• vom 30.08.2002, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:19 Uhr

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Wos wiegt, des hot's




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Von Andrea Traxler

  • Über Gewichte, Waagen und Wäge-Phänomene

Vor dem Bahnübergang links bis zur Weggabelung. Ein simples Schild weist die Richtung nach Gfangen. Was für ein Name! Dann die angezeigte Straße neben der Bahn entlang, etwa einen Kilometer. Hochstraßgasse heißt's da. Wann kommt Gfangen? Ah, hier: Gfangen 1. Mit Spannung folgt man den Hausnummern: da, 5, die nächste müsste es sein, - nein, 5 a, 5 b, 5 c? na so was - aber jetzt: Nummer 7. Gfangen 7 bei Pinkafeld.


Dort wohnt und arbeitet Andreas Popp, Betreuer und Betreiber der öffentlichen Personenwaagen, der Automaten, wie Herr Popp sie nennt. An den seltsamsten Plätzen können sie die Wahrnehmung mit ihrer Präsenz überraschen, wenn sie einen groß anschauen und eine Münze wollen. Keiner nimmt sie so richtig war, und doch weiß letztlich jeder, dass sie da sind, werden sie erst in Erinnerung gerufen: ah ja, genau - die Waagen. Häufig ist ein derartiges Déjà-vu mit Erinnerungen aus der Kindheit verknüpft.

Kleine Farbenlehre

Manchmal stehen sie da und strahlen einen ziemlich rot an, manchmal versuchen sie mit einem etwa gülden sein sollenden Farbton auf sich aufmerksam zu machen, zuweilen zeigen sie sich dunkelgrau bis schwarz, wie das schlechte Gewissen. Neuerdings gibt es welche, die sich mit ihrer distanziert kühlen Silberfarbe kaum mehr vom Asphalt unterscheiden. Und irgendwann sollen alle in Wien ansässigen Waagen mit den gegenwärtig verfolgten Stadtbildvorstellungen verschmelzen, die eine optische Einbindung aller öffentlicher Einrichtungen in den Bodenbelag vorsehen, wie's scheint.

Diese silberfade Tendenz ist sehr bedauerlich, denn das Rot, das Herr Popp für die Neubepinselung der Waagen bisher verwendet hat, ist ein überaus freundliches, warmes, schönes Rot: RAL 3002, Kaminrot. Aber welche Bezeichnung die Farbe auch haben mag, sie soll nicht mehr sein. Wozu auch bräuchte Wien Farbe, der städtebauliche Zeitgeist will sich nun einmal in Form einer kalt gewordenen Breispeise präsentieren.

Noch aber hat sich die Öde nicht ganz durchgesetzt, und die Waagen sind noch zu sehen. Was sich bisher bei allen verändert hat: Sie schauen einen groß an und wollen 20 Cent. Das wurde ihnen auch schon krumm genommen, wurde doch bereits in einem kleinen Artikel mit Ausrufezeichen darauf hingewiesen, dass hier eine Teuerung von 175 Prozent zustande kam. Wie frivol auch, nachdem sie seit Jahrzehnten nur 1 Schilling forderten, wenn jemand wissen wollte, wie viel Gewicht er mit sich herumtragt. 2 Schilling und 75 Groschen kostet umgerechnet eine Wiegung jetzt. Die Waage selbst bringt 67 Kilo auf die Waage.

Herr Popp hat in nur drei Wochen alle Waagen umgerüstet, bei Minusgraden, und das sind österreichweit ungefähr 400 Stück immerhin, wovon etwa ein Viertel in Bädern und den der Fitness gewidmeten Zentren sich findet, die verbleibenden drei Viertel im Freien stehen. Dass tatsächlich alle jetzt Cents schlucken ist erstaunlich, denn eher doch ließen die Waagen die Vorstellung zu, es handle sich um irdisches Gut. Was Wunder, dass das Telephon im Hause Popp tagelang mit illusorischen Kaufangeboten strapaziert wurde.

Das Herrichten und Instandhalten der Waagen betreibt Herr Popp mit Akribie, auch wenn es nach 15 Jahren zur Routine geworden ist, die Zierscheiben der Gewichte, die Glasringe, die Gläser, Teile des Innenlebens usf. zu erneuern. Vandalismus zum einen, Materialermüdung zum anderen sind Ursachen, warum die Waagen um Hilfe schreien. Ist einer notleidenden Waage vor Ort nicht beizukommen, packt Herr Popp sie auf seinen Wagen und nimmt sie mit nach Gfangen. Dort, in seinem ländlichen Refugium steht ihm alles notwendige Material zur Verfügung, um sie kuriert wieder ihrer Bestimmung im öffentlichen Raum überantworten zu können.

Der Haken an der Waage

Man fragt sich zuweilen: wer, um alles in der Welt, stellt sich heutzutage, außer zum Gaudium, auf eine solche Waage? Für wen mag es von Interesse sein, oder gar eine Notwendigkeit haben, in aller Öffentlichkeit sein Gewicht bestimmen zu lassen? Und wen interessiert es schon, in Erfahrung zu bringen, wie viel er inklusive Stofflichkeiten, Schuhwerk und sonstigen Anhängseln auf die Waage bringt? Wer zöge nicht eine private Wiegung einer öffentlichen vor, der notwendigerweise noch eine Rechenoperation mit Unbekannten oder Schätzwerten folgt? Vor Jahren hatte jede Waage an der ohrlosen Seite einen Haken - aber wozu? Ist es vorstellbar, dass selbiger gedacht war, während des Wiegens die Kleidungsstücke samt und sonders dort deponieren zu können, um auf das natürliche Eigengewicht zu kommen? Eingedenk dessen, dass ein vollkommen hüllenloses Auf-treten außerhalb der eigenen vier Wände oder des dafür bestimmten Rahmens als Erregung öffentlichen Ärgernisses empfunden wird, eher nicht. Mittlerweile sind die Haken abmontiert, war doch diese rostanfällige und durch seine exponierte Platzierung auch sonst problematische Stelle eine ewig herzurichtende.

Wandert man mit konditioniertem Blick durch die Stadt, werden sie an Straßenbahn- und Bushaltestellen, bei Märkten und häufig bei öffentlichen Institutionen auffällig - die Waagen, nicht aber die Klientel, die ihr Gewicht darauf zu prüfen pflegt. Das ist irgendwie mysteriös, und doch lohnt es sich, die Waagen zu hegen und zu pflegen. Ob öffentliche Gewichtsprüfungen vielleicht im Schutze der nächtlichen Finsternis zur Unstunde vonstatten gehen? Dreht man von Neugierde getrieben zu solchen Zeiten seine Runden, führt man nur das Fragezeichen spazieren.

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Dokument erstellt am 2002-08-30 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:19:00


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