• vom 12.02.1999, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 16:51 Uhr

Sport

Spröde Diva der Berge




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Gabriele Müller-Klomfar

  • Eine Bildbiographie erinnert an die polnische Extrembergsteigerin Wanda Rutkiewicz

"Fünf Schatzkammern des Schnees" wird der Kangchenjunga von den Einheimischen genannt: Jeder einzelne seiner fünf monumentalen Gipfel wächst weit über 8.000 m


hoch in den nepalesischen Himmel. Seine Flanke wird von dichten Rhododendron- und Kiefernwäldern gesäumt. Heilige Wälder, wie eine alte Sage besagt: Wer hier stirbt, läßt seine Seele für immer in den

Bergen.

Wanda Rutkiewicz' letzte Spur verlor sich weiter oben: In der eisigen Todeszone in 8.300 m Höhe, wo die Luft für den Menschen zu dünn und sein Blut zu dick wird. Mit ihrem Verschwinden am 12. Mai

1992 endete das abenteuerliche Leben einer charismatischen Frau, die drei Jahrzehnte lang unbezahlbare Pionierarbeit in Sachen Frauenalpinismus geleistet hat. Die Wiener Bergsteigerin und

Journalistin Gertrude Reinisch hat dieses Leben nun nach penibler Recherche in Worte gefaßt und ihm mit ihrem neuesten Buch ein umfassendes Denkmal gesetzt: Von Wandas karger Kindheit im Nachkriegs-

Polen bis hin zur Kurzkarriere als Diplomingenieurin (Elektronik und Maschinenbau) am Wissenschaftlichen Institut in Warschau; von den ersten Klettertouren in heimischen Gebirgszügen bis hin zu ihren

abenteuerlichen Expeditionen auf das Dach der Welt.

Am Anfang stand die Angst

Wer mit Ziegenmilch großgezogen wurde, hat · so sagt man in Polen · die Sturheit im Blut und verfolgt unbeirrbar seine Ziele, selbst wenn sie das Leben kosten sollten. Auch die am 4. Februar 1943

geborene Wanda Blaskiewicz ist mit Ziegenmilch großgezogen worden: erst in Litauen, dann im polnischen Breslau. Schon in frühen Jahren wurde der Tod für sie zum grausamen Begleiter: Zu Ostern 1948

verlor Wanda durch einen Schicksalsschlag ihren älteren Bruder, als er gemeinsam mit Nachbarsbuben eine vergessene Mine aus Kriegstagen fand und zur Explosion brachte. Keines der Kinder überlebte:

"Ich bin nur am Leben, weil siebenjährige Buben nicht mit fünfjährigen Mädchen spielen!"

Jahre später, im Dezember 1972, fiel Wandas Vater einem Raubmord zum Opfer: Sie mußte den massakrierten Körper selbst identifizieren. Mag sein, daß die sie lebenslang quälenden, irrationalen Ängste

in diesen traumatisierenden Erlebnissen begründet lagen. Wanda selbst hat jedenfalls immer versucht, der Problematik auf rationalem Wege Herr bzw. Frau zu werden: "Ehrlich gesagt, bin ich schon

von Geburt an eine ängstliche Person. Ich habe zum Beispiel Angst, allein in den dunklen Keller zu gehen, allein in einer großen Wohnung zu bleiben, habe Angst vor Menschen. Diese Angst warnt mich

davor, daß mir etwas Schreckliches zustoßen könnte!"

Ein Leben lang war sie bemüht, auf ihre Ängste zuzulaufen, um sie zu besiegen. Der unglaubliche Mut, den sie dabei entwickelte, war das hart erkämpfte Ergebnis intensiver Arbeit an sich selbst und

wurde so zur kraftvollsten Triebfeder ihrer bergsteigerischen Laufbahn: Schon in den sechziger Jahren fuhr sie manchmal von Breslau allein mit der Bahn nach Trzcinsko oder Janowice, um nachts in den

Wald zu den Granitzacken zu wandern und dort in selbstgewählter Einsamkeit zu übernachten. Oft aber trieb sie die selbsttherapierenden Maßnahmen auch auf die Spitze und kletterte ohne Seilsicherung

auf den Felsen von Skalki, weil es faszinierend und hilfreich zugleich für sie war, zu begreifen, daß der Ausgang des Abenteuers einzig und allein in ihrer Hand lag und sie sich nur keinen Fehler

leisten durfte.

Mit blutjungen 18 Jahren schon hatte Wanda ihre unbändige Lust am Klettern entdeckt und dieses prägende Ereignis als "innerliche Explosion" erlebt. Ihr war vom ersten Moment an klar, daß es ihr

zukünftiges Leben nachhaltig beeinflussen würde. Bergsteigen galt damals · mehr noch als heute · als reiner Männersport, und ihre Kursleiter in der "Szkola Taternictwa", einer Bergsteigerschule in

der Hohen Tatra, hielten wenig davon, Frauen im Bergsteigen auszubilden. Doch selbst die drakonischsten Abschreckungsmanöver (unter anderem zeigte man ihr gerne mit Vorbedacht erschütternde Fotos von

Bergunfällen) fruchteten nichts, denn die Faszination der steinernen Riesen ließ Wanda nicht mehr los: "Bergsteigen ist meine Droge! Ich trage meine Emotionen in die Berge und kämpfe mit mir,

nicht mit dem Berg!"

Wandas unstillbare Sucht nach Grenzgängen in schwindelnden Höhen brachte sie zeitlebens immer wieder bedrohlich ans Limit ihrer physischen und psychischen Belastbarkeit und oft auch in tödliche

Gefahr. Endlich in lebbare Bahnen gelenkt, blieb die Angst dabei ihr verläßlichster Begleiter und wichtiger Ratgeber bei der Einschätzung ihres eigenen Könnens, denn ihr war völlig klar: "Berge

verzeihen Fehler selten!"

Erste Frauenseilschaften

Mit Zähigkeit und Ausdauer hat die gebürtige Polin mit dem österreichischen Paß über Jahrzehnte hinweg in der männlich dominierten Extrembergsteigerszene weibliche Akzente gesetzt: Unter ihrer

Führung bestiegen erstmals reine Frauenseilschaften unter anderem auch den Eiger-Nord-Pfeiler (1973), die Matterhorn-Nordwand (Winterbesteigung 1978), den Nanga Parbat (1985) und den Gasherbrum II

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Sport, Bergsteigen

Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 1999-02-12 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 16:51:00

Werbung




Werbung