• vom 25.08.2000, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 15:18 Uhr

Philosophie

Mensch in einer gottleeren Welt




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Von Evelyn Finger

  • Die Nietzsche-Gesellschaft in Halle versucht, das Bild des Philosophen aus DDR-Tagen zu korrigieren

Für einige Zeithistoriker dürfte Rüdiger Ziemann eine herbe Enttäuschung sein. Denn der Germanist entzieht sich den gängigen Sozialismusbilanzen - die jeglichen Nonkonformismus unweigerlich zum Umsturzversuch verklären -,


indem er die eigene nonkonforme Handlungsweise keinesfalls als Sakrileg verstanden wissen will. Der Literaturwissenschaftler, der Mitte der 80er Jahre an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Seminare über Friedrich Nietzsche hielt, erklärt heute auf Fragen nach seinen damaligen Beweggründen mit nachdrücklicher Gelassenheit: "Ich wollte niemanden provozieren." Die Auseinandersetzung sei ganz einfach von der Sache gefordert gewesen.

Zwar gehörten die Seminare nicht zum obligatorischen germanistischen Ausbildungskanon und fanden spätabends statt, jedoch keineswegs heimlich. Auch das muss jeden enttäuschen, der die Nietzsche-Rezeption in der DDR ausschließlich als ideologisch dekretierten Kampf gegen einen Staatsfeind sieht und jede Zuwiderhandlung als Akt des Widerstands. Zugegebenermaßen besitzt derlei Interpretation den Vorteil, Vergangenheit auf ein dichotomes Muster zu reduzieren, das nur die Positionen Opportunismus und Dissidenz kennt. So erhält man eine heile Welt der Diktatur, wo alles Handeln moralisch einwandfrei kategorisierbar bleibt, und wo Wissenschaft, anders als in der Demokratie, noch eine Bastion der Zivilcourage sein kann. Oder eben ein Hort der intellektuellen Unterwerfung.

Tatsächlich galt Nietzsche den einstigen SED-Oberen als Persona non grata, spätestens seit der marxistische Theoretiker Georg Lukács ihn 1955 mit dem Band "Die Zerstörung der Vernunft" zum Vorreiter der NS-Ideologie abqualifiziert hatte. Allerdings war die Aversion gegen Nietzsche keine antifaschistische Animosität, sondern ging als ideologische Erbkrankheit bereits auf Kontroversen innerhalb der KPdSU der 20er Jahre zurück.

Doch blieb die Gleichsetzung Nazi/ Nietzsche keineswegs auf die DDR beschränkt. Der Grund hierfür liegt bekanntermaßen nicht nur in der propagandistischen Beschlagnahme Nietzsches durch das Dritte Reich, sondern vor allem darin, so formuliert Ziemann, "dass er manche seiner Denkergebnisse in einer Form darbot, die auf legitimationssüchtige kriminelle Aktivität anziehend wirken musste". Auch deshalb mag es in der Bundesrepublik nie ein größeres Nietzsche-Gremium gegeben haben.

Als am 15. November 1990 in Halle, also auf dem Gebiet der neuen Bundesländer, die Nietzsche-Gesellschaft gegründet wurde, da befürchteten nach Auskunft ihres bis heute amtierenden Sekretärs Ralf Eichberg etliche beteiligte Wissenschaftler aus dem Westen, man werde sie für deutsch-national halten. Deshalb präsentierte die Vereinigung sich bis vor zwei Jahren vorsichtshalber als Wortungetüm: "Förder- und Forschungsgemeinschaft Friedrich Nietzsche e. V.".

Immerhin sagte der sperrige Name einiges über den dahinter stehenden Anspruch. Man wollte ein Diskussionsforum zur kritischen Würdigung des umstrittenen Philosophen schaffen, wollte der Sachkenntnis Wege bereiten und "das Bild des Denkers von Verzeichnungen der DDR-Philosophie befreien". Außerdem sollten Museumskonzeptionen erarbeitet und die regionalen Wirkungsstätten erhalten bzw. restauriert werden: Röcken, Schulpforta, Naumburg, Jena sind einige der wichtigsten Stationen von Nietzsches Biografie.

Heute existieren beim Röckener Pfarrhaus und im Haus der Mutter in Naumburg zwei sorgfältig konzeptionierte Museen. Nichtsdestotrotz krankt die Gesellschaft an Geldmangel, da sie zwar von der öffentlichen Hand unterstützt wird, jedoch nicht eine einzige Stelle für die Organisation ihrer vielfältigen Aktivitäten bezahlt bekommt. Sekretär Ralf Eichberg managt ehrenamtlich sämtliche Kontakte und Zusammenkünfte, hat Internet-Seiten erstellt und in der Anfangszeit sogar Publikationen selbst gesetzt.

Trotz ihres geringen Budgets hat die Gesellschaft mittlerweile eine fortwährende akademische Kontroverse in Gang gesetzt. Beim "Philosophischen Abendgespräch" in Halle referierten bisher so renommierte Forscher wie Jörg Salaquarda, Reinhart Maurer oder Annemarie Pieper. Demnächst erscheint der 7. Band des "Jahrbuches Nietz-scheforschung", die fünfte Nummer der Zeitung "Netzwerk Nietzsche" ist in Vorbereitung, und im September beginnt die neunte der seit 1992 jährlich stattfindenden Nietzsche-Werkstätten-Schulpforta. Themen waren bisher u. a. "Nietzsche und Wagner", "Nietzsches Politik", "Nietzsche als Dichter". Dieser Tage veranstaltet die Gesellschaft in Naumburg unter dem Titel "Zeitenwende - Wertewende" einen internationalen Kongress mit über 100 Referenten aus 16 Ländern. Im Rahmenprogramm wird unter anderem der Friedrich-Nietzsche-Literaturpreis des Landes Sachsen-Anhalt verliehen.

250 Mitglieder aus aller Welt

"Wir wollten keinesfalls einen Heilsverband schaffen, der irgendeiner Deutungsweise die dazugehörige Lobby verschafft", erklärt der Dortmunder Philosoph Hermann Josef Schmidt. Er gehörte ebenso zu den Begründern der mittlerweile 250 Mitglieder in aller Welt zählenden Gesellschaft wie Ziemann, Eichberg und unter anderem der Röckener Pfarrer Hans-Jürgen Kant, Lothar Ehrlich von der Stiftung Weimarer Klassik, sowie der einst in Halle und heute in Mainz Philosophiegeschichte lehrende Hans-Martin Gerlach und Renate Reschke, die die zu DDR-Zeiten einzige, von den politisch Verantwortlichen angefeindete Habilitation über Nietzsches Ästhetik verfasst hatte.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2000-08-25 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 15:18:00

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