• vom 24.12.2004, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:11 Uhr

Astronomie

Das große Weltraumabenteuer




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Von Christian Pinter

  • Der Roboter "Huygens" ist auf dem Weg zum Saturnmond Titan

Eine Trennung wäre das schönste Weihnachtsgeschenk für manche Astronomen. Und zwar jene des ESA-Roboters Huygens von der NASA-Sonde Cassini am 25. Dezember. Nur wenn sie glatt geht, kann Huygens seinen Auftrag erfüllen und am 14. Jänner 2005 zum Saturnmond Titan hinuntersteigen. Die Mission zählt zu den verwegensten der Raumfahrtgeschichte. Sie wartet gleich mit mehreren Premieren auf: Huygens wird den ersten Flug durch eine "erdähnliche" Atmosphäre absolvieren und den ersten Landeversuch im äußeren Planetensystem wagen. Dabei trifft er, erstmalig, auf einer fremden Eisoberfläche auf - oder schafft gar die erste "Wasserung" in einem außerirdischen Ozean. Für die Europäer wäre ein gelungenes Landeunternehmen in jedem Fall ein Novum.


Auch Österreich arbeitete an den Instrumenten des 320 kg schweren ESA-Roboters mit. (Die "Wiener Zeitung" berichtete am 14.12. bereits darüber.) Als man ihn konzipierte, wusste man nur wenig über die Welt, die ihn erwartet. Gefunden wurde der ferne Mond am 25. März 1655, als der Niederländer Christiaan Huygens ein selbst gebautes Teleskop auf den Saturn richtete. Schon 45 Jahre zuvor hatte Galileo Galilei das Mondquartett um den Jupiter beschrieben. Damit kannte man also sechs Planeten und, Erdmond inklusive, auch sechs Trabanten. Einige Gelehrte glaubten, ob dieser "Symmetrie" gäbe es nun nichts mehr zu entdecken.

Götterkrieg

Doch schon 1671 wies Giovanni Cassini einen zweiten Saturnbegleiter nach. Der gebürtige Italiener ließ später noch drei weitere folgen. Wilhelm Herschel fand 1789 in England ebenfalls zwei Satelliten. Genau wie den Jupitermonden wollte man ihnen Namen aus der griechischen Mythologie schenken. Herschels Sohn John wählte "Dione", "Enceladus", "Iapetus", "Mimas", "Rhea", "Tethys" aus - und "Titan". Dieser bezeichnet allerdings keine einzelne Gottheit, sondern ein ganzes Göttergeschlecht.

Die Titanen waren Kinder des Himmelsgottes Uranos und der Erdgöttin Gaia. Hyperion, Iapetos, Okeanos, Tethys und die schönhaarige Rhea zählten ebenso zu ihnen, wie der mächtige Kronos (römisch: Saturn). Kronos lag im Streit mit seinem Sohn Zeus (Jupiter), der sich mitsamt seinen Geschwistern gegen Vater, Onkel und Tanten stellte. Hesiod erzählt, dass die beiden Göttergenerationen mit gewaltigem, bis zum sternreichen Himmel dringenden Schlachtruf zusammenstießen. Ihr zehnjähriger Krieg endete mit dem Sturz der Titanen in die tiefe Schlucht des Tartaros, wo sie finsteres Dunkel verbarg. Anselm Feuerbach, 1873 nach Wien berufen, hielt die Szene auf einem monumentalen Deckengemälde in der Aula der Akademie der bildenden Künste fest. Später gab Gustav Mahler seiner ersten Symphonie den Titel "Der Titan". Er spielte dabei auf den gleichnamigen, fast hundert Jahre älteren Roman von Jean Paul an.

Ein "Titan" besitzt besondere Machtfülle oder glänzt durch außergewöhnliche Leistungen. "Titanisch" steht für "riesenhaft" und "gigantisch". US-Raketen vom Typ Titan trugen ab 1965 die doppelsitzigen Gemini-Kapseln (lat: gemini, Zwillinge) in den Himmel. Varianten dieses Raketentyps brachten die beiden Voyager-Sonden auf ihre Reise ins äußere Planetensystem: 1980 bzw. 1981 eilten sie an Saturn und seinen Monden vorbei. Der NASA-Roboter Cassini hob ebenfalls mit einer Titan ab. Nach siebenjährigem Flug schwenkte er am 1. Juli 2004 in die Umlaufbahn um den Saturn ein. Mit ihm erreichte, huckepack, auch Huygens den Ringplaneten. Der Saturnbegleiter Titan ist ein Gigant. Mit einem Durchmesser von 5.150 km überflügelt er selbst den Planeten Merkur. Seine weit ins All hinaus reichende Atmosphäre täuscht eine zusätzliche Leibesfülle vor. Deshalb hielt man ihn früher für den mächtigsten Mond im Sonnensystem. Erst die Voyagers durchschauten den Bluff. Seither begnügt sich Titan, die Größe betreffend, mit Platz 2 hinter dem Jupitermond Ganymed. Doch Titan ist interessanter.

Wie die irdische Atmosphäre besteht auch Titans "Lufthülle" primär aus Stickstoff. Methan, Kohlenmonoxid und -dioxid sind beigemengt. Kosmische Strahlung und UV-Licht brechen die Moleküle auf, einfache Kohlenwasserstoffe wie Ethan oder Propan entstehen. 170 km über Grund kondensieren diese und bilden Aerosole, die das Sonnenlicht stärker streuen als der schlimmste irdische Smog. Dazu gesellen sich mehrere Dunstschichten in Höhen bis 500 km. Der blickdichte Vorhang vereitelt

Studien im sichtbaren Bereich

des Spektrums. Selbst die beiden Voyagers sahen die Oberfläche nicht. Später gelang es irdischen Infrarot-Teleskopen, ein paar ausgedehnte Flecken nachzuweisen. Der hellste ist so groß wie Australien und erhielt den Spitznamen "Xanadu".

Machen wir in Gedanken Winterurlaub auf dieser Mondwelt: Acht Tage lang leuchtet die Sonne als zwergenhaftes Scheibchen auf uns herab. 9,5-fache Erddistanz und die Streuung an den erwähnten Schwebeteilchen rauben ihr 99,9 Prozent der vertrauten Kraft. Wolken ziehen rund 20 km hoch über unseren Köpfen dahin. Alles, Himmel wie Boden, ist in Orangebraun getaucht, verursacht vom atmosphärischen Methan.

Auch die achttägige Nacht verläuft wenig romantisch. Des Smogs wegen suchen Titantouristen Sterne wohl vergeblich. Nur einige der anderen nahen Monde machen sich am Firmament bemerkbar. Dort klebt der Saturn, fast so groß wie eine Faust. Die Pracht seiner Ringe ist allerdings dahin. Wir schauen auf deren extrem schmale Kante. Eindruck schindet bloß der breite Schatten, den sie auf die Saturnkugel werfen. Um dieses Schattenspiel zu genießen, muss man eine Destination auf der "richtigen"

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Dokument erstellt am 2004-12-24 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:11:00

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