• vom 30.05.2003, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:16 Uhr

Astronomie

Redselige Baumringe




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Von Christian Pinter

  • Die Geburt der Dendrochronologie aus der Marsbeobachtung

Mars beherrscht mit strahlend rötlichem Glanz die kommenden Sommernächte. Fernrohrbesitzer in aller Welt werden sich dann wieder bemühen, Einzelheiten auf dem kleinen Himmelsscheibchen zu erkennen. Früher spekulierte man mit Vegetation auf dem Nachbarplaneten. "Oasen" oder gar "Wälder" gibt es dort leider nicht. Dennoch stand die Suche nach Leben auf dem Mars Pate für einen wichtigen Fund - allerdings in irdischen Bäumen.


Andrew E. Douglass wird 1867 in Windsor, Vermont, geboren. Er geht aufs Trinity College in Connecticut und nimmt schließlich eine Stelle am Observatorium der Harvard Universität in Boston an. Als die Sternwarteleitung eine Beobachtungsstation auf der Südhemisphäre errichtet, schickt man den jungen Douglass nach Peru - als Assistent des Astronomen William Pickering. Dort, in Arequipa, mustert Pickering 1892 den Mars.

Auch Percival Lowell ist vom Nachbarplaneten fasziniert. Der Bostoner Geschäftsmann will sogar eine eigene Sternwarte bauen, um ihn zu studieren. Pickering macht Lowell auf Douglass aufmerksam, der bald in Lowells Auftrag günstige Beobachtungsplätze testet. Er soll dabei natürlich nicht einfach nur auf das Wetter achten, sondern vor allem auf die örtliche Luftunruhe. Sie produziert das Funkeln der Sterne und verschlechtert das Bild der Planetenscheibchen im Teleskop. Douglass studiert das Phänomen anhand heller Sterne, deren Fernrohrbild er immer wieder prüft. Schließlich gelangt er nach Flagstaff, Arizona - ein aufstrebender Umschlagplatz für Vieh und Holz, verkehrsgünstig an der Eisenbahn gelegen.

Lowell, Pickering und Douglass quartieren sich Ende Mai 1894 hier in einem Hotel ein. Abends richten sie die mitgebrachten Teleskope auf den Mars. Douglass möchte noch weitere Tests, doch Lowell drängt. Er will seine Sternwarte möglichst rasch in Betrieb sehen. Noch im gleichen Jahr legt man den Grundstein. Unter einer mächtigen Kuppel aus dem Holz der Ponderosa-Kiefer wartet ab 1896 ein neues, 13 Tonnen schweres Linsenteleskop mit 60 cm weitem Objektiv auf den ersten Einsatz.

Tagsüber durchstreift Sternwartebesitzer Lowell die Umgebung Flag-staffs. Er stößt dabei auf eine unbekannte Eschenart. Nachts mustert er den roten Planeten. Die dunklen Regionen verändern Umriss und Farbe, in Abhängigkeit zu den Jahreszeiten auf dem Mars. Für den Amateurbotaniker Lowell ist das ein Beleg für Vegetation. In raren Momenten ruhiger Luft glaubt er Dutzende von schmalen Linien festzustellen - vermeintlich künstliche Kanäle, in denen Marsbewohner Wasser von den Polen in die Trockengebiete befördern.

An den Schnittpunkten der Wasserstraßen wähnt Lowell Städte und Wüstenoasen. Er propagiert dieses Bild in Büchern, Artikeln und Vorträgen, die die Öffentlichkeit faszinieren. Die Astronomen sind skeptischer. Viele sehen die seltsamen Kanäle nicht, auf denen das Fantasiegebäude ruht. Lowell kontert: Die Kollegen hätten wohl schlechte Beobachtungsplätze oder allzu große Teleskope. Douglass, mittlerweile Lowells erster Assistent, hat nachgewiesen, dass kleinere Instrumente manchmal bessere Resultate liefern; sie reagieren zumindest auf die Luftunruhe weniger empfindlich.

Steht Mars nicht am Himmel, wendet sich Lowell der Venus zu. Um ihr gleißendes Licht zu dämpfen, blendet er die Teleskopöffnung auf wenige Zentimeter ab - noch mehr als bei seinen Marsbeobachtungen. Dabei sieht er dunkle Streifen, die wie Speichen eines Wagenrads vom Äquator fortziehen. Er denkt, hier Details auf der Venusoberfläche zu erkennen; trotz ihrer überaus dichten Atmosphäre. Die Kritik an Lowell nimmt zu. Douglass muss seinen Chef verteidigen. Später zweifelt er jedoch immer mehr an dessen "Entdeckungen".

Im Frühjahr 1901 beklagt er sich brieflich bei William Putnam - Lowells Schwager - über die unwissenschaftlichen Methoden des Sternwartebesitzers. Kurz danach ist Douglass seinen Assistentenposten los. Später werden sich die radialen Streifen der Venus und die geradlinigen Kanäle des Mars wirklich als Täuschungen entpuppen.

Hölzerne Wetterchronik

Gregor Johann Mendel, der 1865 die heute nach ihm benannten Vererbungsgesetze entdeckte, suchte nach Zusammenhängen zwischen Sonnenflecken und irdischem Wetter. Das verrät etwa ein Besuch im ehemaligen Augustinerkloster in Brünn, dem Mendel als Abt vorstand. Unabhängig von Mendel glaubt Douglass seit Jahren an solche Beziehungen. 1904 blickt er auf einen Baumstumpf und mustert die konzentrischen Jahresringe. Er erkennt: Die Struktur aus weiten und engen Ringen ist in Bäumen der gleichen Art und Region ähnlich; offenbar spiegelt sie gleichartige Wachstumsbedingungen wider. Im trockenen Arizona entstehen breite Ringe in Jahren mit reichlich Niederschlag, schmale in solchen mit kargem. Bei alten Ponderosa-Kiefern, auch "Gelb-Kiefern" genannt, reicht die hölzerne Wetterchronik mehrere Menschengenerationen zurück.

Wenn Bäume also den Niederschlag der letzten Jahrzehnte oder Jahrhunderte dokumentieren, dann müssen Holzbalken historischer Bauwerke das Wetter noch weiter zurückliegender Epochen aufgezeichnet haben. Überschneidet sich das äußere Ringmuster der alten Balken mit dem inneren von noch lebenden Bäumen, lässt sich die Chronik lückenlos erweitern. So kann Douglass weiter in die Vergangenheit zurückblicken - bis in die Zeit der spanischen Eroberer.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2003-05-30 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:16:00


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