• vom 19.12.2003, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:15 Uhr

Fotografie

Duby-Blom, Mutter der Lakandonen




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Von Roman Fillinger

  • Das wechselhafte Leben der Fotografin Gertrude Duby-Blom

Trudi war hier", schrieb Gertrude Duby-Blom als kleines Mädchen auf Zettel, die sie an einsame Bäume an den Hängen des Niesen im Berner Oberland heftete. Diese Zettel braucht es in San Cristóbal de las Casas auch zehn Jahre nach ihrem Tod nicht. Dass sie hier war, ist nicht zu übersehen, wenn man von den kopfsteingepflasterten Straßen der südmexikanischen Stadt in den Innenhof von "Na Bolom" tritt.


Trudi hat das halb verfallene Priester-seminar gemeinsam mit ihrem Ehemann renoviert. Sie hat die rosaroten Bougainvilleen gepflanzt, die sich zur hölzernen Galerie des kolonialen Hauses emporranken. Sie hat die Maya-Indianer fotografiert, die aus den Bilderrahmen an den grob verputzten Wänden herabblicken. Die hellblaue Holzbank im Innenhof war ihr Lieblingsplatz. Hier hat "Doña Trudi", wie sie ihre Angestellten respektvoll und ein wenig furchtsam nannten, ihre Gäste empfangen - und später, im Alter, Touristen beschimpft.

Auf dem Schminktisch in ihrem Schlafzimmer liegen die silbernen Armreifen, die sie am liebsten dutzendweise trug. Eine Postkarte zeigt Eiger, Mönch und Jungfrau, davor liegt ihre Brille mit den dicken Gläsern. Es scheint, als sei die alte Frau nur für ein paar Tage weggefahren, als habe sie aufgeräumt, aber keine Zeit gefunden, den Staub aus den Bettlaken und den Kissen zu klopfen. Der Hauch eines schweren Parfüms und der Geruch eines alten Menschen liegen in der Luft. Ihr Fahrer Pepe, der durch Na Bolom führt, deutet auf ein sehr buntes, abstraktes Bild und meint: "Sie war eine gute Fotografin, aber eine lausige Malerin, nicht wahr?" Stimmt. Aber das Bild passt zu den bewegten Geschichten aus dem Leben von Gertrude Duby-Blom.

Von Genua in den Dschungel

Schon 1940, als sie im Alter von 39 Jahren in Genua ein Schiff nach Amerika besteigt und Europa verlässt, hat sie ihren Mitreisenden viele abenteuerliche Anekdoten zu erzählen. Die schöne Frau mit dem durchdringenden Blick genießt es, wenn sich Zuhörer um sie scharen. Sie steht gerne im Mittelpunkt. Verschmitzt erzählt sie von ihren Streichen als Tochter des Pfarrers von Wimmis im Berner Oberland. Sie diskutiert über Frauenrechte, für die sie in der Schweiz als Präsidentin der SP-Frauenkommission gekämpft hat. Sie schildert, wie sie für die Sozialdemokraten und später für die Kommunisten durch Deutschland getingelt ist und wie sie nach dem Brand des Reichstags nach Paris fliehen musste. Und sie erzählt von ihrer Internierung als staatsfeindliche Kommunistin in Südfrankreich. Über ihre zwei geschiedenen Ehen und ihre zahlreichen Liebschaften hingegen schweigt Gertrude Duby. Fragen nach persönlichen Dingen geht sie ihr Lebtag barsch aus dem Weg.

Als sie den Passagieren auf dem Ozeankreuzer die Geschichten aus ihrem Leben erzählt, ahnt sie nicht, dass der Abschied von Europa endgültig sein wird. Sie kann sich nicht vorstellen, dass sie sich schon bald weit mehr für einen Indianerstamm im südmexikanischen Dschungel inte-ressieren wird als für den Klassenkampf in Europa. Dabei begegnet sie dem Stamm der Lakandonen, mitten auf dem Atlantik, zum ersten Mal in einem Buch. Sie ist fasziniert und beschließt, zu diesen im Urwald lebenden Menschen zu reisen. Zunächst schreibt sie aber noch in Mexiko-Stadt Reportagen für die deutsche Exilpresse. Um Bilder zu ihren Texten liefern zu können, kauft sie sich eine gebrauchte Agfa Standard. Damit fotografiert sie in abgelegenen Dörfern im Süden Mexikos die zerfurchten Gesichter der Zapatistas, jener Frauen, die von 1910 bis 1917 in Emiliano Zapatas Bauernrevolution gekämpft haben. Es sind die ersten Bilder des fotografischen Werks, das sie berühmt machen wird.

Im Februar 1943 ist es soweit. In klapprigen Bussen reist sie nach Chiapas, der südlichsten und ärmsten Provinz Mexikos. Sie hat Glück. Der Gouverneur lässt sich überreden, sie an der ersten offiziellen Expedition zu den Lakandonen teilnehmen zu lassen. Schon zwei Tage später reitet Gertrude Duby los - hinein in den Dschungel, als einzige Frau mit sieben Mexikanern und zwölf Maya-Indianern. Ganz geheuer ist ihr das nicht. Vor der Abreise hat sie sich eine großkalibrige Pistole gekauft, die sie gut sichtbar am Gürtel trägt.

Der erste Lakandone

"Auf einem gestürzten, schwarz-verkohlten Baumstamm im grünen Tabak stand ein Wesen. Eine Tunika reichte ihm bis zu den Knien. Unbeweglich, als wäre es eins mit dem toten Baumstamm, schaute es in unsere Richtung. Mann oder Frau? Es ließ sich nicht entscheiden. Das lange schwarze Haar, das bartlose Gesicht ließen auf eine Frau schließen. Der Ausdruck des Gesichts, die Körperhaltung auf einen Mann. Ich fühlte mich im Banne dieses Unbestimmten, eine Gefangene des Dschungels". Zum ersten Mal begegnet Gertrude Duby einem Lakandonen.

Tiefer im Dschungel lernt sie Chan K'in - "Kleine Sonne" - kennen, ihren besten Freund unter den Lakandonen. "Chan K'in ist schon alt; er ist der Patriarch der Lakandonen von heute; er ist klein und, offen gesagt, hässlich, aber er hat Augen, die mit außerordentlicher Intelligenz strahlen." Und Chan K'in spricht ziemlich gut spanisch. Er ist ihr Schlüssel zu den Urwaldindianern. Er führt sie in die Stammes-gemeinschaft ein und erklärt der neugierigen weißen Frau die Götterwelt der Lakandonen. Als erste Frau darf sie deren Tempel betreten und den Männern bei den Zeremonien zusehen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2003-12-19 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:15:00


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