• vom 30.12.2010, 16:17 Uhr

Kompendium

Update: 30.12.2010, 16:25 Uhr

Geschichte

Zeittypische Irrtümer




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief





Technologisch ist auch dieser Beitrag in vielem "punktgenau": er entwickelt Sonnen- und Atomenergie, um die Luftverschmutzung durch fossile Brennstoffe einzudämmen, den Fernseher als Theater im Dorf, Großstadtbilder wie aus Fritz Langs "Metropolis" (1927) und natürlich "Flugautomobile", ein Reflex auf den Zeppelin-Hype der Zeit. (Als 1908 in Echterdingen ein Zeppelin nach der Landung verbrannte, waren kurz darauf drei Millionen Mark Spendengelder für den Bau des Nachfolgemodells N5 eingegangen.)

Gleichzeitig glaubt der Chemiker und Sprengstoffexperte Hudson Maxim an den alchemistischen Stein der Weisen, mit dem sich Gold herstellen lassen wird, und er vertritt - wie erschreckend viele Beiträge des Bandes - eugenische und rassistische Konzepte. Cesare Lombroso steht mit seiner Forderung nach Zwangssterilisa-tion der als genetisch krank interpretierten Verbrecher im Band keineswegs isoliert.

Beklemmend sind - ins Heute transponiert - auch die prekären Folgen zeittypischer Wissenschaftsirrtümer, die sich durch Modetrends und Vermarktungsinteressen potenzieren. Everard Hustler ruft das "Jahrhundert des Radiums" aus; das 1898 entdeckte Element galt als medizinisches Allheilmittel und Jungbrunnen. Die American Medical Association empfahl Bade- und Trinkkuren, Frankreich erfand eine Radium-Kosmetikserie, radiumhaltiges Wasser wurde im großen Stil als Mittel gegen Krebs vermarktet; bis 1932 blieben alle Hinweise auf seine krebserregende Wirkung ungehört.

Absolut keine visionären Spuren hinterließen der Börsencrash von 1873 und die vielen kleineren Einbrüche, die ihm folgten; wirtschaftspolitisch schien die Zukunft unbedenklich. Der deutsche Sozialdemokrat Eduard Bernstein entwirft das Bild einer ausgebauten sozialen Marktwirtschaft, die er mit Fouriers Begriff "Garantismus" verbindet. Zwar betont Bernstein, dass auf dem Weg dahin etliche Hürden zu überwinden seien - mit Weltkrieg I, Faschismus und Weltkrieg II war das ja auch der Fall -, aber dass 100 Jahre später schon wieder fast zwei Jahrzehnte lang am Rückbau der sozialen Errungenschaften gearbeitet worden sein wird, ahnte Bernstein nicht.

Verwunderlich ist, dass eigentlich keiner der Beiträge die um 1900 verstärkt wahrgenommene Reizüberflutung thematisiert; Entwürfe für eine Spaßgesellschaft der Zukunft gibt es hingegen einige. Alexander von Gleichen-Rußwurm etwa, Schriftsteller, Kulturphilosoph und mit einer dubiosen Betrugsaffäre als "Mäusebaron" bekannt geworden, setzt auf Kommunalisierung des Milieus englischer Salons als Dienstleistungsgesellschaft im "komfortablen Kommunismus des vornehmen Hotels". Die Frage nach der (Rollen)-Verteilung von Einkommen wie Arbeit bleibt dabei wie in den meisten Beiträgen ausgespart. Abgesehen von einem Aufruf zur Radikalreform pädagogischer Grundsätze eines Jehan von der Straaten, spielen Bildungsfragen, die heute zu den fatalen Kampfthemen gehören, keinerlei Rolle.

Eugenik und Mutterkult

Die Veränderung der Geschlechterrollen wird häufig thematisiert, jene Texte aber, die sie ins Zentrum stellen, sind besonders schwer verdaulich. Eine Dora Dyx wirbt mit strahlenindizierter Liebesmessung für gesteuerte Partnerwahl und Eugenik, der auch die schwedische Reformpädagogin Ellen Key zuneigt, während Baronin von Hutten den finalen Mutterkult verkündet.

Schlimmer ist nur die Kolonialismus-Vision des rassistischen deutschen Afrikaforschers und Politikers Carl Peters, einer der wenigen Autoren, die im Vorwort aufgeschlüsselt werden, schließlich schrieb er Geschichte, indem er er durch einen Fememord den Ostafrika-Aufstand von 1888/89 auslöste.

Abgesehen von Max Burckhard präsentieren sich die Künste eher dürftig. Hermann Bahr verkündet in einem etwas verschwurbelt geratenen Beitrag das Ende der Literatur, sobald Schriftsteller keine Honorare mehr bekommen. Das ist insofern eine ironische Volte, als Bahrs Generation die erste war, die von Honoraren der Verlage und Redaktionen einigermaßen leben konnte. Wilhelm Kienzl sieht das Ende der gesamten klassischen Musik mit dem neuen Tonsystem gekommen, das die Hörgewohnheiten radikal und unheilbar verändern wird.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Arthur Brehmer nicht unbedingt Experten der ersten Liga ausgesucht hat, es ist eher eine kuriose Sammlung aus dem Umfeld der populärwissenschaftlichen Diskurse, die über Familienblätter wie die "Berliner Illustrierte Zeitung" massenhaft verbreitet die Mentalität der Epoche nachhaltig prägten. Daraus den Zeitgeist zu rekonstruieren, der nur vier Jahre später im Kriegstaumel implodierte, wäre eine lohnende Aufgabe der Neupräsentation dieser Zukunftsbilder gewesen. Zumindest indirekt lässt sich dieser Zusammenhang herauslesen aus dem Widerspruch zwischen dem fast durchgängigen Fortschrittsoptimismus und den beiden letzten Beiträgen zum Weltuntergang und zum Halleyschen Kometen, der 1910 wieder einmal die Erde passierte.

Das deutsche Magazin "Bild der Wissenschaft" hat den Band trotz seiner Probleme 2010 unverdrossen zum "Wissenschaftsbuch des Jahres" erklärt. Ein schöner Kommentar zum Thema Blick in die Zukunft ist übrigens, dass der Verlag offenbar vom Erfolg des Buches überrascht wurde. Im Weihnachtsgeschäft war es jedenfalls nicht mehr erhältlich, wird aber nachgedruckt.

Buchtipp

"Die Welt in 100 Jahren". Mit einem einführenden Essay von Georg Ruppelt. Illustrationen: Ernst Lübbert. Georg Olms Verlag, Hildesheim, 2010, 319 Seiten, 19,80 Euro.

Die Autorin

Evelyne Polt-Heinzl, geboren 1960, ist Literaturwissenschafterin und -kritikerin.

zurück zu Seite 1




Schlagwörter

Geschichte, Utopie

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2010-12-30 16:17:00
Letzte Änderung am 2010-12-30 16:25:00


Werbung




Werbung