• vom 19.03.2004, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:14 Uhr

Kunst

Nicht nur mit Lippenstift




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Von Nina Schedlmayer

  • 94 Jahre nach ihrer Gründung macht die Vereinigung bildender Künstlerinnen ihr neu erschlossenes Archiv zugänglich

Von Frauen mit der Spachtel maurermäßig derb hingestrichene Bilder sind mir - und den meisten Männern - ein Greuel, hingegen entzücken mich schwerelose, in anmutigem Rhythmus leicht schwingende, wie mit Lippenstift und Puderquaste duftig hingetuschte Gebilde aus Leben und Traum. Überhaupt Dinge, die in jenen Provinzen der weiblichen Seele erblühen, welche selbst für den besten Frauenkenner ein stets unzugängliches und an lockenden Geheimnissen reiches Land bleiben.


Es war die erste Ausstellung der "Wiener Frauenkunst", über die Arthur Roessler 1928 diese - nun ja - romantizistisch-klischeebeladenen Zeilen schrieb. Sie sagen viel aus über die damalige Rezeption der Werke von Künstlerinnen.

Kurze Zeit zuvor war die Situation für Künstlerinnen in Österreich allerdings viel schwieriger gewesen. Daher wurde 1910 die "Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs" (kurz VBKÖ) gegründet. Um die Jahrhundertwende war die Kunstszene in Wien relativ leicht zu überblicken: Einerseits gab es Secession und Künstlerhaus, andererseits den Hagenbund. Diese drei Künstlervereine nahmen ausschließlich Männer auf. Selbst äußerst begabte und heute berühmte Malerinnen wie Marie Egner oder Olga Wisinger-Florian waren von den elitären Zirkeln ausgeschlossen - und damit auch von den jährlichen Ausstellungen, die die Vereine veranstalteten, inklusive der sich dadurch bietenden Verkaufsmöglichkeiten. Großzügigerweise gestanden die Herren der Schöpfung den angehenden Künstlerinnen zwar eine Ausbildung zu, diese fand aber nicht auf der Akademie der bildenden Künste statt (dort wurde ja - um Gottes willen! - Aktzeichnen unterrichtet!), sondern in eigenen Frauenkunstschulen. Erst 1920 wurden Frauen an der Akademie aufgenommen.

Verein "Acht Frauen"

Ausbildung ja, Ausstellung nein. Versuche, diesem Missstand abzuhelfen, wurden schon vor der Gründung der VBKÖ unternommen. "Acht Frauen" nannte sich der Vorläuferverein, denn acht Künstlerinnen und ihre Gäste waren es, die jährlich in der Galerie Pisko am Stubenring ausstellten. Weil die Zahl der Teilnehmerinnen allerdings rasch anwuchs, sah man sich gezwungen, einen größeren Verein mit besserer Administration zu gründen, und dies geschah unter der Leitung von Baronin Olga Brand-Krieghammer. Vereinszweck laut Statuten war: "1. Die Förderung der wirtschaftlichen Interessen. 2. Die Wahrung der Standesinteressen. 3. Die Hebung der wirtschaftlichen Verhältnisse der bildenden Künstlerinnen Österreichs durch Schaffung von Ausstellungsmöglichkeiten u. dgl."

Die Vereinsgründerinnen waren vorwiegend bürgerlich-konservativer, teils auch adeliger Herkunft. Was sie 1910 auf die Beine stellten, war aber in vieler Hinsicht nicht nur revolutionär, sondern sollte auch wegweisend sein: In ihrer ersten Ausstellung zeigten sie ausschließlich Kunst von Frauen. Im Gegensatz zu den vorangegangen Veranstaltungen in der Galerie Pisko schloss dies allerdings nicht nur zeitgenössische Künstlerinnen ein, sondern man bemühte sich auch um die längst fällige kunsthistorische Präsentation von und um die Beschäftigung mit der Kunst von Frauen: Die Organisatorinnen reisten unter anderem nach Italien und Frankreich, um "alte Meisterinnen" ausfindig zu machen. Und so mischten sich unter die Bilder der Mitglieder solche von - heute in vielen Museen dieser Welt vertretenen - Künstlerinnen seit dem

17. Jahrhundert.

Von der Schweizerin Angelica Kauffmann waren vier Bilder - darunter ein Porträt von Ferdinand I. - zu sehen; von Rosalba Carriera ein Bildnis von Friedrich August III., eine Leihgabe des Kunsthistorischen Museums; die legendenumrankte Rosa Bonheur war mit einem ihrer bekannten Tierbilder - Rinder auf einem Acker - vertreten, und die Italienerin Sofonisba Anguissola mit einem ihrer eindringlichen Frauenbildnisse. Daneben war es den Organisatorinnen ein Anliegen, die Leistung von Künstlerinnen im Bereich des damals in Österreich noch nicht etablierten Impressionismus zu zeigen: Berthe Morisot und Marie Bashkirtseff, die heute in keinem Lexikon fehlen dürfen, standen stellvertretend für "jene tapferen Frauen, die an der Seite der Impressionisten den Kampf für die moderne Kunst ausgefochten haben und Zeugnis geben von dem lebendigen und ehrlichen Streben der Künstlerin von heute", wie es im Katalogvorwort hieß.

Die Liste der Künstlerinnen liest sich wie das "Who is Who" der weiblichen Kunstgeschichte, die nach einem langen Tiefschlaf erst wieder großflächig rezipiert wurde, als sich in den 70er Jahren eine

feministische Kunstgeschichtsforschung entwickelte und vor allem in den USA ähnliche Ausstellungen wie einst in Wien veranstaltet wurden. Einige Jahre lang nutzte die VBKÖ für ihre Präsentationen die Räumlichkeiten der Künstlervereinigungen: Die Secession, das Künstlerhaus und die so genannte Zedlitzhalle, die vom Hagenbund "bespielt" wurde. Später mietete man - der Abhängigkeit vom guten Willen der männlichen Kollegenschaft überdrüssig - eine große Wohnung im Dachgeschoß eines Hauses in der Maysedergasse, zentral hinter der Oper gelegen, die Vereinssitz und Ausstellungsraum in einem war.

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Schlagwörter

Kunst, Frauen

Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2004-03-19 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:14:00

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