• vom 03.11.2000, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 15:03 Uhr

Friedhof

U-Bahn ohne Wiederkehr




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Von Brigitte Reisinger

  • Der weite Weg zum Zentralfriedhof: Ein Wiener Verkehrsproblem

Kerzenlicht, Blumen, Musik, eine Trauerfeier neigt sich dem Ende zu. Der Augenblick des Abschieds naht. Langsam, kaum merklich beginnt der Sarg - wie von Zauberhand berührt - in die Tiefe zu sinken, bis er vollends verschwindet. Das leise Weinen der Trauernden, untermalt vom "Raunzen" der Lift-Mechanik begleitet den lieben Verblichenen akustisch in die "Unterwelt".


Während die Trauergemeinde beim Leichenschmaus vereint gleichsam kulinarisch den Weg ins Leben zurück sucht, harrt der Tote in den Kellerräumen der Begräbnishalle seines letzten Abenteuers, seiner letzten Reise. Geschäftiges Treiben weicht hier der andachtsvollen Stimmung. Der Sarg wird auf einen Transportwagen gehievt, dieser wiederum auf Flachschienen in Startposition gebracht. Eine 150-PS-Hochdruck-Dampfmaschine presst die überdimensionale Rohrpost-Kapsel mit dem makabren Inhalt durch einen unterirdischen Tunnel ohne Wiederkehr - Endstation: Zentralfriedhof.

Ein urbanes, futuristisches Planspiel? In der Tat! Die pneumatische Leichenbeförderung war im Jahre 1874 die utopische Antwort auf eine zukunftsweisende Städteplanung: Die fünf "communalen" Wiener Friedhöfe "vor den Linien" - dem Gürtel - mussten einem riesigen Friedhof weit außerhalb Wiens im Vorort Simmering weichen.

Zentral lag der so genannte Zentralfriedhof tatsächlich nicht: Eine Stunde benötigte man mit der Pferdekutsche von der Josefstadt in die neue Nekropole. Die heutige Simmeringer Hauptstraße wurde zur Begräbnisstraße schlechthin, ihre Anrainer zu unfreiwilligen Experten in Sachen "Schöne Leich'". Mit zunehmender Depression sollen die geplagten Simmeringer die letzten Reisen ihrer Mitbürger verfolgt haben, das Trauerspiel als Massenphänomen verlor seinen "Unterhaltungswert", es wurde unangenehm, besonders unangenehm im Winter, bei reichlichem Schneefall, wenn die Trauerkondukte auf der Simmeringer Heide steckenblieben, die Särge in Wirtshäusern zwischengelagert werden mussten, unerträglich, wenn Menschen - Kindersärge unter dem Arm - bei eisigem Schneetreiben dem Wind zu trotzen suchten.

Drastisch schildert das "Illustrierte Wiener Extrablatt" vom 30. Dezember 1884 die Situation entlang der Simmeringer Hauptstraße: "Die leidige Angelegenheit des Zentralfriedhofes ist um eine Kalamität reicher geworden, an die früher Niemand gedacht hat. Es ist eine nicht anzuzweifelnde Nothwendigkeit, daß auch an schneeigen Tagen die vielen Leute, die in Wien sterben, begraben werden. Wie aber soll dies geschehen, wenn der weite Weg, der noch dazu über die unwirthbare Simmeringer Haide führt, nicht gehörig im Stand gehalten wird, damit Leichenkondukte und Leidtragende denselben passiren können?

So geschah es, daß am 23. d. M., an welchem Tage der Schneesturm am ärgsten wüthete, viele Kondukte außerhalb Simmering bereits im Schnee stecken blieben, andere gar ihren Weg zurück machen mußten.

Ein Komfortabelkutscher, der eine Kindesleiche auf den Zentralfriedhof überführte, blieb im Schnee stecken, kehrte selbstspännig nach Simmering zurück und trug den Sarg unter dem Arme über die Felder an Ort und Stelle. Ein Greißler half sich auf dieselbe Weise, indem er sein verstorbenes Töchterchen über die Schneebarrikaden hinübertrug. Sein Knabe watschelte ihm mit dem Kreuze nach. Ein trauriges und mühseliges Leichenbegängnis das!"

Kurioserweise genossen die Simmeringer nun im Übermaß, was per Dekret - aus sanitären und städteplanerischen Überlegungen - aus der "Wienerstadt" verbannt wurde: 50 bis 100 Leichenzüge pro Tag als Zeugnis der Sterblichkeit des Menschen. Nach dem Motto "Aus den Augen, aus dem Sinn!" wurden die Toten etappenweise aus dem Siedlungsbereich, dem unmittelbaren Alltagsleben der Wiener deportiert: Unter Kaiser Joseph II. verschwanden die Kirchenfriedhöfe "innerhalb der Linien", zirka 100 Jahre später auch die "communalen" Ersatzfriedhöfe außerhalb des Gürtels, der Zentralfriedhof wurde zur ultimativen Totenstadt.

Die "Pilgerfahrten" der Friedhofsbesucher an Totengedenktagen wurden zu Massenbewegungen, die fehlende Infrastruktur zur Entsorgung der sterblichen Überreste der Wiener zum lästigen Problem der Großstadt. Originelle, mitunter abenteuerliche Lösungsmodelle der Transportfrage gab es zur Genüge: Eine eigene Eisenbahnlinie für Leichentransporte mit einer Großmarkthalle als Leichen-Sammelstelle für ganz Wien, eine "Dampf-Tramway" am Donaukanal entlang oder eine U-Bahn zum Zentralfriedhof.

Ein bis zwei Stunden pro Tag für den Transport sämtlicher Leichen Wiens in einem zirka 4,5 km langen unterirdischen Tunnel, schnell, unsichtbar, hygienisch - das bezweckten der Architekt Josef Hudetz und der Ingenieur Franz R. v. Felbinger mit ihrem außerordentlich modern anmutenden Lösungsmodell für die Leichenbeförderung zum Zentralfriedhof.

Pneumatisch, mittels Luftdrucks, sollten die aerodynamisch konstruierten Leichenwagen die Toten zu ihrer letzten Heimstatt befördern. Presste man die vollen Wagen - laut Planung - in den Tunnel, so saugte man die leeren wiederum aus dem Tunnel. Zehn Minuten sollte der Transport von drei bis vier mit vier Särgen vollbeladenen Wagen dauern. Die Morgenstunden wurden als "Hauptreisezeit" anberaumt: Pietätlose Maschinengeräusche sollten Verabschiedungen in der dreigeteilten - katholischen, protestantischen, jüdischen - Begräbnishalle, zwischen der St. Marxer- und der Belvedere-Linie situiert, nicht stören. Ästhetisch, steril, völlig losgelöst vom unappetitlichen Modergeruch des Vergänglichen sollte die Zeremonie des Abschiednehmens begangen werden: Warum unsere Vergänglichkeit in so grausamen Bildern betrachten?

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Schlagwörter

Friedhof, Verkehr

Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2000-11-03 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 15:03:00

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