• vom 31.10.2003, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:15 Uhr

Buch

Erlesen: Wer war Annemarie Selinko?




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Von Evelyne Polt-Heinzl


    Im Jahr 2002 erschien bei Kiepenheuer & Witsch eine Neuausgabe von Annemarie Selinkos "Désirée". Der Roman über die Marseiller Seidenhändlerstochter, die zunächst mit Napoleon Bonaparte verlobt ist, dann den Marschall Bernadotte heiratet und Königin von Schweden wird, hat bis heute Millionenauflagen erreicht. Über Annemarie Selinko hingegen ist wenig bekannt.


    Das ist eine gar nicht so seltene Konstellation, dass es die Autorin eines Weltbestsellers erst zu entdecken gilt. Zum Beispiel als politisch engagierte Frau. "Ich bin Durchzugstation geworden und für ein paar Menschen die 'Winkerin', wenn Schiffe Europa verlassen", schreibt sie Anfang 1940 an Franz Theodor Csokor aus Kopenhagen, wo sie seit ihrer Heirat 1938 lebt. Das ändert sich mit der Besetzung Dänemarks 1943. Selinko betätigt sich im Widerstand, gerät für kurze Zeit in Gestapo-Haft und flieht im Oktober desselben Jahres in einem Fischerboot nach Schweden.

    Hier arbeitet sie als Pflegerin und Dolmetscherin für das schwedische Rote Kreuz und ist im Mai 1945 an der Initiative des Grafen Folke Bernadotte beteiligt, der 30.000 Opfer aus deutschen Konzentrationslagern nach Malmö brachte. So erfuhr sie von den Gräueln des Lageralltags, der Massenvernichtung und den medizinischen Experimenten, von denen die Frauen aus Ravensbrück berichteten. Und "jede einzelne", schreibt sie in einem Brief, "konnte meine Schwester sein. Aber Liselotte kam ja nicht". Sie war in Auschwitz ermordet worden.

    Nach Kriegsende arbeitet Selinko fünf Jahre an der Lebensgeschichte der Eugénie Désirée Clary, und das - auch für die Autorin - Wesentliche ist dabei nicht unbedingt an der Oberfläche der wohlbekannten Handlung zu finden. "[...] der Dialog ist so, dass man lacht und lacht und im nächsten Augenblick schildere ich die Spitäler von damals und die Besetzung einer Stadt (Paris) und Schlangestehen um Brot und die Verkündigung der Menschenrechte während der französischen Revolution, die ziemlich genau das ausdrücken, was man heute neu in den Komitees der Vereinigten Nationen zu formulieren versucht."

    Liest man die Intention der Autorin, die sich auch in der Widmung an ihre ermordete Schwester ausdrückt, und den Entstehungshintergrund mit, erhalten viele Szenen eine andere, zweite Bedeutung. Etwa die dramaturgisch geschickt aufgebaute Beschreibung von Napoleons Kaiserkrönung, der eine blitzartige Umfärbungsaktion vorausgeht: Gleichsam über Nacht werden die Revolutionskokarden an den Rockaufschlägen durch solche aus weißem Seidenstoff ersetzt. "In die Höhe fliegen alle Hände. In die Höhe flog meine Hand. Ein einziger Schwurschrei schwoll auf, schwebte unter der Kuppel, verklang hallend." Bei Erscheinen 1951 mussten solche Szenen im Gedächtnis der Leser noch sehr lebendig gewesen sein. Zeithistorisch ist auch die Schilderung der Verwandtschaft Napoleons deutbar, ihre raffgierige Teilhabe an der Macht und vor allem das Fehlen jeglichen Unrechtsbewusstseins nach ihrem Sturz.

    Selinkos Romane sind als Unterhaltungsliteratur für Frauen kategorisiert, und das ist immer ein sicheres Zeichen dafür, dass die Literaturwissenschaft nicht genauer hinsieht. Eine der raren Arbeiten stammt von Christa Bürger und ist ein lehrreiches Beispiel, wie auch eine engagierte ideologiekritische Herangehensweise den Blick auf ein Buch verstellen kann. Bürger wirft der Autorin vor, dass sie eine radikale "Privatisierung des Geschichtlichen" betreibe und alles der "Individualbiographie der Heldin" unterwerfe. Das stimmt, ergibt sich allerdings notwendig aus der gewählten Tagebuchform, ebenso wie das zum Repertoire der Trivialliteratur gehörende Motiv des märchenhaften Aufstiegs eines einfachen Mädchens im Stoff begründet liegt. Zur Person der Autorin gibt Bürger keinerlei Hinweise.

    In den ideologiekritischen Diskursen der frühen 70er Jahre, als Faschismus und Exil erst allmählich zum Thema wurden, war es offenbar noch leicht möglich, die im Roman manifest eingezogene Bedeutungsebene der Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit zu überlesen. Dann mag tatsächlich in der Szene der Kaiserkrönung die totale "Reduktion des Historischen auf das Private" das hervorstechendste Merkmal sein. Und die tendenzielle Idealisierung der Figur des Marschall Bernadotte mag verstören, wenn man nicht weiß, dass einer seiner Nachfahren jener Folke Bernadotte ist, in dessen Hilfskomitee Annemarie Selinko im schwedischen Exil ehemalige KZ-Häftlinge betreute.




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2003-10-31 00:00:00
    Letzte Änderung am 2005-03-01 12:15:00

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