• vom 17.06.2005, 17:27 Uhr

Kompendium

Update: 17.06.2005, 17:54 Uhr

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Von Stefan Broniowski

  • Zum 100. Geburtstag des französischen Philosophen und Dichters Jean-Paul Sartre

Im Mai ´68 unterstützte Jean-Paul Sartre die Studentenproteste, wie hier an der Pariser Sorbonne. Foto: AFP

Im Mai ´68 unterstützte Jean-Paul Sartre die Studentenproteste, wie hier an der Pariser Sorbonne. Foto: AFP Im Mai ´68 unterstützte Jean-Paul Sartre die Studentenproteste, wie hier an der Pariser Sorbonne. Foto: AFP

So hätten es manche wohl gerne: Jean-Paul Sartre - ein toter Hund; ein Dramatiker, dessen Stücke nicht mehr aufgeführt, ein Erzähler, dessen Romane nicht mehr gelesen werden, ein Philosoph, dessen Denken im akademischen Raum keine Beachtung mehr findet. Ein durchaus gängiges Urteil, wie etwa in der "Frankfurter Rundschau" Anfang dieses Jahres anlässlich der großen Ausstellung zum Werk Sartres in der Pariser Nationalbibliothek, gefällt: "Was bleibt? Das Resümee fällt ernüchternd aus: Sein Theater ist nicht mehr lebendig. Die jungen französischen Regisseure kennen ihn nicht oder meiden ihn bewusst. (. . .) Um das philosophische und literarische Werk steht es nicht besser. In den Schulen gehört es noch zur Pflichtlektüre, aber schon an den Universitäten wird Sartre nicht mehr studiert."


Aber sieht es in Wirklichkeit nicht doch anders aus? Alleine im deutschen Sprachraum sind nicht weniger als vier Dutzend verschiedene Bücher des Philosophen, Essayisten, Erzählers und Dramatikers Sartre derzeit lieferbar, die Bände der Gesamtausgabe nicht mitgerechnet. Verlage halten ihre Produkte bekanntlich nicht im Programm, wenn sie sich davon kein Geschäft erhoffen. Man darf also annehmen, dass Sartres Texte, freilich in unterschiedlichem Ausmaß, tatsächlich gekauft und wohl auch gelesen werden. Auf Französisch, Englisch und Italienisch sind die Zahlen der lieferbaren Sartre-Titel erwartungsgemäß noch höher, und die Fülle der Schriften über ihn ist längst unüberschaubar geworden. Der vermeintlich tote Hund bellt also noch ganz schön!

Im Übrigen war Sartre nie, auch in der heißen Phase des Existenzialismus nicht, ein besonderer Liebling der universitären Philosophie. Sartres Texte laden dazu ein, gelesen, nachvollzogen und weitergedacht zu werden, sie fordern nicht Exegese und Schulbildung. Gleichwohl lassen es sich die akademischen Institutionen in aller Welt heuer nicht nehmen, des 20. Todestages und des 100. Geburtstages des im Lehrplan oft ignorierten Meisterdenkers mit Veranstaltungen zu gedenken. Auch die Philosophische Fakultät der Universität Wien hielt unlängst ein Sartre-Symposion mit prominenter internationaler Beteiligung ab.

Legende zu Lebzeiten

Sartre vergessen könnte man nur, wenn man das ganze letzte Jahrhundert vergäße, mit all seinen Aufbrüchen und Niederlagen, Rückständigkeiten und Umwälzungen, Ansprüchen und Verbrechen. Zu Recht gilt Sartre vielen als der exemplarische Intellektuelle des 20. Jahrhunderts. Er war einer der Gründungsväter des Existenzialismus, ein Propagandist des Mai ´68 und verkörperte auf geradezu idealtypische Weise die Verbindung von schriftstellerischer und philosophischer Aktivität mit politischem Engagement. Er war schon zu Lebzeiten eine Legende.

Geboren wird Jean-Paul Sartre am 21. Juni 1905 in Paris. Er verliert früh seinen Vater, einen Marineoffizier, und wächst bei seinem protestantischen, aus dem Elsass stammenden Großvater auf, einem Onkel Albert Schweitzers. Später zieht er mit seiner wiederverheirateten Mutter nach La Rochelle, beendet seine Schulausbildung wieder in Paris und besucht die École Normale Supérieure, die er 1929 abschließt. Er begegnet Simone de Beauvoir, die für das nächste halbe Jahrhundert zur wohl wichtigsten der zahlreichen Frauen an seiner Seite wird.

Nach dem Militärdienst arbeitet Sartre ab 1931 als Gymnasiallehrer für Philosophie in Le Havre, später in Laon. 1933 geht er zu Studienzwecken nach Berlin. Bisher eher durch Descartes, Bergson und allenfalls Kant geprägt, entdeckt er nun die Schriften Husserls und Heideggers für sich. 1936 veröffentlicht er seine erste philosophische Schrift: "L´imagination" ("Die Imagination"), 1937 "La transcendance de l´ego" ("Die Transzendenz des Ego"). Sartre wird Philosophielehrer in Paris.

"Das Sein und das Nichts"

1938 erscheint sein Roman "La nausée" ("Der Ekel"), der ihn berühmt macht. Weitere literarische und theoretische Veröffentlichungen folgen. 1939 wird Sartre zum Kriegsdienst eingezogen und gerät 1940 in deutsche Gefangenschaft, der er mit gefälschten Papieren entkommt. Mit wenig äußerem Erfolg beteiligt er sich an den Aktivitäten einer von ihm mitbegründeten Gruppe der Résistance. 1943 wird sein Theaterstück "Les mouches" ("Die Fliegen") uraufgeführt. Im selben Jahr erscheint auch "L´être et le néant" ("Das Sein und das Nichts"), Sartres erstes theoretisches Hauptwerk. Außerdem lernt er Albert Camus kennen.

Im Herbst 1944 gründet Sartre zusammen mit seinem ehemaligen Studienkollegen Maurice Merleau-Ponty die Zeitschrift "Les Temps modernes" . Seine Theaterstücke und philosophischen Schriften machen ihn zum bekanntesten Vertreter des gerade erblühenden Existenzialismus.

Seinen Ruhm mehrt auch, dass seine Werke 1948 auf den Index der römisch-katholischen Kirche gesetzt werden. Sartre nähert sich dem Marxismus an und ergreift - als entschiedener Gegner des Antikommunismus - Partei für die Kommunisten. Er unternimmt zahlreiche Reisen, auch in die Sowjetunion und nach China. 1952 kommt es zu Differenzen mit Merleau-Ponty und zum Bruch mit Camus - in beiden Fällen geht es auch um Sartres Verhältnis zum Stalinismus. Während Sartre 1956 den Einmarsch in Ungarn verharmlost, verurteilt er 1968 die Niederschlagung des "Prager Frühlings".

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2005-06-17 17:27:26
Letzte Änderung am 2005-06-17 17:54:00


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