• vom 15.10.2010, 15:45 Uhr

Kompendium

Update: 15.10.2010, 15:47 Uhr

Science Fiction

Der Vater der Weltraumstation




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Von Franz Rottensteiner

  • Vor hundert Jahren starb der Naturwissenschafter, Philosoph und Dichter Kurd Laßwitz, der als Erfinder der deutschen Science Fiction gilt.

Kurd Laßwitz, aufgenommen im Jahr 1908. Foto: Sammlung Rottensteiner

Kurd Laßwitz, aufgenommen im Jahr 1908. Foto: Sammlung Rottensteiner Kurd Laßwitz, aufgenommen im Jahr 1908. Foto: Sammlung Rottensteiner

Am 17. Oktober jährt sich zum hundertsten Mal der Todestag von Kurd Laßwitz, der als Begründer jener Literatur in Deutschland gilt, die heute als Science Fiction bekannt ist. Sein Hauptwerk, der umfangreiche Roman "Auf zwei Planeten" (1897), wurde seinerzeit ins Dänische, Norwegische, Holländische, Schwedische, Spanische, Tschechische, Italienische, Polnische, und gleich zweimal ins Ungarische übersetzt (aber nicht ins Englische und Französische). Der Roman wurde bis in die Gegenwart, mit Ausnahme des Interludiums des Dritten Reiches, immer wieder aufgelegt.

"Auf zwei Planeten" ist unzweifelhaft der bedeutendste deutsche Raumfahrtroman, und ein Werk, das - abgesehen davon, dass es Leser inspiriert hat, sich der Wissenschaft zuzuwenden - die reale Entwicklung der Raumfahrt vielleicht stärker beeinflusst hat als jedes andere Werk der Literatur. Im Vorwort zur Ausgabe von 1969 rühmt Wernher von Braun das Visionäre dieses Romans und erklärt, dass er nie vergessen werde, mit welcher Neugierde und Spannung er in seiner Jugend das Buch verschlang.


Der "Weltraumbahnhof"

Laßwitz war der Erste, der - vor Guido von Pirquet und Hermann Noordung (= Herman Potocnik) - eine Raumstation als Zwischenstation zu den Planeten, als "Weltraumbahnhof", beschrieben hat, ausgehend von der richtigen Idee, dass das schwierigste Problem der Weltraumfahrt die Überwindung der Erdanziehung ist. Laßwitz´ Raumstation hat bereits jene Form des Speichenrades, die später Wernher von Braun propagiert hat. Allerdings umkreist Laßwitz´ Raumstation nicht die Erde, sondern nimmt, gehalten von starken Elektromagneten, die ihre Kraft aus der Sonnenenergie beziehen, eine feste Position in 6356 km Höhe über dem Nordpol der Erde ein. Die irdische Schwerkraft wird in einem Feld von Schwerelosigkeit, einem "abarischen" Feld, überwunden, aber die Fortbewegung im Weltraum erfolgt durch "Repulsit" - mit Raketenkraft.

Die Raumstation ist allerdings keine irdische Konstruktion, sondern die einer überlegenen außerirdischen Zivilisation - denn die Marsianer, die "Nume" (d.h. Vernunftwesen), haben die Erde erreicht, und so ist der Roman nicht bloß technische Antizipation, sondern die Darstellung der Begegnung zweier Welten. Die Marsianer sind keine völlig fremden Wesen, sondern eine höhere Entwicklungsstufe des Menschen. Den ersten Kontakt stellen Ballonfahrer her, die bei einem Polflug, den sie in der Art des verunglückten Andree durchführen, in den Sog des abarischen Feldes geraten. Die Marsianer haben nicht nur eine technisch fortgeschrittene Zivilisation, u. a. mit rollenden Straßen, synthetischer Nahrungsmittelproduktion, hochentwickelter Photovoltaik, Pillen zur Überwindung von Erschöpfungszuständen und neuen Kunstformen wie einer "Fühlkunst"; bemerkenswerter noch sind ihre sittlichen Errungenschaften. Sie sind überzeugte Kantianer, die freie Selbstbestimmung der Persönlichkeit, die Verwirklichung des sittlichen Willens ist ihre oberste Richtschnur, die sozialen Kämpfe des Kohlezeitalters sind bei ihnen längst überwunden.

Laßwitz gründet seinen utopischen Entwurf nicht auf einer bestimmten Gesellschaftsform, die pluralistische Marszivilisation ist ein loser Staatenbund, dessen einzelne Glieder Monarchien und Republiken, Oligarchien, auch sozialistische und sogar kommunistische Gemeinwesen sind. Gesellschaftlicher Fortschritt ist für ihn keine Frage einer bestimmten Organisationsform, sondern der Perfektionierung des Individuums.

Allerdings werden die Marsianer durch den Kontakt mit der Erde korrumpiert, behandeln die Menschen als mindere Wesen, errichten auf der Erde ein Protektorat, und erst nach einem Aufstand kommt es zum Friedensschluss zwischen den Welten. Und auf persönlicher Ebene zu einer interplanetarischen, aber literarisch konventionellen Liebesgeschichte.

Ein bürgerliches Leben

Kurd Laßwitz wurde am 20. April 1848 in Breslau als Sohn eines Eisenhändlers geboren, verbrachte seine Kindheit und Jugend in Breslau und studierte von 1866 bis 1874 in Breslau, Berlin und wieder Berlin Mathematik und Physik. 1873 zum Dr. phil. promoviert, legte er 1874 das Staatsexamen für das höhere Lehramt in Mathematik, Physik, Geographie und Philosophie ab.

Zunächst unterrichtete Laßwitz in Breslau und Ratibor, von 1876 bis zu seiner Pensionierung 1907 am Gymnasium Ernestinum in Gotha. Daneben entwickelte er ab 1868 eine reiche schriftstellerische Tätigkeit: Romane, Kurzgeschichten, "moderne Märchen", Humoresken, Grotesken, Gedichte, zum Teil unter Pseudonym (L. Velatus und Jeremias Heiter), philosophische und populärwissenschaftliche Schriften. Besonders angetan hatten es ihm Kant (seine Schrift "Die Lehre Kants von der Idealität des Raumes und der Zeit" wurde 1883 mit einem Preis geehrt) und Gustav Theodor Fechner, dessen Biographie er 1896 veröffentlichte. Laßwitz zweibändige wissenschaftsgeschichtliche Abhandlung "Geschichte der Atomistik vom Mittelalter bis Newton" (1890) gilt als Standardwerk und wurde 1926, 1963 und noch 1980 von der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft neu aufgelegt. Die erhoffte Universitätslaufbahn blieb dem Autor allerdings versagt.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2010-10-15 15:45:50
Letzte Änderung am 2010-10-15 15:47:00


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