• vom 25.06.2004, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:14 Uhr

Philosophie

"Man frage mich nicht, wer ich bin"




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Von Stefan Broniowski

  • Zum 20. Todestag des Philosophen Michel Foucault

Es ist genug Foucault für alle da. Auch 20 Jahre nach dem Tod des französischen Denkers, der am 25. Juni 1984 starb, herrscht an Büchern von ihm und über ihn kein Mangel. Dass dies auch für den deutschen Sprachraum gilt, ist vor allem dem Suhrkamp Verlag zu verdanken, der nicht nur Foucaults Hauptwerke ständig in Taschenbuchausgaben bereit hält, sondern inzwischen auch drei von vier Bänden der "Dits et écrits" auf Deutsch herausgebracht hat, eine Sammlung von insgesamt 364 kürzeren Texten Foucaults - Aufsätzen, Vorträgen, Interviews, Zeitungsartikeln usw., die schon zu seinen Lebzeiten erschienen waren (auf Deutsch teilweise in den legendären Bändchen des Merve Verlags). Nach und nach werden auch einige der Vorlesungen, die Foucault am Collège de France hielt, auf Deutsch herausgegeben. Von verschiedenen Ausgaben desselben Werkes und antiquarischen Exemplaren abgesehen, sind also insgesamt mehr als drei Dutzend Bücher mit Texten von Michel Foucault in deutscher Sprache ständig lieferbar. Eine solche Editionslage ist für einen französischen Autor, einen Philosophen zumal, durchaus ungewöhnlich.


Foucaults anhaltende Beliebtheit beim deutschsprachigen Publikum ist umso bemerkenswerter, als man sich in einflussreichen Kreisen diesseits des Rheins keineswegs zustimmend oder wenigstens freundlich zu seinem Werk zu verhalten pflegt, sondern im Gegenteil abwehrend, ablehnend, ja gar feindselig. Namhafte Kritiker wie Jürgen Habermas, Axel Honneth und Manfred Frank haben immer wieder nachdrücklich die Auseinandersetzung mit Foucaults Denken gesucht, dabei jedoch oft vor lauter Einwänden absichtsvoll das übersehen, was ihre eigene philosophische Position in Frage stellen könnte. Bannflüche werden mittlerweile zwar keine mehr ausgesprochen, Foucault darf längst auch in akademischen Seminaren offiziell gelesen werden - ja man hat, wie etwa die große Frankfurter Foucault-Konferenz 2001 gezeigt hat, zu einer Haltung zwischen versöhnlicher Zurückweisung und zurückhaltender Vereinnahmung gefunden. Das Unbehagen aber bleibt und wird angesichts der anhaltenden Popularität Foucaults wohl nicht geringer.

Die Kritik an Foucault

Der von deutschen Kritikern gegen Michel Foucaults Werk am häufigsten vorgebrachte Einwand (der sich übrigens in der englischsprachigen Rezeption auch bei Charles Taylor, Nancy Fraser oder Michael Walzer findet) lautet, dass Foucault seine schriftlich formulierten politischen Überzeugungen nicht begründet - und mit seinen philosophischen Mitteln wohl auch nicht begründen kann. Es genüge eben nicht, aufzuzeigen, dass Macht und Wissen miteinander verschränkt, Wahrheiten die Effekte von Diskursen und die Menschen diversen Regimes der Disziplinierung und Normalisierung unterworfen seien, man müsse auch sagen können, was daran schlecht sei und wie es besser zu machen wäre.

Foucaults Beschreibungen früherer und gegenwärtiger Denkweisen und Verhältnisse seien, so argumentieren die Kritiker, keineswegs wertfrei, doch weigere er sich, seine Wertungen zu rechtfertigen. "Was Foucault offensichtlich fehlt, sind normative Kriterien zur Unterscheidung der annehmbaren von den unannehmbaren Formen der Macht." (Nancy Fraser)

Der Einwand verfehlt freilich Foucaults besondere Geisteshaltung: nämlich seine abweichlerische Art zu philosophieren: "Philosophie ist eine Bewegung, mit deren Hilfe man sich, nicht ohne Anstrengung und Zögern, nicht ohne Träume und Illusionen, von dem freimacht, was als wahr gilt, und nach anderen Spielregeln sucht, . um anders zu denken, um anderes zu machen und anders zu werden, als man ist." Das bedeutet nichts Geringeres als den Bruch mit der philosophischen Tradition, die auf der Suche nach unerschütterlichen Grundlagen und letzten Gewissheiten ist.

"Nicht nur vermag Foucault den Ort nicht anzugeben, von dem aus er spricht, er macht aus der Bodenlosigkeit seines Diskurses auch noch ein Prinzip", empört sich Peter Bürger. Mit einer nietzscheanischen Metapher hat Foucault seine Tätigkeit darum als "Graben unter den eigenen Füßen" gekennzeichnet. Kriterien und Normen sind für ihn nur als Gegenstände seiner Analysen denkbar - und nicht als Agenden mit geschichtsloser Gültigkeit.

"Was ich geschrieben habe, sind keine Rezepte, weder für mich noch für sonst jemand. Es sind bestenfalls Werkzeuge - und Träume", behauptete Michel Foucault. Werkzeuge schreiben bekanntlich den Gebrauch nicht vor, den man von ihnen macht, aber je nach ihrer Beschaffenheit sind die Möglichkeiten ihrer Anwendung verschieden. Foucault hat seine veröffentlichten Gedanken ausdrücklich nicht als Vorschriften oder unumstößliche Erkenntnisse verstanden, sondern bloß als Mittel zu von ihm nicht festgelegten Zwecken, darum hat er seine Bücher gerne als "Werkzeugkisten" bezeichnet.

"Ich bin der Ansicht, dass die Rolle des Intellektuellen heute nicht darin besteht, Gesetze zu machen, Lösungen vorzuschlagen, zu prophezeien . Die Leute sind politisch und moralisch erwachsen geworden. Es ist ihre Sache, individuell und kollektiv eine Wahl zu treffen. Es ist wichtig zu sagen, wie ein bestimmtes Regime funktioniert, worin es besteht, und eine ganze Reihe von Manipulationen und Mystifikationen zu verhindern. Aber die Wahl müssen die Leute selbst treffen . Ich denke, dass es tausend Dinge zu tun, zu erfinden, zu planen gibt, von denen jene die besten sind, die - in Kenntnis der Machtbeziehungen, in die sie verwickelt sind - beschlossen haben, ihnen zu widerstehen oder ihnen zu entkommen (.) Ich sage alles, was ich sage, damit es nützt."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2004-06-25 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:14:00

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