• vom 11.06.1999, 10:57 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 16:49 Uhr

Wissenschaft

"Es genügt dem Mathematiker"




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Von Peter Markl

  • Der Zwist zwischen Galileo Galilei und der katholischen Kirche ist bis heute nicht restlos ausgeräumt

Als Papst Johannes Paul II. am 10. November 1979 zum Gedenken an den 100. Geburtstag Albert Einsteins eine festliche Sitzung der päpstlichen Akademie der


Wissenschaften eröffnete, sprach er, der damals erst ein Jahr in seinem Amt war, von der "tiefen Harmonie, die zwischen der Wahrheit der Wissenschaft und der Wahrheit des Glaubens existiert".

Dann aber ging er auf den Fall von Galilei ein, für viele ein Symbol für das gespannte Verhältnis zwischen Kirche und Naturwissenschaften, und räumte ein: "Wir können nicht leugnen, daß Galilei

von den Männern und der Organisation der Kirche viel Leid erfahren mußte."

Im Anschluß daran erinnerte der Papst an das 2. Vatikanische Konzil, in dem die kirchlichen Amtsträger erstmals Galilei darin zugestimmt hatten, daß die Wahrheit der Wissenschaft zur Wahrheit des

Glaubens nie in Widerspruch stehen könne. Und er gab seiner Hoffnung Ausdruck, daß Theologen, Gelehrte und Historiker, inspiriert von einem aufrichtigen Geist der Zusammenarbeit, den Fall Galilei

eingehender studieren würden und dabei dahin kämen, Unrecht anzuerkennen, wer auch immer es begangen haben mag, um dadurch das Mißtrauen weiter abzubauen, das in vielen Köpfen immer noch einer

fruchtbaren Übereinstimmung zwischen Wissenschaft und Glauben entgegenstünde.

Langwierige Kommission

Der Papst ließ es auch nicht bei dieser frommen Hoffnung bewenden: 1981 rief er dazu eine interdisziplinäre Studienkommission ins Leben, deren Arbeit sich über nicht weniger als 13 Jahre hinzog

und im November 1992 zu einer päpstlichen Erklärung führte, die von vielen geradezu enthusiastisch kommentiert wurde: sie sahen sich endlich von der unangenehmen Aufgabe befreit, die Kirche auch in

seit langem unhaltbaren Positionen verteidigen zu müssen. Anders Michael Segre, der an der Universität München Wissenschaftsgeschichte unterrichtet. Er findet in der päpstlichen Schlußerklärung

keinen Anlaß für Jubel. Was der Papst sagte, scheint ihm, gemessen an den Erwartungen, die er 1979 erweckt hatte, enttäuschend und ein schlechtes Omen für den vor kurzem angekündigten kirchlichen

Versuch, nun auch noch mit den anderen Taten der Heiligen Inquisition zu Rande zu kommen.

Über die Arbeit dieser Kommission ist nicht viel an die Öffentlichkeit gelangt, aber es scheint, als ob sie nicht weniger als zwei Jahre gebraucht hätte, um ihre Arbeit aufnehmen zu können. Schon der

Brief, den Kardinal Augostino Casaroli, der Staatssekretär des Vatikan, damals an ein prominentes Mitglied der Kommission, den jetzigen Kardinal Paul Poupard, schrieb, widerspricht einer heute weit

verbreiteten Legende: Der Papst hatte nie geplant, den Prozeß Galileis wieder aufzugreifen oder etwas so Absurdes wie eine "Rehabilitation" Galileis einzuleiten. Was ihm · laut Kardinal Casaroli ·

vorschwebte, war eine "distanzierte und objektiv begründete Reflexion im Kontext der heutigen historisch kulturellen Epoche".

Man weiß nicht viel darüber, wie die Kommission ans Werk ging · soviel aber wurde bekannt: man arbeitete in Untergruppen, deren jede von einem prominenten Kurienmitglied geleitet wurde. So leitete

etwa der Erzbischof von Mailand und heutige Kardinal Carlo Maria Martini, ein Jesuit, die Gruppe, die sich mit Fragen der Bibel-Exegese beschäftigte. Man weiß auch nichts darüber, wie aus der Arbeit

der einzelnen Arbeitsgruppen nach 13 Jahren, koordiniert von Kardinal Poupard, dann der gemeinsame Bericht an den Papst entstand, den Poupard am 31. Oktober 1992 in einer Plenarsitzung der

päpstlichen Akademie vortrug.

In diesem Bericht wird als entscheidender Zeuge einmal mehr Kardinal Roberto Bellarmin beschworen und das mit guten Gründen: Kardinal Bellarmin war nicht nur ein innerhalb der Kirche mächtiger Mann,

sondern auch ein ausgezeichneter Wissenschafter und eingelesen in die Problematik · er, der 1930 wegen seiner Haltung den Armen gegenüber heilig gesprochen wurde, war im Kreis derer, die Giordano

Bruno im Jahr 1600 auf den Scheiterhaufen geschickt hatten. Der Brief, den er am 12. April 1615 an den Karmeliter-Mönch Paolo Antonio Foscarini, einen Anhänger des Kopernikus, schrieb, gilt als die

offiziöse Linie der in diesen Tagen vom Protestantismus bedrohten Kirche. Bellarmin rät Foscarini (und Galilei), ihre Theorie über den Bau des Sonnensystems als rein mathematische Rechenhypothese zu

betrachten und nicht als eine wahre Beschreibung der Realität · so wie es, Bellarmins Ansicht nach, auch Kopernikus immer gehalten habe: ". . . denn wenn man sagt: unter der Voraussetzung, daß

sich die Erde bewege und die Sonne stillstehe, lassen sich alle Erscheinungen besser erklären als durch die Annahme der exzentrischen Kreise und Epizyklen, so ist das sehr gut gesagt und birgt keine

Gefahr und es genügt dem Mathematiker".

Daß eine realistische Deutung dieser Theorien riskant sei, begründet Bellarmin mit dem auf dem Konzil von Trient beschlossenen (und zweifellos auch stark politisch motivierten) Verbot, die Bibel

entgegen der allgemeinen Übereinstimmung der Väter auszulegen. Bellarmin war allerdings ein zu guter Wissenschafter und Kirchentaktiker, als daß er sich vormachte, daß die Kirche damit auf lange

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Schlagwörter

Wissenschaft, Inquisition

Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 1999-06-11 10:57:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 16:49:00

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