• vom 12.11.1999, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 16:46 Uhr

Österreich

Herzogtum Karantanien




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Von Georg Breuer

  • Kärnten war einst Zentrum eines großen slawischen Reichs

Jeder Österreicher hat in der Schule gelernt, dass vor 2.000 Jahren ein Großteil unseres Landes zum Römerreich gehört hat. Kaum jemand hat jedoch je etwas davon


gehört, dass vor etwa 1.000 Jahren, als die Herrschaft der Babenberger sich gerade erst auf einen kleinen Landstreifen an der Donau zwischen Enns und Tulln erstreckte, mehr als ein Drittel des

heutigen Österreich Teil eines großen slawischen Reiches war. Zu diesem Herzogtum Karantanien gehörten damals neben dem Kernland Kärnten die "Karantanische Mark", bestehend aus der späteren

Steiermark sowie Gebieten im südlichen Niederösterreich bis Wiener Neustadt und in Oberösterreich bis Steyr, ferner die Mark Krain, das Kernland des heutigen Slowenien, Istrien, Friaul und Teile von

Oberitalien bis zum Gardasee.

Auf den Landkarten der historischen Atlanten kann man ein so großes Reich nicht einfach wegretuschieren. Aber im Geschichtsunterricht wird es in der Regel überhaupt nicht oder nur ganz am Rande

erwähnt · so als ob es etwas Peinliches wäre, dass zu unseren Vorfahren, die einst in Österreich gelebt haben, nicht nur Kelten, Romanen und Germanen, sondern auch Slawen gehört haben.

Schon im 5. und 6. Jahrhundert haben Slawen den Süden und Osten Österreichs einschließlich des Raums von Wien besiedelt. Ortsnamen slawischen Ursprungs bezeugen das. So gibt es nicht nur in

Unterkärnten ein Feistritz, sondern auch eines im Wechselgebiet. Die Zugehörigkeit der slawischen Gebiete zu verschiedenen Reichen hat sich mehrmals verändert. Unter Karl dem Großen hat ganz

Österreich zum Frankenreich gehört, später wurde Karantanien wieder unabhängig.

Gegen Ende des 10. Jahrhunderts hatte das Karantanische Reich seine größte Ausdehnung. Um das Jahr 1000 machte sich dann die Mark unter dem deutschsprachigen Grafen von Steyr selbständig (daher der

Name Steiermark), später wurde sie ein eigenes Herzogtum und 1192 kam sie durch einen Erbvertrag in den Besitz der Babenberger. Die Krain und Kärnten wurden 1335 Teile des Habsburgerreichs.

Unter der Herrschaft der deutschsprachigen Fürsten wurden die von den Slawen bewohnten Gebiete nach und nach germanisiert. Was man heute als "ethnische Säuberungen" bezeichnet, also

Massenaustreibungen, haben dabei keine wesentliche Rolle gespielt. Im frühen Mittelalter hat es in den dünn besiedelten Alpenregionen eine Zuwanderung aus Bayern gegeben. Aber vor allem waren die

Slawen einem ständigen Druck zur Assimilation ausgesetzt, der bis heute anhält.

"Deutsch sprechen hierzulande die Herrinnen und Herren, die befehlen, Slowenisch die so von dem Dienerstande", schrieb der slowenische Dichter France Preseren (1800 bis 1849). Das bezieht sich

aber nicht auf das damals auch noch zweisprachige Klagenfurt, wo er mehrere Jahre gelebt hat. Auch in seiner Heimat in der Krain und ebenso auch in der Untersteiermark (Gebiet um Marburg) sprachen

damals die Oberschichten Deutsch.

Wer aus dem Dienerstand herauskommen und irgendeine Art von Karriere machen oder gar eine Hochschule besuchen wollte, musste vor allem einmal Deutsch lernen. Hochschulen mit slowenischer

Unterrichtssprache hat es im Habsburgerreich nicht gegeben. Über slowenischen Unterricht an Mittelschulen gab es heftige politische Auseinandersetzungen. Beim Militär wurde selbstverständlich nur

Deutsch gesprochen. Wer auf Ämtern oder bei Gericht nicht ordentlich Deutsch konnte, war jedenfalls im Nachteil.

Ein slowenisches Nationalbewusstsein hat sich erst spät entwickelt. Die englische Schriftsprache ist mit Geoffrey Chaucers "Canterbury-Tales" um 1400 entstanden, die deutsche mit Luthers

Bibelübersetzung im 16., die slowenische erst mit Preserens Dichtungen im 19. Jahrhundert. Und so manche Slowenen, die sich selbst assimiliert hatten, haben ein solches Nationalbewusstsein abgelehnt

und sind selbst zu eifrigen Einpeitschern der Germanisierung geworden.

Ortstafel-Streit

Der Druck auf die Slowenen hält in Österreich bis heute an. In der Steiermark heißt es, dass man Slowenen "nicht finden kann", um ihnen gegenüber im Staatsvertrag übernommene Verpflichtungen zu

erfüllen. In Kärnten hat man die Wahlkreise so eingeteilt, dass die Slowenen keine Chance auf eine Vertretung im Landtag haben. Die Vorgänge rund um die Aufstellung zweisprachiger Ortstafeln in den

siebziger Jahren sind allgemein bekannt.

Kleine Episoden aus dem Alltag sprechen vielleicht eine noch deutlichere Sprache. Bei einem Ausflug auf die Koschuta in den Karawanken haben meine Frau und ich einmal auf einer Schutzhütte

Mittagsrast gemacht. An einem Nebentisch saßen einige Slowenen, die mehrstimmig wunderschöne Volkslieder sangen. Für uns war es ein Vergnügen, da zuzuhören. Aber einige "echte Kärntner" und einige

deutsche Urlauber hatten offenbar andere Empfindungen. Sie setzten sich an einen anderen Tisch zusammen und stimmten · nicht sehr musikalisch, aber dafür mit umso größerer Lautstärke · das Lied vom

Westerwald an und andere, die sie einst in der Wehrmacht gesungen hatten.

Abwehrkämpfe da und dort

Von einem Vorfall in Eisenkappel, einem der wenigen heute noch zweisprachigen Gebiete, hat mir ein Freund erzählt. Zwei Sloweninnen saßen dort im Wartezimmer eines Arztes und sprachen miteinander.

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Dokument erstellt am 1999-11-12 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 16:46:00

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