• vom 22.07.2006, 00:00 Uhr

Kompendium


Wissenschaft

Wie frei ist die Wissenschaft?




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Von Karl Acham

  • Vom Ideal zur Ideologie: Viel zu oft werden wissenschaftliche Tatsachen auch heute noch weltanschaulich und juridisch abgesichert.

Aus sicherer Distanz das Freiheitssymbol schlechthin im Blick - Wenn es um die Wissenschaft geht, wird der Blick auf die Freiheit gerne ideologisch getrübt. Foto: Willy Puchner

Aus sicherer Distanz das Freiheitssymbol schlechthin im Blick - Wenn es um die Wissenschaft geht, wird der Blick auf die Freiheit gerne ideologisch getrübt. Foto: Willy Puchner

Aus sicherer Distanz das Freiheitssymbol schlechthin im Blick - Wenn es um die Wissenschaft geht, wird der Blick auf die Freiheit gerne ideologisch getrübt. Foto: Willy Puchner

Aus sicherer Distanz das Freiheitssymbol schlechthin im Blick - Wenn es um die Wissenschaft geht, wird der Blick auf die Freiheit gerne ideologisch getrübt. Foto: Willy Puchner Aus sicherer Distanz das Freiheitssymbol schlechthin im Blick - Wenn es um die Wissenschaft geht, wird der Blick auf die Freiheit gerne ideologisch getrübt. Foto: Willy Puchner

Der Begriff Freiheit ( griech.: eleuthería, lat.: libertas ) ist uns aus dem Bereich des politischen Lebens vertraut. Freiheit von Unterdrückung, von politischen Zwangsverhältnissen ist ein zentrales Thema der Menschheitsgeschichte. Es gibt gar vieles, wovon man frei sein möchte, doch nicht immer weiß man auch, zu welchem Zwecke man es sein will. Was die angemessene Verteilung von Freiheiten betrifft, so war insbesondere den großen Staatstheoretikern des 17. und 18. Jahrhunderts klar, dass Freiheit nicht in einem völlig ungeregelten Zustand sozialen Zusammenlebens bestehen könne, in dem es jeder Person freisteht, zu tun und zu lassen, was sie will.


Das Recht als die, wie Kant sagte, "Einschränkung der Freiheit eines jeden auf die Bedingung ihrer Zusammenstimmung mit der Freiheit von jedermann, insofern diese nach einem allgemeinen Gesetze möglich ist" , sollte der Sicherung jener Grundfreiheiten dienen, von denen wir auch heute noch glauben, dass sie jedem Menschen zukommen und die notwendige Bedingung einer freien Gesellschaft bilden: der Freiheit der Person (Bewegungsfreiheit, Schutz vor willkürlicher Festnahme), der Glaubens-, Religions- und Gewissensfreiheit, der Meinungs-, Rede- und Pressefreiheit, der Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit, der Freiheit der politischen Betätigung und, mit gewissen Einschränkungen, der wirtschaftlichen Freiheit als Eigentums- und Vertragsfreiheit.

Karl Acham lehrt Philosophie und Soziologie an der Universität Graz. Er hat im Vorjahr eine sieben Bände umfassende Edition zum Thema Zeitdiagnosen, heuer eine achtbändige Geschichte der österreichischen Humanwissenschaften abgeschlossen (beide erschienen im Passagen Verlag, Wien).

Karl Acham lehrt Philosophie und Soziologie an der Universität Graz. Er hat im Vorjahr eine sieben Bände umfassende Edition zum Thema Zeitdiagnosen, heuer eine achtbändige Geschichte der österreichischen Humanwissenschaften abgeschlossen (beide erschienen im Passagen Verlag, Wien). Karl Acham lehrt Philosophie und Soziologie an der Universität Graz. Er hat im Vorjahr eine sieben Bände umfassende Edition zum Thema Zeitdiagnosen, heuer eine achtbändige Geschichte der österreichischen Humanwissenschaften abgeschlossen (beide erschienen im Passagen Verlag, Wien).

Die Freiheit der Wissenschaft, die aus den Auseinandersetzungen mit politischen und religiösen Kräften der Vergangenheit hervorgegangen ist, bedarf im Hinblick auf diese Grundfreiheiten der besonderen Berücksichtigung. Denn nicht alle gesellschaftlich-politischen Verhältnisse sind der Wissenschaft und ihrem auf die Kriterien der logischen und empirischen Überprüfung gegründeten, innovatorischen wie kritischen Potential förderlich.

Auch einzelne Wissenschafter sind dies in der Vergangenheit nicht gewesen, insofern sie sich als Agenten von Herrschaftsordnungen betätigten, die nicht nur moralisch verwerflich, sondern häufig auch wissenschaftsfeindlich waren: Philipp Lenard hat als deutscher Nobelpreisträger gegen die "jüdische Physik" angekämpft wie Trofim Lysenko in der Sowjetunion gegen die als "bürgerlich" apostrophierte darwinistische Biologie; Carl Schmitt hat die Röhm-Morde auf ähnliche Weise gerechtfertigt wie Ernst Bloch die stalinistischen Massaker in den 1930er Jahren, und noch Jean Paul Sartre ließ den Zeugnissen von Gulag-Opfern Verachtung angedeihen; für Noam Chomsky, den US-amerikanischen Linguisten, handelte es sich bei den Berichten von den Massakern Pol Pots nur um "Gräuelmärchen" der kapitalistischen Mächte.

Der Philosoph Ernst Bloch hielt jedes Denken für parteilich und kritisierte die "sogenannte Unparteilichkeit" des "Objektivismus". Foto: dpa

Der Philosoph Ernst Bloch hielt jedes Denken für parteilich und kritisierte die "sogenannte Unparteilichkeit" des "Objektivismus". Foto: dpa Der Philosoph Ernst Bloch hielt jedes Denken für parteilich und kritisierte die "sogenannte Unparteilichkeit" des "Objektivismus". Foto: dpa

Derartiges ist charakteristisch für Ideologien in ihrer negativen Bedeutung: nämlich der Umstand, dass ideologisches Denken hinter der bereits möglich gewordenen Einsicht zurückbleibt, also einen denkgeschichtlichen Regress darstellt. Ideologien sind unzutreffende Meinungen und Aussagen, an deren Entstehung, Verbreitung und Aufrechterhaltung sich gesellschaftliche Interessen knüpfen. Wesentlich bei solchen Aussagen ist nicht zuletzt das Ungesagte, Verschwiegene; daher ist es in der Praxis der Ideologiekritik oft wichtiger, darauf zu achten, was jemand angesichts einer bestimmten Fragestellung nicht sagt, als darauf, was er sagt.

Die Fehlerhaftigkeit ideologischen Denkens wird zumeist von der Verschiebung der Diskursebene bestimmt - von der Wissenschaft hin zu Politik, Religion oder Moral. Dieser Verschiebung entspricht es, zunächst einmal die Trennung von "Theorie" und "Praxis", "Wissenschaft" und "Leben" für obsolet zu halten, dann aber die wissenschaftsrelevante Kategorisierung "wahr - falsch" etwa mit der andersartigen "politisch korrekt - politisch inkorrekt" zu konfundieren. Das Prinzip des Theorienpluralismus, wie es bei der Deutung und Interpretation sowie bei der Erklärung und Vorhersage in den Wissenschaften zur Anwendung kommt, wird dabei häufig dem monistischen Prinzip der einen Wahrheit und der politischen Rechtgläubigkeit untergeordnet. Lenin nannte es das Prinzip der "Parteilichkeit".

Anwälte einer solchen Rechtgläubigkeit finden sich in ganz verschiedenen Lagern. So verkündete etwa Ernst Bloch, der später einer der idolisierten Mentoren der deutschen Studentenbewegung werden sollte, 1951 in einem in der Ostberliner Zeitschrift "Aufbau" erschienenen Aufsatz, dass jegliches Denken immer parteilich gewesen sei und auch sein müsse; es komme nur darauf an zu wissen, welche Parteilichkeit die richtige sei. Von solchen Voraussetzungen aus kritisierte er die "sogenannte Unparteilichkeit" des "Objektivismus" . Dieser, so stellte er fest, "ist mit der sogenannten Wahrheit um ihrer selbst willen, wie sie im Westen strapaziert wird, nicht ohne ideologischen Zusammenhang. Ausgehend von einer Schein-Objektivität, die als Schein schon lange durchschaubar geworden ist, macht sich der Objektivismus lau, abwägend, penetrant neutral" .



Denunziation des Objektivitätsstrebens
Objektive Wissenschaft erschien andererseits auch Carl Schmitt, dem später von den NS-Organen politisch kaltgestellten Oberhaupt der deutschen Staatsrechtstheoretiker in der ersten Hälfte der 1930er Jahre, als der illusorische Standpunkt zwischen den Positionen des "Arteigenen" und des "Artfremden". So behauptet er in der 1933 erschienenen Schrift "Staat, Bewegung, Volk", es sei "eine erkenntnistheoretische Wahrheit, dass nur derjenige imstande ist, Tatsachen richtig zu sehen, Aussagen richtig zu hören, Worte richtig zu verstehen und Eindrücke von Menschen richtig zu bewerten, der in einer seinsmäßigen, artbestimmten Weise an der rechtschöpfenden Gemeinschaft teil hat und existentiell ihr zugehört" .

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Schlagwörter

Wissenschaft, Philosophie

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Dokument erstellt am 2006-07-22 00:00:01
Letzte Änderung am 2006-07-21 17:46:00

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