• vom 30.05.2003, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:16 Uhr

Tourismus

Das Minarett von Lednice




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Von Beppo Beyerl

  • Die wechselvolle Geschichte eines Schlosses in Südmähren

Sein Name spricht Hohn: Lednice, zu deutsch Eiskeller. In früheren Jahren wichtiger Bestandteil selbst der kleinsten Brauerei. Die deutsche Bezeichnung des Schlosses lautet Eisgrub: Sie potenziert die Schrecken des Eiskellers, da eine Rückkehr aus einem Eissarg recht unwahrscheinlich erscheint. Dabei ist das in den Thaya-Auen gelegene südmährische Schloss mit dem Namen Lednice ein künstlerisches Kleinod, das mit des Eises Schrecken so wenig zu tun hat wie Dagobert Duck mit den Annehmlichkeiten des Sozialismus. Und rund um das Schloss liegt ein Landschaftsgarten, der eher an ein irdisches Paradies als an ein kühles Grab erinnert.

Schloß Lednice, im gleichnamigen Ort gelegen, ist von Wien aus über den Grenzübergang Drasenhofen zu erreichen, oder noch günstiger über den Grenzübergang Schrattenberg-Valtice. Mit der Eisenbahn über den tschechischen Grenzort Breclav/Lundenburg, von dort aus geht's mit dem Pimperlzug direkt bis Lednice/Eisgrub weiter.


Eisgrub, schon 1222 erwähnt

Erwähnt wurde Eisgrub erstmals 1222 als Herrensitz, als Festung. Ab 1249 gehörte das Schloss dem Hause Liechtenstein, seit 1371 war das Adelsgeschlecht nicht nur Eigentümer des Schlosses, sondern übte auch die Herrschaft über den gleichnamigen Ort aus, der im Jahre 1892 2.280 Einwohner hatte, davon waren 161 Juden. Das Schloss blieb beinahe 700 Jahre (bis zum Jahr 1945) im Besitz der Familie, nach dem Ende des 2. Weltkrieges wurde es - laut damaliger Terminologie - unter staatliche Verwaltung gestellt. Heute sind Teile des Schlosses als Museum zu besichtigen, zudem befindet sich auf dem Schlossgelände die Gartenbau-Expositur der Brünner Landwirtschafts-Universität.

Einerseits weist das Schloss also eine bemerkenswerte Kontinuität betreffs der Eigentumsverhältnisse auf. Andererseits erkennt man bei genauerer Betrachtung des Gebäudes verschiedene Baustile, ja man gewinnt den Eindruck, dass jede Modeerscheinung des jeweiligen Zeitgeistes, die sich später zu einem eigenen Kunststil verfestigten konnte, hier ausprobiert worden ist. So wurde von 1680 bis 1690 die wehrhafte Festung in ein Barockschloss umgebaut, als wonniglicher Zubau für fürstliche Vergnügungen entstand die Winterreitschule.

Die Pläne für den Umbau und für die Reitschule stammten vom bewährten Wiener Baumeister Johann Bernard Fischer von Erlach. Auch der Park in den anmutigen Thaya-Auen wurde barockisiert. Es entstand ein französischer Landschaftspark mit Terrassen und Springbrunnen. In geraden Linien und stereotypen Formen wollte der französische Park die kosmische Schöpfung widerspiegeln. Die klaren und gottgewollten Ordnungsregeln des Absolutismus sollten durch die repräsentative Art der Gestaltung demonstriert werden, aber mit der Vermittlung haperte es, da ja dem wichtigsten Adressaten der Vermittlung - dem gemeinen Volk - der Zutritt zum Park verwehrt war. Nur der Adel pflegte dort zu lustwandeln und sich bei neckischen Pfänder- und Maskenspielen, die oft zu amourösen oder pikanten Szenen führten, zu ergötzen.

Gerade 76 Jahre hielten die Barockbauten, dann wurde die barocke Epoche von der Ära des Klassizismus überlagert. Die Umbauten erfolgten von 1766 bis 1772: Die alte Kirche wurde abgerissen und durch die als Flügel vorspringende St. Jakobs-Kapelle ersetzt. Als zweiten Flügel errichtete man einen Wohntrakt, dazwischen entstand ein neuer Innenhof.

Reize der Disparität

Seit damals blickt man auf eine eigenartige Vorderfront, die in ihrer Disparität gar nicht wie eine Vorderfront aussieht. Eher vermeint man auf zwei Flügel zu blicken, die zu zwei verschiedenen Gebäuden gehören könnten. Allerdings erhebt längst niemand den kunsttheoretischen Anspruch, dass Stil und Nutzung einheitlich sein müssen: Schließlich hat auch die Disparität ihre Reize. Kongruent hingegen ist der Anblick von der heutigen Parkseite im Norden, sodass der Eindruck entsteht, diese Seite sei den Besitzern wichtiger gewesen als die gegenüberliegende.

In der Epoche des Klassizismus wurde kurz nach dem Umbau des Schlosses auch der Schlosspark kunstfertig restauriert. Mehrere Achsen ermöglichen weite Park-Durchblicke, an markanten Punkten der Achsen wurden Gebäude errichtet, die als imposanter Blickfang dienen. Am bekanntesten ist das Minarett, 1798 bis 1802 errichtet. Es ist 62 Meter hoch, seine Spitze erreicht man über 302 Stufen. Der Volksmund bezeichnet das Minarett als "türkischen Turm" oder als "babylonischen Turm", angeblich soll man von seiner Spitze aus bei günstigen Sichtverhältnissen sogar den Turm des Wiener Stephansdomes sehen können. Unzweifelhaft aber verfaulen die Erlenholz-Piloten des Minaretts wegen des sich verändernden Grundwasserspiegels.

Von 1805 bis 1811 erfolgte die nächste Umgestaltung: Eine romantisch inspirierte Teich- und Insellandschaft wurde inszeniert und mit mehreren Empire-Lusthäusern bestückt. Das damalige Parkgelände, das den Raum für die romantische Inszenierung bot, war um einiges größer als der heutige Schlosspark. Es reichte über Valtice/Feldsberg, wo ebenfalls ein Herrensitz der Liechtenstein stand, bis zu den südwestlich des Schlosses liegenden Fischteichen sowie den im Süden sich anschließenden Wäldern - heute als "Lednicko-Valticky areal" bezeichnet. Das Fürstenhaus gab ein Vermögen aus, um Bäume und Sträucher aus allen Teilen der Welt nach Eisgrub zu transportieren und hier einzupflanzen. Bis heute erhalten sind die beiden schönen, berühmten Alleen, die allerdings nicht von exotischen Bäumen, sondern von 300 Jahre alten Linden und Kastanien gesäumt werden: eine Allee verbindet die beiden Schlösser in Valtice und in Lednice.

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Dokument erstellt am 2003-05-30 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:16:00


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