• vom 02.01.2004, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:15 Uhr

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De Noailles: Die Königin von Paris




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Von Martin G. Petrowsky

  • Eine Erinnerung an die französische Dichterin Anna de Noailles

Dichterin der Jugend und der Liebe, kleine Göttin, die im Licht und in der Freude tanzt, Königin von ganz Paris - so überschwänglich wurde Anna-Elisabeth de Brancovan, verheiratete Comtesse Mathieu de Noailles, von ihren zeitgenössischen Verehrern charakterisiert. Und deren gab es viele und höchst prominente. Der leidenschaftlichste ihrer Bewunderer war wohl Marcel Proust, in ihrem Salon verkehrten aber viele Persönlichkeiten ihrer Zeit: Pierre Loti, André Gide, Paul Valéry, Colette, Jean Cocteau, Alphonse Daudet, Paul Claudel und andere. Sie alle wurden wohl angezogen von der einmaligen Schönheit und Anmut der "rumänischen Prinzessin"; sie waren aber auch hingerissen von der Bildersprache und Ausdruckskraft der Poesie der Comtesse, die schon nach ihrem ersten Gedichtband als bedeutendste zeitgenössische französische, ja europäische Dichterin angesehen wurde. Joseph Reinach verstieg sich gar zu dem Kompliment: "In Frankreich, Madame, gibt es nur drei Wunder: Jeanne d'Arc, die Marne und Sie!"

Anna de Noailles hat ihrem Publikum nicht verheimlicht, dass sie für die Ewigkeit schreiben wollte: "Ich sprach aus, was ich gesehen, was ich gefühlt habe, um auch nach dem Tod noch manchmal geliebt zu werden." Hat sie dies geschafft? Sie war der romantischen Schule bis zuletzt verbunden geblieben, hielt nichts von Sprachexperimenten und beobachtete die neuen Trends wie den Dadaismus ihres Landsmanns Tristan Tzara oder den Surrealismus eines André Breton zwar mit distanziertem Interesse, aber ohne persönliche Anteilnahme. Und sie verschwand sukzessive aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit, wurde vergessen. Dabei hat ein Symposium, das im vergangenen Jahr aus Anlass des 70. Todestages in Paris abgehalten wurde, erneut dokumentiert, welch bedeutende Persönlichkeit die Dichterin in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewesen ist.


Ein kontemplatives Leben

Geboren 1876 in Paris als Tochter eines rumänischen Fürsten und einer griechischen Adeligen, wuchs Anna-Elisabeth de Brancovan in der geschützten Atmosphäre der großen Pariser Salons auf, in denen sich die führenden Wissenschaftler und Künstler der Zeit zu Diskussion und Inspiration zusammenfanden. Die Sommer verbrachte sie im Landsitz am Genfer See, was wohl ihre lebenslange Liebe zur Natur und ihre kontemplative Neigung förderte. Schon mit 13 Jahren schrieb sie leidenschaftliche Gedichte, die ihre frühe Einsicht in die stetigen Abläufe der Natur bezeugen. In ihren Lebenserinnerungen ("Le Livre de ma Vie", 1932) schreibt sie aber auch, dass es wohl kein in Liebe und Zärtlichkeit umsorgteres Kind gab als sie, und die Zuneigung der Menschen ihrer Umgebung blieb ihr immer wichtig. Eine nette Anekdote aus der Kindheit: Zur Begrüßung einer englischen Prinzessin sollte Anna eine kleine vorbereitete Rede halten, die mit dem Satz endete: "The welcome be your royal Highness!" Anna machte daraus ". . . your Royal

Honey."

Schon früh denkt Anna über Leben und Tod, über den Sinn des Daseins nach. "Ich kann nicht vergessen, wie bewegt ich war, als ich das erste Mal die Deklaration der Menschen- und Bürgerrechte las", schreibt sie im Livre de ma Vie, "Die Menschen werden frei und gleichberechtigt geboren und bleiben es - Vernunft und Anständigkeit gebieten es so. Doch nach dem Tod bemächtigt sich die gerechte Ungleichheit des Körpers, . . . die Ungleichheit bewundert in den verehrten Toten die Summe ihrer körperlichen und geistigen Verdienste und so werden Millionen Menschen durch einen einzigen aufgewogen." Diese Einsicht in die Ungleichheit der Menschen erzeugt bei dem Mädchen aber auch ein Gefühl, das bis zu ihrem Tod dominant bleiben wird: Mitleid mit allen, denen es schlechter geht. Sie hat sogar Gewissensbisse, wenn sie ihr abendliches Bad genießt, wohl wissend, dass die meisten Kinder dieses Privilegs entbehren müssen. Mitgefühl, Einfühlungsvermögen in die anderen und Einsicht in die großen, ewigen Zusammenhänge - das sind wohl die Grundlagen, die schon die frühen Verse der weltoffenen jungen Frau so berührend machen.

Mit 21 Jahren heiratet Anna den Comte Mathieu de Noailles, mit 25 bringt sie ihre erste Gedichtsammlung heraus: "Le Cœur Innombrable." Dieses Buch wird in Paris enthusiastisch aufgenommen; Marcel Proust schreibt der Comtesse, nicht nur Reynaldo Hahn, Freund und Komponist, sei verrückt danach, auch Sarah Bernhardt sei begeistert und halte Anna für ein Genie, für die größte lebende Dichterin. So wird Anna de Noailles schlagartig zum uneingeschränkten Mittelpunkt der Pariser Gesellschaft, ihr Haus in der Avenue Henri-Martin an einer Stelle, wo früher der Dichter Lamartine gewohnt hatte, wird zum Treffpunkt der geistigen Elite des Landes. Niemand scheint sich der Anmut, dem Charme, der Bildung und der lyrischen Ausdruckskraft der schönen Comtesse entziehen zu können.

In kurzen Abständen folgen weitere Gedichtbände (u. a. "L'Ombre des Jours", "Les Eblouissements") und Romane (u. a. "La nouvelle Espérance", "Octave"); aufgrund der schrecklichen Auswirkungen des Ersten Weltkriegs gesellen sich zu ihren dominierenden Motiven - "Naturverbundenheit, Liebe, Leidenschaft und Schmerz, Angst vor Abschied und Tod - auch politische Themen" (Andrea Schweers).

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Dokument erstellt am 2004-01-02 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:15:00


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