• vom 07.07.2000, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 15:56 Uhr

Menschen

Zerberus mit Charisma




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Von Karl Weidinger

  • Constantin de Beauclair, der legendäre Türsteher des "U4"

Zerberus ist in der griechischen Mythologie ein dreiköpfiger, drachenschwänziger Hund, der den Eingang zum Hades, der Unterwelt, bewachte.

Begibt man sich auf die Spuren von "Wiens besten Mann an der Tür" (Ro Raftl, "Kurier"), drängen sich allerhand Vergleiche auf. Eine Welt von Metaphern und Allegorien, in deren Orkus man gerät, wenn man sich der eigentlichen Person hinter der Türsteher-Legende nähert. Seit beinahe zwei Dezennien hat die Wirkungsstätte von Constantin de Beauclair zumindest den selben Anfangsbuchstaben wie die Unterwelt: U wie die "U4"-Diskothek, benannt nach dem Kellergeschoss, neben der damals neu eröffneten U-Bahn-Station "Meidlinger Hauptstraße" gelegen. Weil das Areal als U4-Parkshop bekannt war, taufte man das neue Lokal nach Münchener Vorbild mit einer "naheliegenden" Buchstaben- und Zahlen-Kombination.


Der Hüter des Eingangs zur Meidlinger Unterwelt hat ebenfalls Münchener Wurzeln. Constantin Marquis de Rouxville dictet de Beauclair (wie er mit vollem Namen und in Deutschland erlaubtem Adelstitel heißt), vulgo Conny (wie er in Österreich von der vereinnahmenden Szene liebevoll geheißen wird), wurde am 23. Februar 1952 im Münchener Ortsteil Tivoli geboren. Der von versprengten französischen Calvinisten des 17. Jahrhunderts abstammende Spross besuchte Ende der 60er-, anfangs der 70er-Jahre die HTL für Maschinenbau. Er ließ sich die Haare wachsen und rebellierte nächtens gegen sein "aristo-hugenottisches" Elternhaus, wie er es selbst bezeichnet.

Als nachhaltigstes Erlebnis seines Rebellentums wurde der Internatszögling wegen einer "Mädchengeschichte" von der Schule verwiesen. Da Conny in Bayern nicht gerade als Frühaufsteher bekannt war, schwärmte er arbeitsmäßig fürs Nachtleben. Das konvenierte nicht unbedingt mit jenem Betätigungsfeld, das sein Elternhaus als adäquate Berufswahl vorgesehen hatte. Außerdem hing nach dem unfreiwilligen Schulabgang der Haussegen schief, weswegen ein Ortswechsel angebracht schien. "Als Halbstarker wollte ich dem Establishment entkommen und versuchte zu flüchten, aber in Wahrheit passierte alles nur der Liebe wegen!"

Durch Amors Schwingen beflügelt, reiste er mit dem ersten Auto, einem Volkswagen Käfer, Baujahr 58, dereinst seiner Liebe hinterher nach Wien. Und er blieb gleich vor Ort. Also musste ein Job her - nicht zu früh am Morgen! Er bewarb sich bei den Casinos Austria für einen Croupier, die ja bekanntermaßen nicht mit dem ersten Hahnenschrei beginnen. Der fehlende österreichische und erteilte bundesdeutsche Musterungsbescheid vereitelten dieses Ansinnen. Außerdem war er ja noch ein deutscher Staatsbürger, die Casinos Austria ein österreichischer Monopolbetrieb und die EU-Niederlassungsfreiheit noch nicht einmal in Gedanken vorhanden. Also musste er sich jobmäßig als Chauffeur über Wasser halten, bis er nach seiner Heirat ordentlicher österreichischer Staatsbürger wurde.

Am 8. Mai 1980 sperrte das "U4" auf. Der Eintritt hieß Musikschutz und betrug unvorstellbare 8 Schilling, die Monatsmiete beachtliche 120 Tausender und somit das Fünfzehntausendfache, das mit der wöchentlichen Öffnungszeit von 48 Stunden erst einmal hereingebracht werden musste.

Der Disco-Betrieb blühte, die Kalkulation ging auf. Wegen des immensen Ansturms konnte man am umsatzträchtigsten Wochentag, den Samstag, nicht einmal ans Aufsperren denken. Der frisch engagierte "Doorman" bewährte sich und leistete durch die sensitive Gästeauswahl seinen Beitrag zum Prosperieren des Geschäfts. Seither waltet Conny de Beauclair seines Amtes vor dem Tor zum Meidlinger Hades. Somit gehört er zum Inventar wie der Mythos zur griechischen Unterwelt.

Aber zurück zur Legende: Zerberus erlaubte allen Schatten, den Hades zu betreten. Er ließ jedoch nicht zu, dass jemand entkam. Nur wenige Helden entgingen seiner Wachsamkeit. Der Dichter und Musiker Orpheus verzauberte Zerberus mit seinem Leierspiel . . .

Lange Zeit war in der Subkultur von Wien-Meidling "Gruftie-Time" angesagt. Blass geschminkte Traumtänzerwesen, wie aus einer anderen Welt, suchten den Eingang zum Underground-Tanztempel auf. Wenn man das als Freizeitvergnügen apostrophierte nächtliche Treiben beobachtete, konnte man glauben, dass es den Schattenwesen auch gar nicht möglich gewesen wäre zu entkommen. Niemand - so schien es - konnte sich dem Bann des gesellschaftlichen Aufenthaltes in der kultigen Unterwelt entziehen. Und niemand dieser lichtscheuen Gestalten - so schien es - dachte überhaupt daran, wieder das unterirdische Reich zu verlassen.

Ein gewisser Hölzel

Zerberus ließ jedoch nicht zu, dass jemand entkam. Wäre da nicht ein Dichter und Musiker gewesen: Als schöner - aber allzu begieriger "Orpheus" - der wie keiner unter den Sterblichen zu musizieren vermochte, könnte ein gewisser Hansi Hölzel durchgehen. Sein Leben/Wirken/Sterben zog Menschen beinahe ebenso in Bann wie die mythische Gestalt des Orpheus. Hansi Hölzel trat noch mit "Spinning Wheel", seiner ersten, schwer dem Kommerz verpflichteten, Tanzcombo auf.

Erst später kamen Gastspiele mit "Drahdiwaberl", "Halluzination Company" und als "Falco" dazu. Am beeindruckendsten an seiner Türsteher-Karriere empfindet Conny jenen Tag im Jahre 1982, als Falco seine gerade erst frisch aufgenommenen Songs vorspielte und ihn nach der "ehrlichen" Meinung befragte. Falco hätte sich das Adjektiv sparen können, denn Conny sagte charmant - aber ehrlich wie immer -, dass beide Songs großes Hitpotential hätten, aber der erste würde wahrscheinlich eher in der Hitparade landen. "Falco war z'erst ang'fressen, weil der eine" (,Der Kommissar´, Anm.) "nicht von ihm, sondern vom Robert Ponger geschrieben worden war. Der andere (,Helden von heut´) stammte aus Falcos Feder und brauchte etwas länger um die Leute zu erreichen."

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Dokument erstellt am 2000-07-07 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 15:56:00

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