• vom 03.06.2005, 13:29 Uhr

Kompendium

Update: 03.06.2005, 14:37 Uhr

Astronomie

Lebenszeichen aus dem Weltall




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Von Christian Pinter

  • Die Impaktforschung hat unseren Blick auf die Entstehung der Erde revolutioniert

Nur wenige Millimeter klein, rund 65 Millionen Jahre alt - verwitterte Glassphärulen aus Haiti.

Nur wenige Millimeter klein, rund 65 Millionen Jahre alt - verwitterte Glassphärulen aus Haiti.© Pinter Nur wenige Millimeter klein, rund 65 Millionen Jahre alt - verwitterte Glassphärulen aus Haiti.© Pinter

Im Mai und im Juni 1980 erschienen zwei atemberaubende Artikel in den Zeitschriften "Nature" und "Science" . Nach Ansicht der Autoren griff der Kosmos vor 65 Millionen Jahren mit einem vernichtenden Schlag in die Entwicklung des irdischen Lebens ein. Gut die Hälfte aller Tier- und Pflanzenarten, Saurier inklusive, verschwand damals vom Erdboden.


Der Faunenschnitt definiert die Wende von der Kreidezeit zum Tertiär. Er geschah abrupt und ohne Vorwarnung, schreiben Jan Smit, Amsterdam, und Jan Hertogen, Leuven, am 22. Mai in " Nature ". Eine zeitlich entsprechende Gesteinsschicht aus dem spanischen Caravaca weist einen erhöhten Gehalt an Osmium und Iridium auf.

Zu Staub pulversiert

1980 gilt das berühmte Ur-Meter, ein bei Paris aufbewahrter Platin-Iridium-Stab, noch als Eichmaß dieser Längeneinheit. Iridium ist rar in der Erdkruste. Während der heißen Entstehungsphase unseres Planeten zog es sich gemeinsam mit Platin, Osmium und anderen eisenliebenden Elementen in den Erdkern zurück.

Bei der Geburt von Himmelskörpern geringer Masse - dazu zählen Kometen und die allermeisten Kleinplaneten - ging es wesentlich kühler zu. Deshalb ist der Gehalt an Iridium und Osmium in Steinmeteoriten bis zu 30.000-mal größer als im Erdkrustengestein. Diese Meteorite enthalten nämlich fast alle Materialproben aus dem Kleinplanetenreich.

Für Smit und Hertogen stammt das Iridium von Caravaca also aus dem Kosmos. Für die Zustellung machen sie einen hypothetischen Riesenmeteoriten von 5 bis vielleicht 15 km Durchmesser verantwortlich. Beim Einschlag, dem so genannten "Impakt", soll er einen Krater von mehr als 150 km Durchmesser ausgesprengt haben.

Noch größere Aufregung ruft ein Artikel im US-Magazin " Science " vom 6. Juni hervor. Luis und Walter Alvarez, Frank Asaro und Helen Michel aus Berkeley, Kalifornien, beschreiben darin ebenfalls Iridium-Funde. Ihre Gesteinsproben stammen aus Stevns Klint, Dänemark, aus Woodside Creek, Neuseeland, vor allem aber aus Gubbio, Italien.

Dort trennt eine zentimeterdicke rote Schicht aus Tonmineralen die Kalksteine aus der Kreidezeit (K) und dem Tertiär (T). Der Iridiumgehalt ist hier 30-mal, in den dänischen Proben sogar 160-mal höher als normal.

Für die Alvarez-Gruppe besteht die K-T-Grenzschicht aus irdischem Gestein, das beim Impakt eines Himmelsgeschosses zu Staub pulverisiert und dann weltweit abgelagert wurde. Material der Tatwaffe ist in Spuren beigemengt. Aus der Iridium-Menge schließen die Forscher auf das Kaliber des Projektils: 6 bis 14 km. Bei einer plausiblen Einschlagsgeschwindigkeit um 90.000 km/h hätte es die Energie von 100 Millionen Megatonnen TNT freigesetzt - und deshalb 1.000-mal mehr Staub in die Stratosphäre gewirbelt als die Rekordexplosion des indonesischen Vulkans Krakatau anno 1883.

Von der Hochatmosphäre global verteilt, blockte der Auswurf des K-T-Impakts das Sonnenlicht jahrelang effizient ab. Die Tage blieben dunkler als heutige Mondnächte, berechnet die Alvarez-Gruppe. Die pflanzliche Photosynthese erlosch, die Nahrungskette brach an Land und im Ozean zusammen. Als die Sonne wieder richtig zum Scheinen kam, traf ihr Licht auf eine grundlegend veränderte Welt.

Neu ist diese Idee nicht. Schon Wilhelm Meyer schrieb um 1903, dass ein bloß 10 km kleiner herabstürzender Körper alle Ordnung auf Erden innerhalb weniger Stunden zerstören könnte - und zwar für Jahrhunderttausende.

Doch erst im Frühjahr 1980 liegt eine detaillierte Rekonstruktion eines solchen Desasters vor. Ein wichtiges Element fehlt aber: der eigentliche Tatort. Man kennt zwar drei im Format passende Riesenkrater mit 100 km Durchmesser und mehr. Doch der Sudbury-Krater in Kanada ist ebenso wie der südafrikanische Vredefort viel zu alt - und Sibiriens Popigai zu jung.

Die K-T-Hypothese

In den nächsten Jahren widmen sich zahlreiche Astronomen, Physiker, Geologen, Chemiker und Paläontologen der K-T-Hypothese. Sie gerät zum Motor der jungen, von Anfang an interdisziplinär ausgerichteten Impaktforschung. Man findet weitere Krater und untersucht die Veränderungen im Gestein, die deren brutale Entstehung hervorgerufen hat. Eine Flut von Publikationen erscheint. Die Iridium-Anomalie wird an mehr als hundert Plätzen nachgewiesen - unter anderem im Salzburger Elendgraben.

Von der Kraft des Rekordeinschlags zeugen ferne Spuren von natürlichem Glas, die man schon Anfang der achtziger Jahre in der K-T-Grenzschicht aufgestöbert hat. Meist sind die Millimeter kleinen Kügelchen stark verwittert. Sie entstanden aus irdischem Gestein, das beim Impakt aufschmolz oder verdampfte. Die heiße Materie stieg bis zum Weltraum hoch. Dabei formten sich so genannte Sphärulen , die noch Tausende Kilometer vom Einschlagsort entfernt als gigantischer Glasregen herabfielen.

Die Medien greifen die Impakttheorie rasch auf. Vor allem das gewaltsame Ende der Saurier fasziniert viele. Paläontologen bleiben skeptisch. Die komplexe Geschichte des Lebens mit plötzlichen Manipulationen aus dem All erklären zu wollen, mutet vielen allzu simpel, ja willkürlich an. Stattdessen gehen sie lieber von Überspezialisierung und Degeneration der Arten aus, machen langsame Wechsel der Umweltbedingungen, Variationen des Meeresspiegels und der Meeresströme verantwortlich - oder Klimaänderungen, ausgelöst durch gigantische Vulkane.

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Schlagwörter

Astronomie, Weltraum

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2005-06-03 13:29:03
Letzte Änderung am 2005-06-03 14:37:00


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