• vom 02.07.2004, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:14 Uhr

Komponisten

Theatralische Gaukelspiele




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Von Volker Klotz

  • Oskar Nedbal und seine vergessene Operette "Die Winzerbraut"

Als markante Sache und Bezeichnung gibt es die französische, die italienische, die ungarische Operette, und die spanische Zarzuela. Doch es gibt keine österreichische, dafür gibt es die "Wiener Operette". Sie wäre indes nicht, was sie ist, hätten lauter Wiener Komponisten sie hervorgebracht. In ihrer ersten Periode, vor 1900, stammten nur zwei sie prägende Musiker aus dieser Stadt: Strauß und Millöcker; Suppé dagegen aus Dalmatien, Heuberger und Zeller aus der Steiermark, bzw. aus Niederösterreich. Noch unverhältnismäßiger steht es mit den Musikern der zweiten Periode, nach 1900. Einzig Oscar Straus war gebürtiger Wiener; Lehár dagegen sowie Leo Fall und - bezieht man ihn ein - Kálmán kamen aus der Slowakei, aus Mähren, vom Balaton.


Aber der Name "Wiener Operette" ist halt doch so lang schon gebräuchlich! Und alle Welt weiß eh, was damit gemeint ist! Gegenfrage: Weiß sie es wirklich? Dem Komplex "Wiener Operette" liegt eine buchstäblich undefinierte, eine unumgrenzte Vorstellung zugrunde. Und diese Un-Definition wird auf Verwirrendste ergänzt durch die untaugliche, weil wertlos wertende Unterscheidung zwischen "Goldener" und "Silberner" Periode der "Wiener Operette". Was denn nun - Gold hin und Silber her - gehört wirklich dazu und was nicht?

Die Vergessenen

Neu zu bedenken wäre der ganze Komplex "Wiener Operette". Er sähe anders aus, wenn man ihren maßgeblichen Motor und Hauptlibrettisten Richard Genée endlich auch als profilierten Bühnenkomponisten zur Kenntnis nähme. Und wenn man seine besten Stücke, "Nanon" (1877) und "Der Seekadett" (1876), nach einem knappen Jahrhundert endlich wieder aufs Theater zurückholen würde; und wenn schließlich außer dem königlich ungarischen Kálmán Imre auch noch zwei weitere, mindestens gleichrangige Komponisten aus dem Vielvölkerstaat vorbehaltlos anerkannt würden.

Gemeint ist der restlos vergessene Kroate Srecko (Felix) Albini sowie der abgedrängte Tscheche Oskar Nedbal. Diese beiden vorzüglichen Musiker haben ihre Operetten, gemeinsam mit angesehenen Wiener Librettisten, auf Deutsch für berühmte Wiener Uraufführungsbühnen geschrieben. Und sie wurden bei nicht minder renommierten Wiener Verlagen verlegt. Wer aber kennt, und wer spielt sie heute ebenda? Wer hat auch nur bruchstückhaft etwas im Ohr aus Albinis "Baron Trenck" (1908), "Die kleine Baroness" (1909), "Die Barfußtänzerin" (1909); oder aus Nedbals "Die keusche Barbara" (1910), "Die Winzerbraut" (1916), "Die schöne Saskia" (1917)?

Lassen wir hier das musikdramatisch ertragreiche Oeuvre von Felix Albini beiseite, um uns ganz aufs - partiell - etwas bekanntere Werk Oskar Nedbals zu konzentrieren. Zunächst ein paar Daten. Geboren 1874 in Südböhmen, vielseitig

musikalisch geschult am Prager Konservatorium, unter anderem

bei Dvoøák, machte Nedbal sich schon in jungen Jahren einen Namen: Erst als Bratschist und Organisator des weltberühmten "Böhmischen Streichquartetts", dann als begehrter Dirigent. In Wien lebte er von 1907 bis 1919, unter anderem als Leiter des Tonkünstlerorchesters. In den zwanziger Jahren war er Operndirektor, erst in Bratislava, dann in Zagreb. Dort beging er am 24. Dezember 1930 Selbstmord.

Nedbals Produktion als Bühnenkomponist begann mit international erfolgreichen Balletten ("Der faule Hans", Prag 1902) und ging dann über auf ebenso eigenständige, sorgsam ausgefeilte Operetten. Da wie dort übers Übliche herausragend durch originell verarbeitete slawische Rhythmik und Harmonik, durch kammermusikalische Satzkunst und Klangsinn für aparte Mischung der Orchesterfarben. Letzteres weniger verschwenderisch als Lehár.

Was den Fall Nedball innerhalb der "Wiener Operette" zum bedenkenswerten Sonderfall macht, ist die horrende Erfolgs-Kluft zwischen seinem einsamen, als Zufallstreffer verdächtigten Hauptwerk "Polenblut" (uraufgeführt im Carl-Theater, Wien 1913) und den anderen Stücken, die in und nach dem Ersten Weltkrieg ebenfalls in Wien uraufgeführt worden sind. "Polenblut" wurde bis zum Jahr 1921 - laut Statistik von Otto Keller - 3.376-mal gespielt; dagegen "Die Winzerbraut" (1916) nur 270-mal, "Die schöne Saskia" (1917) 95-mal, "Eriwan" (1918) 97-mal, "Die keusche Barbara", eingwienert, 50-mal.

"Die Winzerbraut"

Daraus kann, wer will, sich einen kulturpolitischen Reim machen. Denn keinerlei musikalische Qualitätsverluste sind festzustellen, wenn man die Klavierauszüge jener Stief-Stücke durchliest, und wenn man die exzellenten Gesamtaufnahmen hört, die der tschechoslowakische Rundfunk in den siebziger und achtziger Jahren von der "Winzerbraut" und der "Schönen Saskia"produziert hat. Am Beispiel der "Winzerbraut" will ich zeigen, was dem Publikum entgeht, weil die Opernhäuser in Wien und anderswo weiterhin Nedbals Operetten missachten.

Das Libretto des Stücks, das am 11. Februar 1916 im Theater an der Wien uraufgeführt wurde, stammt von Leo Stein und Julius Wilhelm. Die Handlung spielt in Agram, in Slawonien und Wien, ungefähr 1910.

I. Akt. Vornehme Villa, mit Aussicht übers nächtlich beleuchtete Agram. Der reiche Lebemann Baron Bogdan gibt für seine Freunde eines seiner notorisch ausschweifenden Feste. Zugleich feiert man die erfolgreiche Uraufführung einer pikanten Schlüsselkomödie, worin die hochgeschätzte Hauptdarstellerin Julia Lella ihre zwiespältige Liebelei mit dem Grafen Milan Mikulic bravourös umspielt. Auch hier auf dem Fest versucht sie, Milans erloschene Leidenschaft erneut anzufachen. Vergebens.

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Dokument erstellt am 2004-07-02 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:14:00


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