• vom 04.08.2000, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 15:55 Uhr

Wien

"Vor 50 Männern entbunden"




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Von Karl Pufler

  • Das harte Leben der "Ziegelböhm" in den Favoritner Werken

Wien ohne Tschechen wäre undenkbar. Dies zeigt sich nicht nur im Wienerischen, wo der Revach, der Womacka oder das beschwichtigende Pomale eindeutig tschechische Wörter sind. Auch auf der Speisekarte, im Telefonbuch, in der Kultur und vielen anderen Bereichen hinterließen die Tschechen ihre Spuren in Wien - und hinterlassen sie heute noch. Wenn man allerdings an die Tschechen in Wien denkt, kommen den meisten Menschen heute hauptsächlich die Tischler, Dienstmädchen und womöglich noch die Handwerksburchen auf der Walz in den Sinn, die sich in Wien niedergelassen haben. Die "Ziegelböhm" hingegen, die bei den Wienerberger Werken am Laaer Berg und am Wienerberg ein schweres Los hatten, gerieten mit der Zeit beinahe in Vergessenheit. Dabei erinnert viel mehr an sie als nur der Böhmische Prater in Favoriten.

Die "Ziegelböhm" lebten bei den großen Wienerberger Ziegelwerken. Hans Pintarich, in vierter Generation Wirt im Böhmischen Prater, weiß heute noch zu erzählen, was er von seinen Eltern und Großeltern gehört hat: "Der Name Böhmischer Prater kommt von den Böhm, den Ziegelböhm. Zu jeder Sandgrube und jedem Ziegelwerk gab es ein Wohnhaus für die Arbeiter. Natürlich: Wo Leute sind, hat sich sofort jemand etabliert mit einer Ausschank, mit einem Wirtshaus. Damals gab es am ganzen Laaer Berg verteilt 25 solche Wirtshäuser. Viele davon haben zugesperrt, als die Sandgruben und Ziegelwerke aufgelassen worden sind. Die wenigen, die übrig blieben, waren alle an dieser Straße angesiedelt, die zu einem Zentrum wurde. Einzelne Schausteller haben dann gesehen, dass hier viele Leute sind, und so haben sich dann einer nach dem anderen angesiedelt. Erst haben die Wirten mit einer kleinen Schaukel und so angefangen. Als sie gesehen haben, wie das frequentiert wird, haben sie dann immer größere Attraktionen gemacht."


Gigantischer Bauboom

Aber wie lebten die Ziegelböhm wirklich? Gegen Ende des 19. Jahrhunderts herrschte in Wien ein bis zu diesem Zeitpunkt noch nie da gewesener Bauboom. Für die neuen Bauten waren Unmengen von Ziegeln nötig, die zum größten Teil aus den Wienerberger Fabriken am Wienerberg und am Laaer Berg stammten. Allein für die Errichtung des Arsenals etwa benötigte man über eine Million Ziegel. Die Arbeiter stammten zum Großteil aus Böhmen und Mähren - die Ziegelböhm, wie sie bald genannt wurden. Der erste Besitzer der Wienerberger Ziegelfabriken, Alois Miesbach, führte sein Unternehmen noch als Patriarch alten Stils. Er fühlte sich für seine Arbeiter verantwortlich und spendete einen Teil seiner Einnahmen für soziale Einrichtungen und Stiftungen. Doch 1869 wurde der Betrieb in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, ein Bankenkonsortium hatte nun das Sagen, und in der Folge ging es den Ziegelböhm immer schlechter.

So wurde schon früh das gesetzlich verbotene Trucksystem ("truck" bedeutet Tausch, Tauschhandel) oder auch Blechsystem eingeführt. Das hieß, die Arbeiter wurden nicht mit Geld entlohnt, sondern sie erhielten Blechmarken, die sie nur bei einem bestimmten Kantinenwirt einlösen konnten. Dieser besaß dadurch eine Monopolstellung, die er auch weidlich ausnutzte. So kostete zu dieser Zeit in Inzersdorf ein Laib Brot vier Kronen, während die Wienerberger Kantinen Blech im Wert von fünf Kronen nahmen. Auch die Qualität des Essens ließ zu wünschen übrig. Betteln konnten die Arbeiter zwar, um zu Geld zu kommen, aber dieses auszugeben war nicht nur schwer, denn die Arbeitszeit betrug siebenmal wöchentlich etwa 15 Stunden, sondern auch strengstens verboten: Wer auswärts einkaufte, wurde sofort entlassen. So blieb vielen Ziegelböhm nichts anderes übrig, als bei Inzersdorfer um Suppe zu betteln.

Zehn Familien in einem Raum

Unter dem Titel "Die Lage der Ziegelarbeiter" veröffentlichte Victor Adler am 1. Dezember 1888 einen Artikel, in dem er diese Missstände anprangerte: "Für die Ziegelschläger gibt es elende ,Arbeitshäuser´. In jedem einzelnen Raum, sogenanntem ,Zimmer´ dieser Hütten, schlafen je drei, vier bis zehn Familien, Männer, Weiber, Kinder, alle durcheinander, untereinander, übereinander. Für diese Schlafhöhlen scheint die Gesellschaft sich noch ,Wohnungsmiete´ zahlen zu lassen, denn der Bericht des Gewerbeinspektors meldet 1884 von einem Mietzins von 56 bis 96 fl. (Gulden), der auf dem Wienerberg vorkommt. Seit einiger Zeit ,wohnen´ die Ledigen in eigenen Schlafräumen. Ein nicht mehr benützter Ringofen, eine alte Baracke, wird dazu benützt. Da liegen denn in einem einzigen Raum 40, 50 bis 70 Personen. Holzpritschen, elendes altes Stroh, darauf liegen sie Körper an Körper hingeschlichtet. In einem solchen Raum, der etwa 10 m lang, 8 m breit und höchstens 2,2 m hoch ist, liegen über 40 Personen, für deren jede also kaum 43 Kubikmeter Luft bleiben. Da liegen sie denn, diese armen Menschen, ohne Betttuch, ohne Decke. Alte Fetzen bilden die Unterlage, ihre schmutzigen Kleider dienen zum Zudecken. Manche ziehen ihr einziges Hemd aus, um es zu schonen und liegen nackt da. Dass Wanzen und Läuse die steten Bettbegleiter sind, ist natürlich. Von Waschen, von Reinigen der Kleider kann ja keine Rede sein. Aber noch mehr. In einem dieser Schlafsäle, wo 50 Menschen schlafen, liegt in einer Ecke ein Ehepaar. Die Frau hat vor zwei Wochen in demselben Raum, in Gegenwart der 50 halbnackten, schmutzigen Männer, in diesem stinkenden Dunst entbunden."

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Schlagwörter

Wien, Soziologie

Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2000-08-04 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 15:55:00

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