• vom 17.10.2008, 16:02 Uhr

Kompendium

Update: 17.10.2008, 16:05 Uhr

Film

"Traumverhangen war ihr Auge"




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Von Hans Kitzmüller

  • Die Schauspielerin Nora Gregor war in den dreißiger Jahren ein Liebling des Wiener Publikums - Episoden aus dem Leben eines vergessenen Stars
  • Jean Renoir sah sie zum ersten Mal eines Abends in einem Pariser Theater, unweit von ihm sitzend. Sie machte auf ihn einen so enormen Eindruck, dass er sie unbedingt sofort als Hauptdarstellerin in seinem Film "La Règle du jeu" engagieren wollte.

Etwas später sagte der große französische Regisseur, man sollte einen Roman über die Seele dieser Exilierten schreiben. Nach dem Anschluss 1938 lebte Nora Gregor in Paris. Als die Nazis auch Frankreich besetzten, musste sie weiter flüchten. Sie reiste nach Südamerika. In Santiago de Chile starb sie 1949 - Selbstmord oder Herzversagen? Man weiß es nicht genau. Der Krieg war seit Jahren beendet, aber sie konnte nicht zurück in die Heimat, zurück in ihre Welt: auf die Bühne.


In den zwanziger und dreißiger Jahren war Nora Gregor eine der berühmtesten österreichischen Schauspielerinnen. Als Burgtheatermitglied trat sie von 1933 bis 1937 in vielen Rollen auf: als Agnes Bernauer, Käthchen von Heilbronn, die Shakespearsche Julia, als Nathalie im "Prinz von Homburg", als Kaiserin in Saßmanns "Maria Theresia und Friedrich II", um nur die wichtigsten zu nennen.

Eine ihrer letzten Rollen war die Schönheit im "Salzburger großen Welttheater". Als solche hatte sie "das mühelos und selbstverständlich Strahlende der Schönheit, dagegen das Eitle, Lockende und Spielerische der Schönheit deutete sie nur an mit leisen, zaghaften Strichen. Fast, als schäme sie sich dessen. Aber als dann der Schmerz die Schönheit überfällt, als der Totentanz auch sie zum Abschiednehmen zwingt, wie war sie da wieder ganz sie selber..." So entzückt war de Kritiker Oskar Maurus Fontana. "Traumverhangen war ihr Auge, und ihr Blick, auch der lachende, der lächelnde, der spöttische, ging in die Ferne", hieß es von ihr. Die Gregor war keine tragische Darstellerin, dazu fehlte ihr die Nähe zum Dämonischen und der Urlaut der Leidenschaft, aber sie war eine durch und durch lyrische Schauspielerin.

1920 debütierte sie im Renaissancetheater in einem harmlosen Allerweltslustspiel neben Harry Walden, in der Rolle eines weiblichen Parzival. Sie war noch sehr jung und schien geradewegs von der Theaterschule zu kommen. Dennoch horchte man auf, schon bei den ersten Worten, die sie sprach, lag ein ungewöhnlicher Ton in ihrer Stimme. Und wie man im Laufe des Abends dem Spiel der jungen Schauspielerin folgte, wurde man fast verführt, ihrer spröden, mädchenhaften Anmut Seele zuzutrauen, so berichtete der damals schon von ihr begeisterte Fontana. Die Debütantin hatte auch Seele, was sie in vielen Rollen auf fast allen Wiener Bühnen bis zum Jahre 1938 stets aufs Neue beweisen konnte.

In der Theatergeschichte ist Nora Gregor als Schauspielerin unter Max Reinhardt ebenso präsent wie als Burgschauspielerin. Viele erinnerten sich lange an die Salzburger Festspiele des Jahres 1923, als Reinhardt in seinem Schloss Leopoldskron den "Eingebildeten Kranken" aufführte. Max Pallenberg, der große Komödiant, war von einer Schar hervorragender Schauspielerinnen umgeben, doch konnte mancher sein Auge nicht von einer dunkelhaarigen 22-Jährigen wenden: Es war Nora Gregor als Beline, "ein Wesen von unverwechselbarem Zauber, hell in ihrer Zartheit, voll nervöser Harmonie", wie Piero Rismondo sie beschrieb.

Kindheit im Süden

Um das damalige Phänomen Nora Gregor ganz zu verstehen und dem Geheimnisvollen ihres Reizes und ihres Wesens auf die Spur zu kommen, muss daran erinnert werden, dass Nora Gregor (wie übrigens auch Rismondo) aus dem Süden des alten Österreich stammte, und zwar aus seinem italienischen Teil.

Sie wurde 1901 im altösterreichischen Görz geboren, in jener kleinen Vielvölkerstadt am Isonzo, wo damals noch vier Sprachen gesprochen wurden: Deutsch, Italienisch, Friulanisch und Slowenisch. In diesem idyllischen Görz, einst als "Österreichs Nizza" gefeierter Winterkurort, ist Nora Gregor aufgewachsen. Schon als Mädchen träumte sie davon, zur Bühne zu gehen, so erzählte sie selbst. Jede Theatervorstellung wurde für sie zum Erlebnis. Aber ihre Eltern erlaubten ihr nicht, Schauspielerin zu werden. Der Vater war sehr konservativ, zum Wunsch seiner Tochter, Schauspielerin zu werden, sagte er nur: "Ausgeschlossen" .

Nach den ersten Isonzoschlachten musste die Zivilbevölkerung Görz verlassen. Die Familie Gregor zog erst nach Klagenfurt, wo Nora heimlich, ohne Erlaubnis der Eltern, ins Stadttheater ging, und dann nach Graz, wo Vater Gregor wieder ein Juweliergeschäft eröffnete. Nora arbeitete fleißig im Geschäft und durfte dafür bei Liebhaberaufführungen mitwirken. In Graz war sie bald als die "Brünette vom Jakominiplatz" bekannt.

Eines Abends kam Nora wie verwandelt vom Theater nach Hause: es gab seit diesem Tag keinen Schauspieler und keine Schauspielerin in Graz, in die sich Nora nicht verliebt hätte. "Mit dem Frieden in unserer Familie" , erzählte sie, "war es nun definitiv aus" . Zuerst setzte sie durch, dass sie bei einem Schauspieler Unterricht nehmen durfte. Und als das erreicht war, wollte sie selbstverständlich nach Wien. Wiederum großer Widerstand, "besonders mein Vater, ein richtiger Bürgerpatrizier von altem Schrot und Korn, wehrte sich wie ein Held", erzählte Nora Gregor 1933 in einem Interwiew. Mit einer theaterspielenden Tochter hatte sich Herr Gregor abgefunden. Aber dass sie sich nun ins Sündenbabel Wien begeben wollte, leuchtete ihm durchaus nicht ein und er malte der ehrgeizigen Tochter in den lockendsten Farben aus, wie herrlich es sein würde, wenn sie im viel moralischeren Krems, Waidhofen oder Cilli ein Engagement bekäme.

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Schlagwörter

Film, Theater

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Dokument erstellt am 2008-10-17 16:02:38
Letzte Änderung am 2008-10-17 16:05:00


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