• vom 13.06.2003, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:16 Uhr

Fotografie

Am Rande des Vergessens




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  • Von Robert Schediwy

Familien-Fotoalben versuchen, persönlich Erlebtes vor dem Absturz ins Vergessen zu bewahren, und sie erfüllen diese Funktion zunächst zur Zufriedenheit. Anhänger der Kunstfotografie mögen über den "spießigen" Charakter der Bildchen spotten: das erste Auto, Mama vor dem Eiffelturm, die Taubenfütterung am Markusplatz, der Sonnenuntergang an der Riviera und natürlich die unzähligen Hochzeits-, Kinder- und Faschingsfotos stimulieren bei jenen, denen sich selbst Erfahrenes im Bild vergegenwärtigt, unmittelbares Gefühlsecho.

Fehlt es am persönlichen Erleben, verflüchtigt sich freilich rasch dieser emotionale Appeal: der Uropa, den man nicht mehr gekannt hat, wird zur fremden, bärtigen Maske. Wo das Band der Erinnerung abreißt, landen die Erinnerungsstützen häufig am Müll. Sammler treten zwar auf den Plan. Aber für sie


gelten andere, abstraktere Hierarchien der Bewahrungswürdigkeit: der Alterswert, die außergewöhnliche künstlerische Ausdruckskraft des Bildes, das "Zeittypische".

Eine eigenartige Zwischenwelt konstituieren jene Fotosammlungen, die zwar nicht selbst Erlebtes bebildern, die aber Querbezüge zu diesem herstellen.

Die Familie Totz gibt es nicht mehr, aber ich habe zwei ihrer Alben nach dem Tod meines Schulfreundes Michael Totz

(19. Mai 1947 bis 8. Juli 1990) übernommen, und ich bewahre sie getreulich auf.

Walter und Tilde Totz waren Freunde meiner Eltern. Walter Totz, aus bürgerlichem Haus, Intellektueller, Barpianist, war durch eine schwere Kinderlähmungserkrankung von den Oberschenkeln abwärts gelähmt. Politisch zunächst der extremen Linken zugehörig, war er nach 1945 als Direktor eines USIA-Betriebes tätig, mutierte aber zum erfolgreichen Manager eines Privatunternehmens. Er starb, wohl auch aufgrund berufsbedingter Überlastung, zu Ende der 70er Jahre. Tilde Totz, erheblich jünger, eine immer noch hübsche, lebenslustige Frau, wurde kurz vor Silvester 1983 Opfer eines absurden Unfalls: Ein Autoraser tötete sie auf einem Schutzübergang. Beider einziger Sohn, mein Freund Michael, wurde Schauspieler. Jahrelang war er am Linzer Landestheater sehr erfolgreich tätig, sein "Bockerer" soll geradezu legendär geworden sein ("Michael Totz ist ein Erlebnis", schrieben die "Oberösterreichischen Nachrichten" am 21. Oktober 1985). In Nürnberg

spielte der früh vom schmächtigen Knaben zur mächtigen Vatergestalt Mutierte unter anderem einen sehr modernen, sehr

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Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2003-06-13 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:16:00


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