• vom 14.11.2003, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:15 Uhr

Astronomie

Ein unartiger Nachbar




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christian Pinter

  • Der Mond schleudert immer wieder Meteorite auf die Erde

Das Apollo-Programm, mit dem die USA 1969 den Wettlauf zum Erdtrabanten für sich entschieden, kostete 24 Milliarden US-Dollar. Als handfeste Trophäe sammelten zwölf Astronauten knapp 382 kg Mondgestein ein. Daraus ließe sich ein Grammpreis von 63.000 Dollar errechnen. Die Sowjetunion erbeutete ab 1970 nur 0,3 kg, überstellt von drei unbemannten Luna-Sonden. Nach Ende der Mondflüge entdeckte man einen anderen, billigeren "Spediteur" - die Natur selbst. Mitunter kommt Mondgestein ganz von allein auf die Erde. Ein Phänomen, mit dem bereits vor 200 Jahren spekuliert wurde.


Im 18. Jahrhundert tauchten immer wieder Erzählungen auf, wonach Steine, begleitet von heftigen Licht- und Schallerscheinungen, aus dem Himmel herab gestürzt wären. Gelehrte hielten das für Märchen, Aberglaube oder Einbildung. Nicht so der studierte Jurist Ernst Florens Chladni. 1794 untermauerte er

in einem wohldurchdachten Büchlein die tatsächliche Existenz

von Meteoritenfällen. Der Physiker

Georg Christoph Lichtenberg reagierte zunächst spöttisch: Ihm sei nach der Lektüre gewesen, als hätte ihn ein solcher Stein gerade selbst am Kopf getroffen. Doch später schloss er sich, wie viele andere Wissenschaftler auch, Ernst Chladnis Meinung an.

Chladni vermutete, dass die Meteorite aus dem Raum zwischen den Planeten kämen. Seine Zeitgenossen stellten sich diese Weiten jedoch völlig materiefrei vor. Deshalb machten sie lieber den Mond verantwortlich, betrachteten die Himmelsboten als Auswurfmaterial von "Mondvulkanen". Denn als Vulkane interpretierte man damals noch die abertausenden kreisrunden Krater auf dem Erdbegleiter. Der Mond sei ein unartiger Nachbar, resümierte Lichtenberg 1797, zumal er mit Steinen nach der Erde werfe.

Die so genannten "Lunaristen" (vgl. lat. Luna, Mond) hielten sich rund fünf Jahrzehnte lang, auch wenn ihre Vulkantheorie zunehmend angezweifelt wurde. Schließlich verlegten Forscher die Wiege der Meteorite korrekt in den Kleinplanetengürtel zwischen Mars und Jupiter. Vor rund 60 Jahren entlarvte man die Krater auf dem Mond zweifelsfrei als Einschlagsnarben, entstanden durch den Aufprall größerer Himmelskörper. "Mondvulkane" waren damit endgültig passee, "Mondmeteorite" sowieso.

Eisfelder

Mit diesem Wissen flogen die ersten Menschen zum Mond. Über dessen Geburt und Entwicklung konnten sie allerdings nur spekulieren. Erst die von ihnen zur Erde gebrachten Proben schafften Klarheit. In speziell errichteten Labors wurden Zusammensetzung und Alter der Mitbringsel untersucht. Weil die Entnahmestellen genau bekannt waren, verriet das Gestein auch die Geschichte unterschiedlicher Mondlandschaften. Dennoch stellte die NASA ihre Flüge bereits 1972, nach Apollo-17, wieder ein. Die allerletzten Proben reichte die russische Robotersonde Luna-24 vier Jahre später nach.

Mittlerweile hatten staatlich finanzierte Forscherteams aus Japan und den USA begonnen, die Eisfelder der Antarktis nach Meteoriten abzusuchen. Sie fuhren ansehnliche Ernten von hunderten Fundstücken pro Saison ein. Am 18. Jänner 1982 stieß man in der Allan-Hills-Region auf einen knapp 3 cm kleinen Stein, der sich von allen anderen Meteoriten unterschied. Vielmehr glich ALH 81005 in Struktur, Zusammensetzung und Isotopenhäufigkeit manchen Proben der verklungenen Mondflug-Ära! Scherzhaft bezeichnete man diese Antarktis-Expedition im Rückblick nun als "Apollo-18-Mission". Außerdem wurde die Ausbeute früherer Suchkampagnen nach ähnlichen Exoten durchsucht. Tatsächlich erwiesen sich drei 1979 bzw. 1981 in den Yamato-Mountains eingesammelte Meteorite ebenfalls als Mondgestein.

Zunächst blieben derartige Glücksfälle auf die Antarktis beschränkt. Doch 1991 musterte ein US-Händler zahlreiche Exemplare des Meteoritenschauers von Millbillillie in Westaustralien. Dabei fiel ihm ein 19 g leichtes Steinchen aus Calcalong Creek auf, das an Fotos von Apollo-Proben erinnerte. Dieser erste nicht antarktische Mondmeteorit erhielt 1997 Gesellschaft: DAG 262 aus Dar al Gani, Libyen, wog stattliche 0,5 kg. Mittlerweile gilt Oman als Eldorado privater Meteoritenjäger. Unter den vielen Funden aus der Dhofar-Region identifiziert man seit 1999 auch immer wieder lunare Exemplare.

Im Augenblick nennt die wissenschaftliche Literatur 50 Mondmeteorite mit einem Gesamtgewicht von knapp über 10 kg. Viele davon sind allerdings "gepaart", also Fragmente eines einst größeren Objekts, das beim Flug durch die Erdatmosphäre auseinander gebrochen ist. Lunare Meteorite bilden eine exquisite Randgruppe. Sie stellen nur rund ein Promille aller bekannten Himmelsboten. Ihre Analyse bestätigte und ergänzte die Untersuchungsergebnisse der Apollo- und Luna-Proben.

Die Titanin Theia

Heute weiß man: Der Mond ist ein Kind der Erde. Während tektonische Kräfte das Langzeitgedächtnis unseres Planeten gelöscht haben, erinnert er sich noch hervorragend an die turbulente Frühzeit des Sonnensystems. Dieses begann sich vor 4,6 Milliarden Jahren zu formen. In nur 30 Millionen Jahren erreichte die Erdkugel fast ihre heutige Dimension, mit einem metallischen Kern im Zentrum und einem siliziumreichen Mantel darum. Doch nun krachte ein etwa marsgroßer Himmelskörper in die junge Welt. Astronomen nennen ihn "Theia" - nach jener Titanin, von der Hesiod in seiner "Theogonie" erzählt, dass sie die griechische Mondgöttin Selene gebar.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Astronomie

Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2003-11-14 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:15:00

Werbung




Werbung