• vom 25.02.2005, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:10 Uhr

Kunst

Der Maler als Engel




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Von Stefan Broniowski

  • Anmerkungen zu Leben und Werk von Marc Chagall (1887 bis 1985)

Es ist wohl unmöglich, noch nie ein Bild von Marc Chagall gesehen zu haben; und ebenso unmöglich ist es, ein Bild von Chagall nicht sofort als solches zu erkennen: fliegende Menschen und Tiere, gemütliche Dorfszenen, lustiges Zirkusvolk, Rabbiner und Bäuerinnen, Esel und Engel, grüngesichtige Fiedler auf Dächern, unzählige Blumensträuße und Liebespaare - und zwischendurch der eine oder andere Gekreuzigte. Chagalls Publikum weiß, was es von ihm zu erwarten hat, und genießt es, wenn seine Erwartungen erfüllt werden. Chagalls Bilder beunruhigen nicht, erschrecken nicht, verstören nicht, hier sieht eine Ziege noch aus, wie man sich vorstellt, dass eine Ziege auszusehen hat, hier ist die Welt, wenn schon nicht heil, so doch immerhin freundlich und bunt.


Zwei Weltkriege, eine Revolution, der Holocaust - das und noch mehr an Schrecklichem hat sich während des fast hundertjährigen Lebens Marc Chagalls zugetragen; von all dem war er durchaus persönlich betroffen und hat sich dem doch auch wieder ganz entschieden entzogen. So war sein Leben wie sein Werk: traumhaft, schwebend, wundersam.

Erste Ausstellung in Berlin

Mojsche Segall wird am 7. Juli 1887 in Liosno bei Witebsk als ältestes von neun Kindern einer Heringshändlerin und eines Arbeiters geboren. Gegen den Willen des Vaters und mit Unterstützung der Mutter erhält er Kunstunterricht und darf 1907 nach Sankt Petersburg gehen, wo er als Retuscheur bei Fotografen arbeitet und an der Kunsthochschule studiert. Erste Bildverkäufe und ein Stipendium machen es ihm 1910 möglich, ins Ausland zu reisen. In Paris, wo er die nächsten vier Jahre lebt, begegnet er den Vertretern der gerade hochmodernen kubistischen, futuristischen und fauvistischen Malerei - Stilrichtungen, denen sich Marc Chagall, wie er sich fortan nennt, zwar nicht anschließt, die ihn aber nachhaltig beeinflussen.

Seine erste Einzelausstellung hat Chagall 1914 in Berlin, in der Galerie "Der Sturm", die zu Herwarth Waldens gleichnamiger expressionistischer Zeitschrift gehört. Überhaupt sind es zunächst Galeristen und Sammler in Deutschland, die Chagall fördern.

Der Ausbruch des Weltkrieges überrascht Chagall zu Hause in Russland. Er leistet Kriegsersatzdienst, kann aber sogar in dieser Zeit an mehreren Ausstellungen in Moskau und Sankt Petersburg teilnehmen.

Nach der Revolution wird Chagall 1918 Volkskommissar für bildende Kunst in Witebsk. Er beteiligt sich an der Gründung der dortigen Kunstschule, überwirft sich aber bald mit seinen Kollegen Kasimir Malewitsch und El Lissitzky, deren abstrakte Kunst er völlig ablehnt. Chagall geht nach Moskau, wo er das neu gegründete jüdische Theater mit Gemälden ausstattet und Bühnenbilder und Kostüme für die Stücke Shalom Alejchems entwirft.

Chagalls Konflikt mit dem revolutionären Avantgardismus hält an, weshalb er 1922 wieder in den Westen geht, erst nach Berlin, dann nach Paris, wo er die nächsten beiden Jahrzehnte lebt. Auch Chagall gehört zu jenen Künstlern, deren Schaffen von den an die Macht gelangten Nazis der "entarteten Kunst" zugerechnet wird. 1937 werden alle seine Werke aus öffentlichen Sammlungen entfernt, die meisten werden aber nicht zerstört, sondern in der neutralen Schweiz gegen wertvolle Devisen verkauft. Chagall ist mittlerweile französischer Staatsbürger geworden. Als die Deutschen 1941 Frankreich besetzen, kann er sich in die USA in Sicherheit bringen. Erst 1948 übersiedelt er wieder nach Europa und nimmt, wie vor ihm schon Picasso und Matisse, seinen Wohnsitz in Südfrankreich.

Die folgenden fast vier Jahrzehnte sind geprägt von seiner ungebrochenen Schaffenskraft und unzähligen internationalen Ehrungen, Auszeichnungen und öffentlichen Aufträgen. Es entstehen Wandgemälde, Mosaiken und Glasfenster, u. a. für die Vereinten Nationen, für die Opern in New York, Paris und Frankfurt am Main, für mehrere christliche Sakralbauten und für die Knesset, das israelische Parlament. In Deutschland wird Chagall seit den 1950er Jahren wieder ausgestellt und erweist sich als Publikumsliebling; deutsche Museen beginnen mit dem Rückkauf einst beschlagnahmter Bilder und mit Neuerwerbungen. Chagalls letztes Werk sind die Glasfenster für die Kirche Sankt Stephan in Mainz. Nach einem langen und erfüllten Leben stirbt der Künstler am 28. März 1985 in Saint-Paul de Vence.

"Er muss irgendwo in seinem Kopf einen Engel haben", sagte Picasso einmal über Chagall: "Wenn er malt, weiß man nicht, ob er schläft oder wacht." Damit sind zwei charakteristische Momente in Chagalls Schaffen angesprochen: das Religiöse und der Traum.

Chagall selbst porträtiert sich zuweilen als malenden Engel. Seine Kunst versteht er als Preisung des Schöpfers, vermittelt durch ein Lob der Schönheit des Geschaffenen. Und doch entzieht er sich der Wirklichkeit dieses Geschaffenen, indem er es in seinen eigenen Nachschöpfungen idealisiert.

"Nur Liebe interessiert mich, und ich bin nur in Verbindung mit Dingen, die sich um Liebe drehen." Anders als die meisten seiner zeitgenössischen Künstlerkollegen interessiert Chagall das Rohe, Wilde, Hässliche, Grausame der wahrnehmbaren Wirklichkeit nicht. Darum lehnt er die Abstraktion vehement ab. Von Kubismus und Fauvismus entlehnt er nur, was er

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Schlagwörter

Kunst, Malerei

Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2005-02-25 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:10:00

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