• vom 19.11.2004, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:13 Uhr

Wien

Wie Wien immer schöner wurde




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Von Wolfgang Kos

  • Die Bedeutung der Vergangenheit für das neue Wien-Image

Ewiges Wien (1946), "Vienna gloriosa" (1947), "Damals in Wien" (1957), "Verklungenes Wien" (1964): Schon die Buchtitel der von den 30er bis in die 60er Jahre erfolgreichen Sachbuchautorin Ann Tizia Leitich beschwören jenes Bild von Alt-Wien, mit dem sich gerade in "katastrophalen" Zeiten gemütvoll und wertkonservativ eine Gegen-Stadt träumen ließ - zuerst gegen die Reformparolen des Roten Wien, dann gegen den Trümmerschock von 1945 und schließlich gegen die Wiederaufbau-Moderne. Mit dem 1939 erschienenen und 1959 neu aufgelegten Erfolgsbuch "Die Wienerin" und dem Zeitpanorama "Wiener Biedermeier" (1941) hatte Leitich genau jene Themen besetzt, die auch in der Tourismuswerbung und dem Unterhaltungsfilm über die NS-Jahre hinweg in Funktion geblieben waren.


Wien war in dieser Sicht eine offenbar durch nichts zu beschädigende Stadt der Harmonie, umrahmt von prachtvollen Barockkulissen und biedermeierlicher Liebenswürdigkeit, umspielt von Nonchalance und heiterer Walzerseligkeit und bewohnt von milden Obrigkeiten, schrulligen Beamten, edlen Damen à la Paula Wessely, feschen Offizieren, süßen Mädeln, singenden Trinkern und skurrilen Querschädeln wie Paul Hörbiger und Hans Moser. Die christlichen, höfisch-aristokratischen und kleinbürgerlichen Traditionsfäden waren überrepräsentiert, andere, etwa

die aufklärerischen, proletarischen, jüdisch-großbürgerlichen oder modernistischen, blieben ausgespart. Prinz Eugen, Kaiserin Maria Theresia und Kanzler Metternich waren - im Gegensatz etwa zum asketisch-reformerischen Joseph II. - Fixsterne auf dem Wiener Firmament.

Diese konservative und nostalgisch verzerrte Wiener Selbstbild-Melange war in den kurzen Jahren der Ständestaats-Diktatur perfektioniert worden, als österreichischer Mythos einer unzerstörbar gloriosen "Großmacht der Kultur" (Bundeskanzler Schuschnigg, 1935). Dies diente einerseits der Schaffung eines neuen Österreich-Bewusstseins, das vor allem nach 1945 konsensfähig werden sollte, und andererseits der Positionierung im internationalen Tourismus. In der Fremdenverkehrswerbung der 30er Jahre war Wien als elegante Stadt mit zeitlosem Flair dargestellt worden. Bis heute hat sich dieses retrospektiv grundierte Wien-Bild bewährt: Prachtbauten mit historischer Gloriole, kleinteilige Gemütlichkeit à la Heurigen-Gasserl, Symbole langsamen Lebensgenusses wie Kaffeehaus und Fiaker, "ewig nachklingende" Musik aus goldenen und silbernen Epochen und das Versprechen einer kurzfristigen Abschirmung vor den Unannehmlichkeiten der hektischen, modernen Welt.

In vielen Medien, etwa in launigen Wien-Büchern von Autoren wie Hans Weigel oder in repräsentativen Bildbänden, wurde Wiens Patina immer wieder vorgeführt. Dabei rückten Themen wie das Kaffeehaus - mit dem "Hawelka" als neuem Wien-Mythos - oder die undurchschaubaren Eigenarten der Wiener Bevölkerung verstärkt ins Zentrum. Für viele Wien-Bücher steuerten namhafte Schriftsteller, von Doderer bis Qualtinger, Texte bei, die mitunter Virtuosenstücke der ironischen Wien-Bespiegelung waren.

Wien war also bestens vorbereitet, als ab den 1970er Jahren der Städtetourismus an Bedeutung gewann. Das Image einer schönen Stadt mit Charakter, präsentabler Vergangenheit und den Leitmotiven Kultur und Genuss wurde zur Grundlage für beachtliche Zuwachsraten. 1972 zählte man 4 Millionen Gästenächtigungen, 1990 waren es bereits 7,5 Millionen. Typische Instrumente der internationalen Wien-Werbung waren Kaffeehäuser auf internationalen Fachmessen - mit Mehlspeisen als süßem Gruß aus Wien. Den Tourismus-Verantwortlichen war durchaus bewusst, dass das so gut funktionierende, auf Tradition basierende Wien-Bild Risken in sich barg. "Wien hat ein zu museales Image" und sei "zu statisch, zu wenig dynamisch", sagte 1972 etwa der neu bestellte Landesfremdenverkehrsdirektor Helmut Krebs.

Die neue "Wiener Szene"

Doch die Relativierung des primär auf ein älteres Publikum abzielenden Backhendl-Images war offenbar ein mühsamer Prozess. 1979 war es noch zu heftigen Widersprüchen der Branche gekommen, als Kulturstadtrat Helmut Zilk unter dem Eindruck subkultureller Forderungen nach "Rasenfreiheit" im Burggarten und nach Straßenmusik in den Fußgängerzonen, den Wiener Tourismusvertretern bei ihrem jährlichen Jour fixe vorwarf, sich zu wenig um jugendliche Reisende zu kümmern: "Sollten wir das Gitarrespiel polizeilich verhindern, dann brauchen wir gar nicht auf junge Touristen warten."

Aber erst ab 1988 wurde komplementär zum weiterhin dominierenden Nostalgie-Marketing mit der neuen Marke "Wiener Szene" geworben. Diese umfasste Musicals ebenso wie die Beisl-Szene im "Bermuda-Dreieck". Die Neupositionierung Wiens als vitale Stadt mit gesteigerter Atemfrequenz entsprach vor allem dem Lebensgefühl jüngerer und erlebnishungriger City-Hopper. Ab den 80er Jahren hatte sich vor allem das abendliche Wien fühlbar verändert. Immer mehr Lokale und Musikklubs hatten bis Mitternacht und länger offen, die öffentliche Kulturmaschine lief auf Hochdruck.

"Die Donau-Metropole wird trendy", titelte 1985 das Hamburger Stadtblatt "Szene". Die Frauenillustrierte "Petra" schwärmte im selben Jahr von der "Traumstadt Wien", der Spiegel widmete dem "Wien-Wunder" einen mehrseitigen Artikel. Tatsächlich sprang der Wiener Städtetourismus im Lauf der 80er Jahre von Rekordwert zu Rekordwert, die Zuwachsrate betrug allein von 1983 auf 1984 gut 10 Prozent. Innerhalb von zehn Jahren hatte sich die Bettenkapazität verdoppelt, internationale Hotelketten drängten nach Wien.

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Dokument erstellt am 2004-11-19 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:13:00


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