• vom 27.06.2003, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:16 Uhr

Astronomie

Posens außerirdischer Vorort




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Von Christian Pinter

  • Ein Besuch im Meteoritenkraterfeld von Morasko

Der neugierige Besucher benötigt kein Taxi, um die acht Kilometer zwischen dem Zentrum von Posen und Morasko zurückzulegen. Längst hat "Poznan", wie die alte Stadt auf polnisch heißt, das kleine Dorf eingemeindet. Mit dem öffentlichen Autobus geht es eine halbe Stunde lang Richtung Norden. Plattensiedlungen tauchen auf, verschwinden wieder aus dem Blickfeld.


Allmählich nimmt die Umgebung ländlichen Charakter an. Störche stolzieren über Wiesen. In Morasko steigen wir aus dem Bus der Linie 88, marschieren die "Meteorytowa" entlang. Links und rechts der Allee erstrecken sich weite Felder. Die Landschaft ist leicht hügelig. Unwillkürlich fühlt man sich an das Weinviertel erinnert.

Nach 650 Schritten zweigt rechts ein Waldweg ab. Wir folgen ihm und halten überrascht vor einem kleinen See inne. Tiefgrüne Pflanzen bedecken ihn. Dann fällt der 35 m weite Wall auf, der die Struktur umgibt. Wir begreifen: Das Wasser hat sich hier nicht in einer gewöhnlichen Mulde gesammelt - sondern am Boden eines Meteoritenkraters.

Dann ein weiterer See. Hier umfasst der Wall 63 m. Das Wasser füllt nur den tieferen Teil der Schüssel, täuscht somit eine viel kleinere Kraterdimension vor. Aus der Mitte ragt Schilf auf. Ein idyllischer Platz, wenngleich die Zahl surrender Gelsen unten am Ufer zunimmt.

Wasserlinsen

Vogelzwitschern begleitet uns auf dem Weg zum Hauptkrater. Er ist etwa 100 m weit und 13 m tief. Mehr als mannshoch steht darin das Wasser. Wasserlinsen baden im Sonnenlicht; Frösche und Kröten durchbrechen die Stille. Vom Nordufer aus bietet sich der schönste Anblick. Hier liegt der Kraterrand nur wenige Meter über dem Wasserspiegel. Der Südwall ist mächtiger, fällt nach innen und nach außen eindrucksvoll ab.

Das Kraterfeld von Morasko präsentiert sich als Ansammlung beschaulicher Waldseen. Zumindest im Sommer sind einige jedoch völlig ausgetrocknet. Zwei Gebilde klaffen als über 20 m weite, 3 bis

5 m tiefe Gruben im Boden. Das kleinste misst keine 15 m. Das merkwürdige Sextett drängt sich in einem Kreis mit 200 m Radius zusammen. Deutlich abgesetzt wartet Nummer 7 auf unseren Besuch.

Als "Krater" ist diese Struktur kaum zu erkennen. Dafür erinnert eine Suhle an Wildschweine, die hier ihr Refugium haben. Die ganz leicht elliptisch geformten Eintiefungen zeigen ähnliche Charakteristika. Ihre Längsachsen weisen vorwiegend nach Süden bzw. Südwesten. Dort ist auch der Kraterwall höher. Nordöstlich des Walds, im Getreidefeld, soll ein achter, heute nicht mehr sichtbarer Krater liegen. Eine alte Landkarte von 1888 zeigt noch weitere kreisähnliche Strukturen.

Anfang der siebziger Jahre wurde das Ackerland mit schweren Maschinen bearbeitet. Schon vorher ist wohl einiges der Landwirtschaft zum Opfer gefallen, die man hier seit 800 Jahren betreibt. Nur im Buchenwald blieben Krater und Gruben vor dem Pflug verschont.

Am 12. November 1914, kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs, machte Unteroffizier Cobliner beim Ausheben einer Geschützstellung in Morasko eine merkwürdige Entdeckung: "Bei Schanzarbeiten fand ich heute im gewachsenen Boden (Kies) ungefähr einen halben Meter unter der Erdoberfläche einen Metallklumpen von 75 kg Gewicht." Eine Probe kam nach Berlin, wo sie sich als Meteorit herausstellte. Eisengehalt: 92 Prozent.

Vor 50 Jahren katalogisierte Jerzy Pokrzywnicki die polnischen Meteoritensammlungen und suchte dazu auch das Fundgebiet des Morasko-Eisens auf. Bauern erzählten ihm von weiteren Stücken von rund 80 kg Gewicht. Viele davon waren wieder verloren gegangen. Der Forscher schaute sich bei seiner Recherche auch die runden Strukturen im Wald an. Damals glaubte man noch, sie wären von eiszeitlichen Gletschern geformt worden.

Pokrzywnicki brachte sie aber mit den Meteoritenfunden in Verbindung. Beweisen konnte er die Hypothese freilich nicht. Die erste wirklich hieb- und stichfeste Identifikation eines Meteoritenkraters gelang erst 1960, und zwar in Arizona. Dann dauerte es noch Jahre, bis Morasko endlich als mögliches Meteoritenkraterfeld in der internationalen Fachliteratur Erwähnung fand. Mittlerweile - 1966 - hatte man 16 Eisenmassen mit einem Gesamtgewicht von 211 kg sicher gestellt.

Als weiterer Beleg für die Einschlagsthese dienten zahlreiche Bodenproben, die Honorata Korpikiewicz von der Universität Posen 1978 aus einem halben Meter Tiefe entnahm. Fährt man mit einem Magneten über getrocknete Erde aus Morasko, bleiben winzige Partikel an ihm kleben. Mikrometeorite aus Nickeleisen findet man überall auf unserem Planeten. In Morasko treten sie aber stark gehäuft auf. Unter dem Mikroskop sind die Eisenteilchen entweder kugelrund oder unregelmäßig geformt. Die Kügelchen könnten noch in der Luft vom Meteoriten abgeschmolzen und dann auf Morasko hinabgeschwebt sein. Die irregulären Partikel hingegen splitterten wohl erst beim Aufprall der großen Eisenmassen ab.

Ab 1995 förderten Metalldetektoren im Raum Morasko viele weitere Meteorite zu Tage. Bis heute dürften mehr als 100 Exemplare mit

einem Gesamtgewicht von gut

500 kg aus dem Ackerboden geholt worden sein. Hie und da taucht eines auf Mineralienbörsen auf - es kostet von zwei bis sechs Euro pro Gramm.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2003-06-27 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:16:00


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