• vom 03.05.2002, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 14:47 Uhr

Wohnen

Alte Särge und neues Leben




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Von Reinhard Seiß

  • Die "Sargfabrik" ist Wiens innovativstes Wohnprojekt

Vor einigen Jahren präsentierte sich Wien in einem Folder als Architekturstadt, die auch abseits kaiserlich-königlicher Repräsentationsbaukunst internationale Qualität zu bieten hat. Ausgewählt wurden dafür drei Wohnbauten: Der KarlMarx-Hof - die Ikone des sozialen Wohnbaus im Roten Wien der 20er- und 30er-Jahre; das Hundertwasser-Haus - eine der größten Touristenattraktionen der Stadt; und die "Sargfabrik", die dagegen nur wenigen Wienern und noch weniger Touristen ein Begriff ist.


Den ungewöhnlichen Namen bezieht der Wohnbau von seinem Standort im 14. Gemeindebezirk, auf dem sich einst die bedeutendste Fabrikationsstätte für Särge in der gesamten Donaumonarchie befand. Die unerwartete Publicity wiederum verdankt er der innovativen und für Wien unorthodoxen Wohnphilosophie der Architekten und Bewohner.

Es begann Ende der 80er Jahre mit knapp 40 Leuten, die mit den Standards des Wohnungsmarkts, aber auch mit den konventionellen Lebensformen in Wien nicht mehr zufrieden waren. Gemeinsam mit Architekten vom "Bau-Künstler-Kollektiv" BKK-2 gründeten sie den "Verein für integrative Lebensgestaltung", der später auch als Bauträger und Empfänger der kommunalen Wohnbauförderung auftrat, und nahmen konkrete Planungen für ein Wohnmodell nach eigenen Vorstellungen in Angriff.

Ihr Haus sollte freizeittauglich und gemeinschaftsfreundlich sein, das Leben darin aber auch gesellschaftspolitischen Ansprüchen genügen: Wohnen, Kultur und Integration lauteten die Schlagworte, die vor allem von den beiden BKK-2-Partnern Johann Winter und Franz Sumnitsch in ständiger Abstimmung mit den künftigen Bewohnern in eine dreidimensionale Form gebracht wurden.

Stadträumliche Qualität

Nach dreijähriger Bauzeit wurde die Sargfabrik 1996 eröffnet - dass dies ausgerechnet am 1. November, dem Allerheiligentag, geschah, mag Zufall sein. Jedenfalls erhiel-ten BKK-2 noch im selben Jahr den Adolf-Loos-Architekturpreis - "nicht zuletzt für unsere Form der innerstädtischen Verdichtung", erklärt Sumnitsch. Die Architekten haben mit ihren Neubauten - vor allem im Inneren des gründerzeitlichen Baublocks zwischen Goldschlagstraße und Matznergasse - eine hohe stadträumliche Qualität geschaffen, ohne den angrenzenden Altbestand - Wohnungen, Gärten, kleine Manufakturen - dadurch zu bedrängen. Im Gegenteil, sie integrierten und adaptierten auch ein altes Miethaus sowie den Schornstein - als Zeugnis der ehemaligen Sargfabrik - in ihren Komplex.

Trotz einer gewissen Dichte - auf 4.700 m² Grundfläche wurden 7.600 m² Nutzfläche realisiert - verfügt die Anlage, die von beiden Straßenseiten aus öffentlich zugänglich ist, über attraktive Freiräume: allen voran die weitläufigen Dachgärten, die gemeinschaftlich genutzt und vielfältig begrünt sind - auch mit Obstbäumen und Gemüsebeeten; daneben ein Hof mit großzügigem Biotop, ein Kinderspielplatz und eine Ballspielwiese sowie - jeder der 73 Wohnungen zugeordnet - offene Laubengänge und Balkone.

Um alle architektonischen Vorstellungen verwirklichen zu können, bedurfte es jedoch eines "Kunstgriffs" der Bauherren: Sie definierten die Anlage als "Wohnheim" und waren damit in der Lage, manch hinderliche oder auch kostentreibende Vorgabe der Wiener Bauordnung zu umgehen. So ersparte man sich beispielsweise die obligaten Vorräume und durfte Standardgrößen von Zimmern unterschreiten - zu Gunsten individueller Lösungen für die künftigen Bewohner.

Auch das Garagengesetz, demzufolge für jede Wohnung ein Abstellplatz zu schaffen ist, schreibt für Wohnheime nur eine zehnprozentige Deckung vor. Drei dieser erforderlichen Garagenplätze wurden in der Sargfabrik als Car-Sharing-Plätze konzipiert, auf der verbleibenden Stellfläche drängen sich heute die Fahrräder der Bewohner.

"Allein der Verzicht auf eine Tiefgarage ermöglichte uns die Finanzierung zahlreicher Gemeinschaftseinrichtungen", macht Architekt Sumnitsch die Dimension dieser Einsparung bewusst. Im Unterschied zu normalen Wohnhäusern werden bei Wohnheimen auch Gemeinschaftsflächen gefördert. Das Café-Restaurant in der Sargfabrik musste dafür lediglich als "Heimküche" bezeichnet werden, die Becken im Badehaus wiederum gelten als "Gemeinschaftsbadewannen".

Geschenkt wurde den Mietern dennoch nichts. Franz Sumnitsch, der selbst in der Anlage lebt, zahlte für seine 100-m²-Wohnung einen Finazierungsanteil von rund 58.000 Euro (800.000 Schilling), wovon etwa 11.000 Euro (150.000 Schilling) auf die kollektiven Einrichtungen entfielen. Dasselbe gilt für Miete und Betriebskosten in Höhe von monatlich knapp 580 Euro (8.000 Schilling) - allein 36 Euro (500 Schilling) gehen davon direkt an das Restaurant, das ohne Zuschüsse nicht bestehen könnte. Ebenfalls dotiert wird das Kulturbudget der Sargfabrik sowie ein Sozialfonds: Dieser kommt Bewohnern in finanzieller Notlage zu Gute - denn kommunale Wohnbeihilfe gibt es für Heime keine.

"Die Bauordnung ist kein Hindernis für innovative Architektur, man muss nur kreativ damit umgehen", betont Johann Winter und veranschaulicht dies anhand der stark differierenden Raumhöhen in den Wohnungen: "Das vorgeschriebene Mindestmaß beträgt 2,50 Meter - wir gingen teilweise auf 2,26 Meter herunter, was für Badezimmer und Nebenräume völlig ausreicht. Ebenso für Schlafzimmer, die wir mit dieser Geschoßhöhe allerdings als Abstellräume definieren mussten. Dafür sind die Wohnzimmer bis zu 5 Meter hoch, womit wir die niedrigeren Räume auch rechnerisch aufwogen und dem Gesetz Genüge taten."

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Wohnen, Wien

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Dokument erstellt am 2002-05-03 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 14:47:00


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