• vom 03.05.2002, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 14:47 Uhr

Wien

Lebensader mit Tücken




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Alexander Glück

  • Wien und der Wienfluss -Geschichte einer langen Beziehung

Bei der Durchführung von Kanalausbesserungsarbeiten im Wienflusse nächst der Schönbrunner Schloßbrücke wurden am 15. des Monats einige verweste Menschenteile aufgefunden. Diese dürften von Personen herrühren, die während des Krieges bei Fliegeralarm Zuflucht suchten und durch Bombentreffer getötet wurden.


So stand es am 23. Juli 1946 in der "Wiener Zeitung": Zeichen für die Not und Verzweiflung der Menschen im Krieg. Die Wien ist der Fluss, an dem die Stadt eigentlich liegt, denn zur Zeit ihrer Entstehung war die Donau eine weitläufige Auen- und Inselwelt. Dennoch ist es kein Zufall, dass die Stadt gerade am Vereinigungspunkt beider Wasser entstand. Der rund 34 Kilometer lange Wienfluss hat eine wechselvolle Geschichte und kommt auf seiner Reise durch die verschiedensten Gegenden, ehe er das letzte Stück seines Weges zum Donaukanal in einem schäbig gewordenen Kanal zurücklegen muss, der unter dem Naschmarkt verläuft.

Stadt und Fluss

Wiens Geschichte war schon immer eng mit dem Wienfluss verknüpft. Er entspringt am Fuße des Kaiserbrunnberges im Wienerwald. Schon die Römer fürchteten sein Überschwemmungspotenzial und errichteten ein großes Wasserbecken, um die angelegten Straßen zu schützen. Der Wienfluss war ein Bindeglied zwischen den stationierten Truppen an der Limesgrenze und dem südlicheren Hinterland. Kein Wunder also, dass der Fluss als Schifffahrtsweg nutzbar gemacht wurde. Sein Name leitet sich von Vedunia (Waldbach) ab und stammt aus der Zeit um 400 v. Chr. Die Stadt benannte man dann kurzerhand nach dem Fluss, so stand beides schon relativ früh fest. Immer wieder im Wandel war dagegen der Fluss selbst, denn alle Kulturen, die hier siedelten, waren mit ihm nicht recht zufrieden - zuletzt die technikbesessenen Ingenieure des 19. Jahrhunderts und nun die Planer groß angelegter Renaturierungsmaßnahmen.

Bis ins späte 19. Jahrhundert hatte die Wien romantische Auen durchflossen, Wäscherinnen schwenkten die Laken im klaren Wasser, und Fischer holten schmackhafte Fische heraus. Da und dort ein Flößer, eine alte Mühle vielleicht, und im Winter Schlittschuhfreuden auf den zugefrorenen seichten Auen. Aber die historische Wien konnte für den Menschen auch sehr unangenehm werden: Ihr Durchsatz erreichte bei Hochwasser zuweilen das Zweitausendfache der normalen Wassermenge.

Mit solchen Überschwemmungen haben alle zu leben gelernt, nur nicht der Mensch. Und so ging er bald daran, die Natur in die engen Grenzen seiner Vorstellungen zu zwängen. In tragischer Erinnerung war lange Zeit die Flut vom 4. Juli 1670: Der Fluss war so schnell angestiegen, dass viele im Schlaf überrascht wurden und in ihren Häusern ertranken. 1785 durchflutete der Fluss Keller und Erdgeschoß des Schlosses Schönbrunn. Schon im 18. Jahrhundert wurde daher der Ruf nach gründlichen Regulierungen laut: Im Jahre 1713 erstellte der Architekt Adam Gußmann ein Projekt, den Wienfluss in geordnete Bahnen zu lenken, und 1781 entwarf der Hofstatuarius

Wilhelm Bayer einen weiteren

Plan zur Regulierung, aber beide Pläne kamen nie zur Ausführung. Lediglich einige Uferabschnitte wurden bepflanzt, und man ließ durch Sträflinge ein tieferes, ordentliches Flussbett graben. Anfang des 19. Jahrhunderts begann man sich ernstlich mit der Regulierung zu befassen. 1814 wurde beschlossen, den Flusslauf einzubetten, allerdings nur in der Stadt und deren unmittelbarem Einflussgebiet. 1817 waren die Arbeiten zwischen Schönbrunn und dem Stubentor an der Stadtmauer beendet. Aber nicht nur die Hochwasser waren gefährlich, sondern auch etwas anderes - die Cholera.

Eine tödliche Katastrophe nahm 1830 ihren Anfang. Da der Fluss zu dieser Zeit noch nicht ausreichend reguliert war, war es nur eine Frage der Zeit, wann die Cholera zum Ausbruch kommen würde. Unrat und Kot, aber auch Tierkadaver waren die Auslöser der Epidemie, die wie eine Furie in die Stadt griff. Allein im Jahre 1830 starben in Wien 2.000 Menschen an der Seuche. Noch stand die Medizin der rasanten Ausbreitung dieser Darmkrankheit hilflos gegenüber. Die meisten Kranken starben spätestens nach einigen Wochen, viele schon binnen weniger Tage, an der Austrocknung ihres Körpers. Die kaiserlichen Wohnsitze, Schönbrunn und das Schloss Belvedere, waren für die Dauer der Epidemie von der Umwelt völlig abgeschirmt. Damit die krankheitserregenden Abwässer nicht in den Wienfluss gelangten, wurden ein parallel laufender Kanal, der so genannte Cholerakanal, errichtet, den man heute noch besichtigen kann. Seine Kapazität war jedoch begrenzt. Bei stärkeren Regenfällen ging der Kanal über, und der gesamte Unrat gelangte in den Wienfluss - eine gefährliche Infektionsfalle.

Die Sanierung

Nach dem Abklingen der Epidemie nahm man als erstes den Bau von Sammelkanälen in Angriff. Sie sollten die Abwässer aufnehmen und erst kurz vor der Mündung in die Donau in den Wienfluss einspeisen. Die dringend erforderliche Sanierung des Flusses war außerdem Teil eines Arbeitsbeschaffungsprogramms: Beim Kanalbau fanden rund 5.000 Menschen Arbeit.

Der Wienfluss hatte im 18. Jahrhundert lange auch mit industriellen Abwässern etlicher Betriebe zu kämpfen, die sich in den vorangegangenen Jahrzehnten vermehrt am Ufer des Flusses niedergelassen hatten. Vor allem diejenigen Gewerbe, welche viel Wasser für ihre Arbeit brauchen, siedelten traditionell am Flussufer. So wurde der Fluss zur Kloake, und bald sah der Wiener Magistrat die Situation am Wienfluss als gesundheitsgefährdend an. Aus verschiedenen Gründen arbeitete man weiter an der Regulierung des Flusses, was bis zur teilweisen Überwölbung führen sollte. Im Westen der Stadt wurde der Wienfluss mit Wehranlagen und Staubecken gebändigt, die Ufer mit Mauern begrenzt und die Sohle vertieft.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Wien

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2002-05-03 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 14:47:00


Werbung




Werbung