• vom 03.03.2000, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 16:00 Uhr

Österreich

1920-1934: Karl Seitz als Wiener Bürgermeister




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Von Martin Luksan

  • Im Vertrauen auf höhere Spielregeln - Haltung und Fehleinschätzungen

Im Unterschied zu Berlin, Budapest und München blieb Wien 1918 eine Räteregierung erspart, obwohI die Kommunisten (und die Wiener Polizei) für revolutionsartige

Szenen durchaus sorgten. Die entscheidenden Vorbehalte gegenüber dem Rätesystem sind der österreichischen Sozialdemokratie zu danken, die sich niemals an der "Freiheit" berauschte, sondern immer an


der Aufrechterhaltung der Staatsfunktionen und der Wiederherstellung des Wirtschaftslebens interessiert war. Dieser zögernde Griff nach der Macht ist durch eine sentimentale Bindung an das Haus

Habsburg erklärt worden. In der Tat wollten (und konnten) sich österreichische Sozialdemokraten keine "Republik" vorstellen, solange der alte Kaiser lebte.

Doch dann war er tot und die provisorische Verfassung vom Oktober 1918 präsentierte Österreich als einen Bestandteil Deutschlands. Nur die Siegermächte verhinderten damals den Anschluss an die

Deutsche Republik. An dieser provisorischen Verfassung hatte Karl Renner den größten Anteil.

Eine andere Erklärung für den gebremsten "Klassenkampf" der Sozialdemokraten ist ihre ursprüngliche Verbindung mit dem deutsch-nationalen Lager Altösterreichs. Dieses war ein interessantes,

großbürgerlich-liberales, d. h. in der Bevölkerung kaum verankertes Milieu, das ab 1916, wie die Geschichte der "Österreichischen Politischen Gesellschaft" zeigt, über die verschiedenen

"Kriegsausgänge" und die Erhaltung der bisherigen Wirtschaftsform nachdachte und in dem die wichtigsten, österreichischen Sozialdemokraten ein- und ausgingen.

Auch Karl Seitz, obwohl aus einer verarmten Familie stammend, bewegte sich in diesem Milieu, nicht zuletzt durch Victor Adler. Der Volksschullehrer Seitz war von Anfang an nicht nur mit

Widerstandsgeist, sondern auch mit dem beruhigenden Gefühl für höhere Spielregeln ausgestattet. Er hatte nicht nur an das Ideal der sozialen Gerechtigkeit geglaubt, als er um 1900 für das liberale

Volksschulgesetz gekämpft hatte, sondern auch den (sozialistischen) Zug der Zeit zutreffend eingeschätzt.

Diese richtige Einschätzung des politischen Trends scheint ihm am Höhepunkt seines Wirkens nicht mehr möglich gewesen zu sein. Das klingt paradox, ist aber doch verständlich: Der Vormarsch der

sozialistischen Ideale wurde in der Zwischenkriegszeit gestoppt. Ungeachtet der Durchsetzung von Sozialismus im Kommunalen Wien waren die treibenden Kräfte der Zeit eben nicht Sozialismus und

Demokratie, sondern Faschismus und Nationalsozialismus. Als Seitz 1920 wieder den Vorsitz der österreichischen SP innehatte (bis 1934) und schließlich ab 1923 Bürgermeister war (ebenfalls bis 1934),

schätzte nicht nur er, sondern auch mancher andere ausgezeichnete Kopf der Linken den Zug der Zeit falsch ein.

1918 war nicht erkennbar, dass man die Werte der Sozialdemokratie im schockartig geschrumpften Österreich generell nicht würde durchsetzen können. Aber schon um 1925 war ersichtlich, dass die

Erfolgsmethoden des "Roten Wien" für den größten Teil des Bundesgebietes unanwendbar waren. Die Stadt Wien, nunmehr mit einer Landeshoheit ausgestattet, war keine "Avantgarde" des Sozialismus in

Österreich, sondern ein "Staat im Staate", wie Wolfgang Maderthaner es genannt hat. Der "Rathaussozialismus" hatte ein System geschaffen: die Welt der Gemeindebauten vor 1934 · ein Netzwerk von

politischen und kulturellen Organisationen, in das der einzelne eingewoben war.

In diesem, für die damalige Zeit erstaunlichen Wohlfahrtssystem, war es nicht üblich, Kompetenzen nach unten abzugeben, sondern das Gegenteil geschah: Stadträte wurden zu "Rathausherren" von großer

Professionalität. Karl Seitz hat diesen Stil des sachlichen Bürokraten geprägt durch seine gesetzestreue und staatsmännisch distanzierte Art.

Die christlich-soziale Bundesregierung sah die Erfolge des "Roten Wien" mit scheelen Augen (wobei sie selber den allgemeinen Wirtschaftsaufschwung für eine Modernisierung Österreichs nicht nutzte).

So erklärt sich jene Rede von Ignaz Seipel am 12. März 1924, die auch die Hetze gegen den Schriftsteller Hugo Bettauer "salonfähig" machte, als ein Versuch, die Wiener Kommunalverwaltung mit Hilfe

kleinster Angriffspunkte zu skandalisieren. Ein Verbot der Bettauer-Zeitschrift "Er und sie" war von Karl Seitz (nach Beratung mit Otto Glöckel) aufgehoben worden und der Polizeipräsident

Schober hatte sich an Seipel gewandt. Dieser schlachtete die Sache sofort aus: "der Polizei wurde in den Arm gefallen, angeblich über Gutachten, die aus dem Stadtschulrat kamen . . . Wenn er

(Seitz) diesem Treiben nicht Einhalt tun will, möge er sich offen zum Prinzip der Entsittlichung und Verseuchung des Volkes bekennen . . . Eine Partei im Rathaus, die etwas Derartiges schützt

und unterstützt, die hat auf dem Wiener Boden nichts zu suchen".

Auf diese maßlosen und empörenden Worte antwortete Seitz wie ein Aristokrat: "Wenn auch der Bürgermeister einer Weltstadt in Fragen der Literatur und Presse andere Auffassungen haben muss als

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Schlagwörter

Österreich, Wien, Geschichte, Stadt

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Dokument erstellt am 2000-03-03 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 16:00:00

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