• vom 18.04.2003, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:17 Uhr

Astronomie

Wie das "Schlagen von Trommeln"




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Von Christian Pinter

  • Vor 200 Jahren stürzten Tausende Meteoriten auf L'Aigle herab

Dreimal pro Jahr, so sagt die Statistik, werden Menschen Zeugen eines Meteoritenfalls: Ein oder zwei Fragmente eines neuen Himmelsbotens kommen dann zur Erde. Seltener hagelt es Dutzende, Hunderte, Tausende Steine - ein unvergleichbares Schauspiel. Einer der berühmtesten Meteoritenregen, jener von L'Aigle in Frankreich, feiert nun sein 200. Jubiläum.


Der studierte Jurist Ernst Florens Chladni lebt in Kutschen und Gasthöfen. Er pilgert von Ort zu Ort, hält Vorträge über Akustik und Musikinstrumente. 1793 macht er in Göttingen Station und trifft Prof. Georg Christoph Lichtenberg, auch Herausgeber eines Werks über die Grundlagen der Naturlehre. Man spricht unter anderem über Feuerkugeln: Leuchterscheinungen in der Lufthülle, den Sternschnuppen ähnlich, aber sehr viel heller. Für Lichtenberg sind das rein irdisch bedingte Phänomene, vermeintlich die Entzündung von Dünsten, wobei, wie bei Gewitterblitzen, Elektrizität im Spiel ist. Allerdings räumt er ein, dass man wenig über Feuerkugeln wisse. Eine kosmische Ursache sei nicht ganz auszuschließen.

Das fasziniert Chladni. Er nützt seine Reisen, um Bibliotheken nach einschlägigen Berichten zu durchforsten. Dabei werden gelegentlich auch Steine beschrieben, die im Anschluss an Feuerkugelbeobachtungen vom Himmel gestürzt sind. Gelehrte halten das für Legende. Wahrnehmungen von Laien machen sie misstrauisch, zumal auch immer wieder Erzählungen von herabfallendem Blut, Menschenhaar, Milch, Fleisch, Wolle, Quecksilber, Schwefel und sogar Geld auftauchen. Auch jene 300 Franzosen, die im Jahre 1790 stürzende Steine über Barbotan beschwören, ernten Unglauben. Das vom Bürgermeister verfasste Protokoll sorgt in Paris nur für mitleidiges Lächeln. Es sei traurig, wenn eine Gemeinde Volksmärchen amtlich bestätigen wolle, heißt es.

Alle enthalten Eisen

Doch Chladni findet Gemeinsamkeiten in den Erzählungen über herabgekommene Steine. Die vorangehenden Licht- und Schallphänomene ähneln einander, ebenso die Beschreibungen der Fundstücke selbst. Meist sind diese offenbar von einer dunklen "Rinde" überzogen und beinhalten Eisen. Der Deutsche bezieht sich unter anderem auf Fallberichte von Ensisheim 1492, Sagan 1636, Ploschkovitz 1723, Hraschina 1751, Tabor 1753, Albareto 1766, Eichstädt 1785 sowie drei französische Ereignisse, die den Fällen von Nicorps 1750, Lucé 1768 und Aire-sur-la-Lys 1769 entsprechen dürften. Dazu listet er noch rätselhafte Funde von gediegenem Eisen auf, wie sie etwa 1749 aus Krasnojarsk, Sibirien, und 1783 aus Campo del Cielo, Argentinien, gemeldet wurden. Auch wenn niemand den Fall dieser Eisenmassen beobachtet hat - ihre Entstehung von Menschenhand ist unwahrscheinlich.

Schließlich verwebt Chladni Feuerkugeln, Steinfälle und Eisenfunde zu einer gemeinsamen Theorie. Er glaubt an kosmische Geschosse, die mit hohem Tempo in die Lufthülle eindringen und sich dabei stark erhitzen. Ihr Herkunftsort sei der weite Raum zwischen den Weltkörpern. Sie alle wären Überreste kosmischer Materie, die sich nie zu einem großen Himmelskörper vereinen konnte - oder aber Bruchstücke zerborstener Welten. Chladnis Werk erscheint im April 1794 in Riga und Leipzig.

Nur Wochen später sorgen rote Blitze, eine Detonation und dunkler Rauch am Himmel über der Toskana für Aufregung. Bewohner von Siena sehen am Abend des 16. Juni 1794 etwa 200 Steine aus dem Himmel stürzen. Man verkauft sie zu hohen Preisen an englische Reisende. Forscher bleiben skeptisch: Wahrscheinlich seien die Stücke bloß von einem Wirbelsturm hoch geschleudert worden. Der Gesandte und Vulkanologe William Hamilton, übrigens Gatte der Geliebten von Admiral Horatio Nelson, bringt das Geschehen mit dem Vesuv in Verbindung, der kurz zuvor ausgebrochen ist.

In den nächsten Jahren ereignen sich sieben weitere Steinfälle; unter anderem 1795 in Wold Cottage, Yorkshire, 1796 in Evora, Portugal, 1798 in Salles, Frankreich, sowie in Benares, Indien. Joseph Banks, Präsident der Royal Society, mustert in London den Himmelsstein aus Yorkshire. Gerade hat er eine Probe des Siena-Falls erworben. Die Ähnlichkeiten sind auffallend. Dann erreicht ihn ein Brief aus Indien über den Benares-Fall. Banks wendet sich an den Chemiker Edward Charles Howard.

Howard ist ebenfalls Mitglied der Royal Society. Gemeinsam mit dem Exilfranzosen Jaques Bournon analysiert er nun Proben aus Tabor, Siena, Wold Cottage und Benares. Die Hauptbestandteile ähneln einander. Dazu gehören kleine Metallkörner, in denen Howard einen überraschend hohen Anteil des sonst seltenen Nickel ausmacht. Auch in den merkwürdigen Eisenfunden aus Campo del Cielo und Krasnojarsk, aus Steinbach in Deutschland und Siratik in Mali ist Nickel prominent vertreten. Die untersuchten Stein- und Eisenmassen scheinen also "verwandt" - wie Chladni vermutet hat.

Steine aus dem Himmel

Chladnis sorgfältige Argumentation von 1794, Howards Nickelfund von 1802 und die neuen Fälle dazwischen bewirken ein Umdenken. Immer mehr Gelehrte glauben jetzt, dass Steine tatsächlich aus dem Himmel stürzen können. Doch im Gegensatz zu Chladni sucht kaum jemand den Ursprung im Kosmos. Wissenschaftler meinen vielmehr, die Massen entstünden hoch droben in der Lufthülle. Man hält sie für Kondensationen von Dämpfen der Metallverarbeitung, vermischt mit vulkanischer Asche und elektrisch entzündet in brennbaren Gasen, die vom Boden aufgestiegen sind. 1803 erscheint in Paris Joseph Izarns einschlägiges Buch über "Atmosphärische Gesteinskunde". Selbst Goethe lässt die Luft "im Busen Stahl und Stein" tragen. Später bemüht er sich vergeblich um Chladnis Berufung an eine Universität.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2003-04-18 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:17:00


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