• vom 26.05.2000, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 15:57 Uhr

Menschen

Ein schöpferischer Kopf




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Von Oliver Bentz

  • Eine Erinnerung an den Publizisten Stefan Großmann

Dieser freche Jude gehört nicht etwa vor einen Richter gezogen und zur Geldstrafe verdonnert, sondern wegen Förderung französischer Interessen und Verhöhnung des um sein Dasein ringenden deutschen Volkes zum Tode durch den Strang verurteilt. Auch dann sogar, wenn man sich sagen muss, dass selbst ein Strick noch zu schade für ihn ist", brüllten im April 1923 hasserfüllt unter der Überschrift "Die jüdische Kanaille" die Lettern des "Völkischen Beobachters".


Es handelte sich dabei um einen der zorngeifernden Ausbrüche des Chefredakteurs des "Kampfblattes der nationalsozialistischen Bewegung Großdeutschlands" (so der Untertitel der Zeitung), Alfred Rosenberg, der hier einen der mutigsten und anerkanntesten Journalisten der Weimarer Republik angriff: Den vor 125 Jahren in Wien geborenen Stefan Großmann, der in einem Artikel in seiner Zeitschrift "Das Tage-Buch" die Unterstützung der Hitler-Partei durch die Industrie gebrandmarkt hatte. Aus Rosenbergs Diktion lässt sich schon herauslesen, was zehn Jahre später, nach der nationalsozialistischen Machtübernahme, mit kritischen Intellektuellen geschehen sollte; auch Großmann sollte es am eigenen Leib erfahren.

Stefan Großmann, den Alfred Polgar als einen "der Wenigen, die mutig die Feder rühren", bezeichnete, gehörte zu den bekanntesten Publizisten der Zwischenkriegszeit - heute ist er weitgehend vergessen. Kaum ein Literaturlexikon nennt noch seinen Namen; er taucht höchstens noch ab und an als Freund Polgars, Jünger Peter Altenbergs und als einer der "Lieblingsfeinde" von Karl Kraus in Memoirenbüchern oder als Randfigur in literaturwissenschaftlichen Arbeiten auf.

Am 18. Mai 1875 in Wien als Sohn verarmter jüdischer Eltern geboren, lernte Stefan Großmann schon früh die Schattenseiten des Lebens kennen. Er musste als Kind im elterlichen Branntweinladen unweit vom Prater Schnaps an Kutscher und Huren verkaufen, um zum Unterhalt der Familie beizutragen. Begeistert von Theater und Literatur im Wien des "Fin de Siècle" hielt er die Schule für einen Ort der Zeitverschwendung und brannte folgerichtig ein halbes Jahr vor der Matura nach Paris durch, wo er sich mit Übersetzungen und dem Handel mit antiquarischen Büchern, die er bei den Bouquinisten an der

Seine aufstöberte und mit kleinem Gewinn nach Wien verkaufte, mehr schlecht als recht über Wasser hielt.

Der Tod seines Vaters ließ ihn nach Wien zurückkehren, eine große Liebe zog ihn aber bald nach Berlin. Er zählte zum Freundeskreis des Anarchisten Gustav Landauer, schrieb Beiträge für die Zeitschrift der "Berliner Unabhängigen", "Der Sozialist", und für Maximilian Hardens "Zukunft". Wegen angeblicher anarchistischer Umtriebe aus Deutschland ausgewiesen, kehrte er nach Wien zurück. "Ich bin das Kind Wiener Eltern", schrieb er einmal über die Stadt, die immer wieder sein Ankerpunkt werden sollte, "und das bedeutet ein Schicksal. Ist man Wiener, so hört man nie ganz auf es zu sein." Er schloss sich der sozialistischen Arbeiterbewegung an und wurde von Viktor Adler in die Redaktion der "Arbeiter-Zeitung" geholt. Im "Café Griensteidl" sesshaft, verkehrte er am Tisch von Peter Altenberg, geriet aus bis heute ungeklärtem Grund im Jahr 1900 in Streit mit Karl Kraus, der lebenslang anhielt.

Großes Aufsehen erregte Großmann mit seinen kritischen Sozialreportagen, so etwa mit den Beiträgen der 1905 unter dem Titel

"Österreichische Strafanstalten" auch in einem Buch gesammelten Reihe von anklagenden Berichten, in denen er die katastrophalen Zustände in den Gefängnissen der Monarchie anprangerte, oder auch mit dem ein Jahr später unter dem Titel "Der Vogel im Käfig" erschienenen Theaterstück über den Strafvollzug.

1906 gründete er mit Unterstützung der Sozialistischen Partei - nach dem 1890 ins Leben gerufenen Berliner Vorbild - die Wiener "Freie Volksbühne", deren Ziel es war, auch für die Arbeiterschaft anspruchsvolles und bezahlbares Theater zu ermöglichen. Unter seiner Leitung genoss die Bühne bald großes Ansehen. Hausdramaturg war Berthold Viertel; Alfred Kubin entwarf Bühnenbilder; später berühmte Schauspieler wie Raoul Aslan, Ernst Deutsch und Max Pallenberg traten hier in jungen Jahren auf.

1910 zählte die Volksbühne über 30.000 Abonnenten. Drei Jahre später, nach Jahren erfolgreicher Arbeit, legte Großmann nach längeren Querelen mit der Partei - er eignete sich nicht zum braven Parteisoldaten und stellte in seinem Haus künstlerische Aspekte über die parteipolitische Indoktrination des Publikums - die Theaterleitung nieder, verließ die Partei und ging wieder nach Berlin. Seine Erfahrungen mit der Wiener Sozialdemokratie um Viktor Adler verarbeitete er in dem 1919 erschienenen Schlüsselroman "Die Partei".

In Berlin wurde er zuerst Mitarbeiter und dann Feuilletonleiter der angesehenen "Vossischen Zeitung" aus dem Hause Ullstein. Während des Ersten Weltkrieges schaffte es Großmann, der sich als einer der wenigen Publizisten bei Kriegsbeginn nicht von der allgemeinen Begeisterung anstecken ließ, Kriegshetze und Kriegshymnen aus seinem Ressort herauszuhalten.

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Dokument erstellt am 2000-05-26 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 15:57:00

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