• vom 30.12.2010, 16:05 Uhr

Kompendium

Update: 30.12.2010, 16:26 Uhr

Russland

Zobelpelze und feine Leute




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Von Arthur Fürnhammer

  • Die Stadt Irkutsk wird im kommenden Jahr 350 Jahre alt. Aber erst im 19. Jahrhundert verwandelte sich die einfache Provinzstadt in das Zentrum des sibirischen Kulturlebens.

Der russische Premierminister Wladimir Putin ließ unlängst Demonstranten ausrichten, sie würden auch in Zukunft "eins über die Rübe bekommen", sollten sie weiterhin an jedem 31. eines Monats auf dem Moskauer Triumphplatz zusammenkommen, um damit auf die in Artikel 31 der Verfassung festgeschriebene Versammlungsfreiheit hinzu-weisen. Elf Mal schon hatten die Regimegegner die Genehmigung zur Versammlung beantragt, elf Mal wurde sie verweigert.


Die Aktion überrascht wenig, schließlich ist der russische Premier für seine markigen Sprüche genauso bekannt wie für seine eiserne Hand gegen jegliche politische Opposition. Eines aber ist, vielleicht zum Bedauern Putins, aus der Mode gekommen: die Jahrhunderte lang geübte Praxis, sich politisch Andersdenkender durch eine Abschiebung nach Sibirien zu entledigen.

So geschehen etwa vor 185 Jahren, als die Teilnehmer des "Dekabristen-Aufstandes" nach Sibirien verbannt wurden. Der damalige Putschversuch gegen den Zaren, der später von den Sowjets als die erste - wenn auch gescheiterte - Revolution Russlands glorifiziert werden sollte, war für Sibirien und die Stadt Irkutsk, die 2011 ihr 350. Stadtjubiläum begeht, von entscheidender Bedeutung.

Die traditionellen Holzhäuser in der Stadt wurden ohne Fundament gebaut, weshalb sie sich immer tiefer in den Boden senken.

Die traditionellen Holzhäuser in der Stadt wurden ohne Fundament gebaut, weshalb sie sich immer tiefer in den Boden senken. Die traditionellen Holzhäuser in der Stadt wurden ohne Fundament gebaut, weshalb sie sich immer tiefer in den Boden senken.

Beeinflusst von den Ideen der Französischen Revolution, versuchten am 14. Dezember 1825 adelige Intellektuelle im Machtvakuum, das nach dem Tod des Zaren Alexander I. entstanden war, eine konstitutionelle Monarchie herbeizuführen. Der Aufstand auf dem Schlossplatz zu St. Petersburg war jedoch schlecht geplant und misslang. Die wichtigsten Initiatoren wurden zum Tode verurteilt und die restlichen 120 lebenslang nach Sibirien verbannt.

Kultur der Verbannten

Diese Dekabristen - abgeleitet vom Monat Dezember (dekabr ) - wurden anfangs auch als Häftlinge behandelt und in Straflagern zur Zwangsarbeit eingesetzt. Nach einigen Jahren Haft wurde ihnen jedoch gestattet, sich an unterschiedlichen Orten in Ostsibirien niederzulassen und ein einigermaßen normales Leben zu führen. Nicht alle hatten dabei das Glück der Familien Wolkonskij und Trubezkoj, die nach Irkutsk ziehen durften. Viele mussten fern der großen Städte in winzigen Dörfern ein hartes Dasein fristen, manche wurden gar bis ins Polargebiet verbannt.

Dennoch gelang es vielen, sich zu integrieren: Sie pressten Hanf-öl, sammelten Mineralien, untersuchten die Lebensweise der sibirischen Urbevölkerung (der Burjaten), experimentierten mit Gemüseanbau in Treibhäusern und gründeten Schulen.

Am meisten profitierte Irkutsk. Die Stadt an der Angara wurde unter dem Einfluss der Dekabristen innerhalb von wenigen Jahrzehnten von einer zwar reichen, aber einfachen Provinzstadt zum sibirischen Zentrum für Literatur, Wissenschaft und Kunst, in dem die feine Gesellschaft nicht anders als in Westrussland in ihre Salons einlud und sich im Theater oder auf Bällen traf.

In ganz Sibirien geben heute Museen Aufschluss über das Leben und Wirken dieser kulturellen Elite im Russland des 19. Jahrhunderts. Welche besondere Achtung man den Dekabristen auch noch zwei Jahrhunderte später entgegenbringt, zeigt der in Reiseführern übliche Hinweis, in Dekabristenmuseen ein besonders respektvolles Verhalten an den Tag zu legen, weil sich sonst das Personal verletzt fühlen könnte.

Das "Spitzenhaus" gehört zu den schönsten Gebäuden der restaurierten Altstadt von Irkutsk. Foto: Fürnhammer

Das "Spitzenhaus" gehört zu den schönsten Gebäuden der restaurierten Altstadt von Irkutsk. Foto: Fürnhammer Das "Spitzenhaus" gehört zu den schönsten Gebäuden der restaurierten Altstadt von Irkutsk. Foto: Fürnhammer

Das bekannteste Dekabristenmuseum ist jenes von Irkutsk, das ehemalige Anwesen des Dekabristen Sergej Wolkonskij, zugleich eine der touristischen Hauptattraktionen der Stadt. In typisch sibirischer Holzbautradition gefertigt und umgegeben von weiteren schön restaurierten Holzhäusern, liegt es in einem Viertel, das komplett unter Denkmalschutz steht. Schmuckstück des Museumskomplexes ist das ehemalige Anwesen des Kaufmanns Schastin, das "Spitzenhaus" - so genannt wegen seiner prächtigen Holzschnitzereien, die an den Saum einer Spitzenserviette erinnern. Aufwändig restauriert ist auch das angrenzende "Museum des städtischen Alltags", das interessante Exponate zur Geschichte des Tees und andere Verweise auf die 350-jährige Geschichte der Stadt enthält.

1661 gründeten Kosaken an der Angara, dem einzigen Abfluss des Baikalsees, ein Fort, um von den Burjaten Tribut in Form von Zobelpelzen einzutreiben. Innerhalb von nur wenigen Jahrzehnten wurde aus dem Fort eine blühende Handelsniederlassung. Pelze wurden teuer nach Europa und China verkauft. Aus China kam Schwarztee, der in Irkutsk verpackt und weiter nach Europa gebracht wurde, wo er als "Russischer Tee" Verbreitung fand.

Daneben erlangte Irkutsk Bedeutung als Zentrum der Erforschung Nordrusslands und Alaskas. Während in Westrussland Peter der Große mit seiner neuen Hauptstadt St. Petersburg das Fenster nach Europa öffnete, war Irkutsk das Tor zum Osten, wo bekannte Expeditionen, wie jene von Vitus Bering, ausgerüstet wurden.

Als in der Region Irkutsk Gold, Silber und andere Erze gefunden wurden, wuchs der Reichtum der Stadt weiter. Dennoch war Irkutsk zur Zeit der Dekabristen noch fast ausschließlich aus Holz gebaut. Das änderte sich erst, als die Stadt durch einen Brand im Juni 1879 fast vollständig vernichtet wurde und von nun an nur noch in Stein gebaut werden durfte. Im Zentrum entstanden Kaufmannsvillen in klassizistischem Stil, Theater, Kinos und das erste Hotel. 1890 bezeichnete Anton Tschechow die Stadt als das "Paris Sibiriens" - ein Vergleich, der noch heute jedem Schulkind in Irkutsk geläufig ist.

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Schlagwörter

Russland, Geschichte, Irkutsk

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2010-12-30 16:05:54
Letzte Änderung am 2010-12-30 16:26:00


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