• vom 30.01.2004, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:15 Uhr

Konsumenten

Tempel der Kauflust




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Von Werner Garstenauer

  • Ein Rückblick auf die Glanzzeiten der großen Warenhäuser

Man betritt "La Stafa", steht im Foyer und muss sich die Frage beantworten: Wohin bloß? Zentral vor einem in der Tiefe: Lebensmittel. Dort unten angekommen, lässt man den Blick in die Höhe schweifen. Es entsteht die Illusion des Immer-Höher. Zwischen Decke und Verkaufsfläche hängt eine viel zu kleine Drehkugel mit dem Hausnamen, satellitengleich schweben Glitzerkugeln und -kuben im Raum. In den unteren Etagen hängt uns durchwegs Kleidung entgegen. Von der Decke herab baumeln unterschiedlich bunte Rabatt-Schilder. Berge von Ausverkaufsstücken stehen neben der neuen Kollektion.


All diese Gestaltungsmittel der Einzelhandelbetriebsform namens "Warenhaus" waren mehr schillernde Kulminationspunkte langfristiger sozial-urbaner, wirtschaftlicher und moralischer Entwicklungen denn geniale Erfindungen einiger Großkapitalisten. Die Konsumrevolution im Europa des 19. Jahrhunderts hing eng mit der Bekleidungsfrage zusammen: Vom Tuch- und Konfektionsgeschäft gingen

Rationalisierungsmaßnahmen wie Groß- und Direkteinkauf, Trennung von Ein- und Verkauf sowie die Einverleibung der Produktionsbetriebe aus. Blieben im 18. Jahrhundert warenhausähnliche Detailgeschäfte, die Waren verschiedener Art mit festen Preisen und Katalog-reklame führten, noch eine Randerscheinung des wirtschaftlichen Geschehens, so forderten radikal beschleunigte Verstädterung und Kapitalakkumulation das Warenhaus als logische Konsequenz. Es exemplifizierte am deutlichsten die Paradigmen hochkapitalistischer Ökonomie: die Demokratisierung des Konsums wie auch die auf die Spitze getriebene Steuerung der Konsumenten. Vorbei war es mit der undurchsichtigen Preisbildung der Kleinläden, erkauft durch eine effiziente Vorratshaltung und einer statistisch abgesicherten Kalkulation. In den Städten wurde es auch für das anwachsende Kleinbürgertum und die Arbeiter möglich, Konfektionskleider zu erwerben. Selbst auf dem Lande machte sich die Bequemlichkeit der industriell produzierten Überziehkleider breit - immer seltener wurden die Rohstoffe für Kleider selbst produziert und einmal im Jahr der Schneider ins Haus gerufen.

Ein Herz für Spaziergänger

Während in den Vereinigten Staaten das Warenhaus in operativer wie in architektonischer Hinsicht aus der Tradition der Großlagerhallen hervorging, erwuchs die neue Vertriebsform in der Alten Welt aus der Geschäfts- und Bautradition des Einzelhandels. Man war kleinere und fein ausgearbeitete Räumlichkeiten gewohnt. In der Passage, dem Warenhaus-Prototyp, der in Paris das Licht der Welt erblickte, reihten sich noch unzählige Luxusgeschäfte, so genannte "Magasins de nouveauté", aneinander. Zur Zeit der Restauration, zwischen 1800 und 1830, entstanden durch ehrgeizige städtebauliche Projekte gleich derer 21, in denen man das Konzept des zwielichtigen Duc d'Orléans perfektionierte, der schon 1780 zur Absicherung des geschäftlichen Erfolgs beim Umbau seines Palais in den Arkaden Geschäftslokale einrichten ließ.

Erstmals in der Geschichte wurde es dem Bürger ermöglicht, einen gemütlichen Spaziergang in einem öffentlichen Raum abseits des Verkehrs zu wagen, ohne dabei Kopf und Kragen zu riskieren und dem Wetter ausgesetzt zu sein. War einst die vor der Stadt liegende oder in Gärten domestizierte Natur der einzige Erholungsraum des Städters gewesen, wurden nun künstliche Oasen geschaffen. War der Arkadenhof bisher vor allem für Belichtungs- und Lüftungszwecke erforderlich, wurde durch dessen Überdachung nicht nur ein Verkaufsraum, sondern eine für jedermann zugängliche Welt voll raffiniert inszenierter Baustoffe und Lichtquellen geschaffen. Die Passagen wandelten sich zu einem bevorzugten Ort der Information und des Amüsements. Nicht nur die raumästhetische Innovation, dass öffentlicher Außenraum zum Interieur geworden war, auch das geschickte Arrangement stets wechselnder neuer Produkte erwies sich als Publikumsmagnet und verlockte zum Kauf.

Warenhaus-Pioniere

Die Lokalitäten in den Passagen wurden findigen Kaufleuten bald zu klein. Einer, der neue Maßstäbe setzte, war Aristide Boucicault, zugleich Gründer des weltweit ersten Warenhauses "Au Bon Marché". Sein Handwerk lernte er von der Pike auf, zog zuerst als Begleiter eines Hausierers durch ganz Frankreich und heuerte als Verkäufer in einem der "Magasins de nouveauté" an. 1852, als sich Louis Napoleon durch einen Staatsstreich als Kaiser etablierte, machte sich Boucicault mit einem Modewarengeschäft selbstständig und knüpfte geschäftliche Kontakte in den USA. Paris prosperierte, war größte Industriestadt der Welt und in städtebaulichen Dingen aller Welt ein Vorbild. In einer radikalen Stadterneuerungsaktion gestaltete Baron Georges-Eugène Haussmann das Gesicht der Stadt um und ließ innerhalb von zehn Jahren 60.000 Neubauten entlang der Boulevards aufziehen. Paris schlug London im Kampf um die Gunst des betuchten Publikums.

Boucicaults Geschäft florierte, der Umsatz brach alle Rekorde, und so entschloss er sich, die neuesten Einzelhandelspraktiken aus New York, von denen er gehört hatte, auch in Paris einzuführen und seinem - ökonomisch gesehen - schon großen Handel einen ebensolchen baulichen Rahmen zu geben. Mit der Tradition der gemischten Nutzung einer Immobilie als Wohn- und Geschäftshaus musste gebrochen werden. Er kaufte den gesamten Häuserblock auf, in dem sein altes Geschäft untergebracht war, und begann 1869 mit den Bauarbeiten an einem "Grand Magasin", das ausschließlich ein Haus für Konsumgüter sein sollte. Nur das Beste war gut genug: Architekten waren Gustave Eiffel und Boileau, der Besucher konnte in dem mit Marmor ausgekleideten Inneren nicht nur seine Einkäufe tätigen, sondern auch einen Leseraum, ein Buffet und einen Gewächsraum besuchen. Etappenweise wurde das Sortiment verbreitert. Wurden im alten Geschäft lediglich Kleidung, Hüte, Stoffe und Betten feilgeboten, konnte man in den 70er Jahren schon eine ganze Wohnungseinrichtung erstehen. Die Sortimentsentwicklung spiegelt den stetig breiter werdenden Wohlstand in der Gesellschaft.

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Dokument erstellt am 2004-01-30 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:15:00


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