• vom 28.04.2000, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 15:58 Uhr

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Morton, Frederic: Mit der Kraft des Steins




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Von Helga Häupl-Seitz

  • Frederic Morton, ein Amerikaner mit Wiener Herkunft

Sein Geburtsdatum merkt man ihm ebenso wenig an wie den sprichwörtlich hektischen New Yorker Alltag, den er nun seit fast 60 Jahren erlebt. Und doch: In dieser weitläufigen Stadt gelang es ihm, dem Emigranten wider Willen, nicht nur eine neue Heimat zu finden, sondern auch in einer für ihn zunächst fremden Sprache literarischen Weltruhm zu erlangen. Sein Generalthema: Österreichs Geschichte an entscheidenden Wendepunkten.


Nicht zufällig gehen die dabei gewählten Daten mit Autobiographischem einher: An jenem Tag im Jahr 1938, "als in Österreich die Hakenkreuze aufblühten wie die Gänseblümchen", endete etwa auch für die Familie Spiegelglas der Traum von einer neuen Heimat: Am "Türkenplatzl" hatte die heranwachsende Familie und ihre Mitarbeiter im expandierenden Metallbetrieb Arbeit und Wohnung gefunden und durch kommunale Einrichtungen und eine Betstube auch etwas von dem erhalten, was ihnen einst das Shtetl im slowakischen Varugny bedeutete: Heimat.

Mittelpunkt ist der ehemalige Dorfschmied Berek Spiegelglas, der, zwar völlig mittellos, dennoch ein unerschütterliches Vertrauen in sein Glück und seinen Stein hegt, der angeblich aus der Klagemauer in Jerusalem stammt und als Symbol für ewig geltende Werte dient. Wie eine Figur aus alten Legenden bezieht er aus diesem Stein jene Kraft und Energie, die er für den Aufbau seiner bescheidenen Existenz und das Wohlergehen der kleinen Gasse benötigt, die er als seine neue Heimat erkoren hat. Sie wird 65 Jahre lang Zeugin einer lebendigen Familiengeschichte, bevor Enkel Leon mit dem sagenumwobenen Stein aus Wien fliehen muss.

Die Thelemanngasse

als Zentrum

Der wohl berührendste Roman Frederic Mortons "Ewigkeitsgasse" hat tatsächlich seine Wurzeln in Wien. Doch nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, rund um den Türkenschanzpark, sondern in Hernals nahe dem Yppenmarkt: Die kleine Gasse ist die Thelemanngasse, in der Frederic Morton als Fritz Mandelbaum am 5. Oktober 1924 zur Welt kommt: "Sie war das Lebenswerk meines Großvaters, das sich auch auf meinen Vater verpflanzt hat", sieht er rückblickend. Auf Nummer 8 hatte 1888 sein Großvater die Fabrik "Bernhard Mandelbaum und Söhne" gegründet. Sie erzeugte neben Bijouteriewaren, Schuh- und Gürtelschnallen auch Orden und Auszeichnungen für die Monarchie. Als die Fabrik expandieren musste, erwarb der Großvater zusätzlich das Haus Nr. 4. Die alten Räumlichkeiten der Werkstätte ließ er als Betraum einrichten. "Er war ein äußerst sozial denkender Mensch. Er hat sein verdientes Geld immer wieder in seine Gasse und für alle investiert."

Wie der Großvater verstand sich auch der Vater vor allem als Handwerker: "Wir haben nie viel ausgegeben. Unsere Familie besaß kein Auto, ja nicht einmal Wasser und WC in der Wohnung. Mein Vater hat es sich nie nehmen lassen, täglich selbst hinter seinen Maschinen zu stehen und zu stanzen - so sehr hat er das Handwerk geliebt."

1936 kam der Großvater bei einem Betriebsunfall ums Leben; der Vater übernahm die Fabrik und kümmerte sich um die Familie - bis zur Reichskristallnacht, in der Frederic Mortons unbeschwerte Kindheit jäh beendet wurde.

In dieser Nacht wurde sein Vater festgenommen und ins Konzentrationslager Dachau deportiert. Nach vier Monaten gelang es ihm zu entkommen, unter der Bedingung "das deutsche Reich zu verlassen". Im Juli 1939 reiste er mit seinem Sohn Fritz nach London. Die Mutter und sein kleiner Bruder blieben noch bis zum Jahresende in Wien. - "um zu versuchen, wenigstens noch die neuen Möbel, auf die sie 20 Jahre warten musste, zu retten", versteht der Sohn noch heute ihr Zögern. Doch auch sie musste alles zurücklassen: Die Möbel, die neue, größere Wohnung, die Fabrik - und die geliebte Thelemanngasse. Mit einem amerikanischen Visum gelang ihr und dem kleinen Bruder mit einem der letzten Flugzeuge die Flucht nach Großbritannien.

Aber London war nur eine Zwischenstation. 1940 ging es mit dem Dampfer über den großen Teich: New York war der neue Wohnsitz der Familie Mandelbaum. "Dass mein Vater unbedingt nach New York wollte und beispielsweise nicht nach Schweden, wo er ebenfalls ein kleines Büro hatte, hängt sicher mit dem Schock des Konzentrationslagers zusammen. Nur weit weg genug wollte er sein."

Die neue Heimat bot Frieden und Sicherheit. Der Preis dafür war der Verlust des letzten Eigenen, das die Familie mitgebracht hatte - des Namens: "Als gelernter Schnittenstanzenmacher hätte mein Vater auch gleich einen Job bekommen. Doch dazu musste man bei der Gewerkschaft sein, die damals ganz offiziell antisemitisch war. Es wurde ihm beschieden, dass er für das Union Central Committee in Washington, obwohl sie ihn nie persönlich kennen lernen würden, seinen Namen gesetzlich ändern sollte." So wurden aus Franz und Rosa Mandelbaum Frank und Rose Morton, aus Fritz und seinem Bruder Hans Fred und John Morton. (Seinen Vornamen Frederic legte er sich nach dem Erscheinen seines ersten Buches auf Anraten seines Verlegers zu.)

Die nahegelegte Entscheidung "war für uns alle ein Schock. Für meinen Vater kam er erst später, weil für ihn am Anfang nur wichtig war, dass er seine Familie erhalten kann. Mein Vater - er ist vor zwei Jahren im Alter 100 Jahren gestorben, meine Mutter im Vorjahr mit 96, war immer ein glühender Wiener."

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Dokument erstellt am 2000-04-28 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 15:58:00

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