-Fan der ersten Stunde: "Der Übergang von der Hacke zum Pflug, von der Feder zur Schreibmaschine tut gut und regt an."

"mit fingern zwei / maschinzuschreiben / sei dichters vorrecht", meinte Ernst Jandl. Doch Schriftsteller und vor allem Schriftstellerinnen lernten das neue Schreibgerät oft im Büro-Umfeld kennen. Joe Lederer arbeitete im Wiener Bankhaus Pollak, bis es 1924 Bankrott machte. Lederer übersiedelte nach Berlin und tippte dort ihren ersten Roman "Das Mädchen George", das genauso Erfahrungen als Bürofräulein macht wie die Titelfigur von Irmgard Keuns drei Jahre später erschienenem Roman "Gilgi - eine von uns". Gilgi "schreibt schnell, sauber und fehlerfrei. Ihre braunen, kleinen Hände mit den braven kurznägelig getippten Zeigefingern gehören zu der Maschine und die Maschine gehört zu ihnen. Tick-tick-tick - rrrr . . ." Offenbar schreibt Gilgi mit zwei Fingern, aber das mit Begeisterung und Effizienz. Doch bald ist auch sie Teil des Arbeitslosenheeres; einen Kurzzeitjob hätte sie eventuell als Revuegirl finden können. "Die lebende Schreibmaschine" hieß ein Szenenbild der Revue "Das lachende Berlin" (1925). Die Scheiben mit den aufgedruckten Schriftzeichen waren groß genug, die Gesichter der Mädchen zu verdecken, wenn ihre Körper als tableau vivant die Schreibmaschine bildeten.

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Schlagwörter

Broch, Hesse, Schreiben

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Dokument erstellt am 2005-06-24 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-06-24 15:34:00


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