• vom 11.12.1998, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 16:52 Uhr

Denkmäler

Heinrich Heine in der Bronx




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Von Wolfgang Schedelberger

  • Die lange Geschichte eines Denkmals, das Sisi ihrem Lieblingsdichter widmen wollte

Der Joyce-Kilmer-Park, hinter dem Yankee-Stadium in der South Bronx gelegen, steht üblicherweise auf keinem Sightseeing-Programm eines New-York-Besuchers. Und doch bietet der Park gerade für österreichische Besucher eine Überraschung der besonderen Art.


Dort steht ein Lorelei-Brunnen, der Heinrich Heine gewidmet ist. Geschaffen wurde dieser Brunnen aus Tiroler Marmor von Ernst Herter, jenem Bildhauer, der auch den Hermes vor der Wiener Hermes-Villa

gestaltet hat. Auftraggeberin war beide Male Kaiserin Elisabeth.

Sisi und Heine

Die Kaiserin Elisabeth hat viele Gesichter. Aus den zahlreichen Sissi-Filmen ist die Kaiserin vor allem als wunderschönes, etwas verschrecktes junges Mädel in Erinnerung, das am Wiener Hof unter

der dominanten Schwiegermutter Sophie zu leiden hatte. Auch als Anwältin der Interessen der Ungarn, als begeisterte Reiterin, und als rastlose Reisende blieb sie der Nachwelt ein Begriff. Sisi war

aber auch, wenn nicht eine begnadete, so zumindest eine besessene Dichterin. Nachdem sie Mitte der achtziger Jahre aus gesundheitlichen Gründen ihre Reitleidenschaft aufgeben mußte, wandte sie sich

ganz dem Reisen und Dichten zu.

Da der Kaiser wußte, wie unwohl sich Sisi in den offiziellen Refugien der Habsburger (in der Hofburg, in Schönbrunn, in Laxenburg und in Hetzendorf) fühlte, und wie sehr sie die Natur liebte, ließ er

ihr vom berühmten Ringstraßenarchitekten Karl von Hasenauer eine Jagdvilla in Lainz bauen. Im Mai 1887 übernachtete die kaiserliche Familie dann das erstemal in dieser Prunkvilla. Dieses Haus war

voll von Bezügen auf Sisis Vorlieben: Vor der Villa eine Statue des Götterboten Hermes, auf dem Balkon eine Büste Heinrich Heines, und im Stiegensaal eine Statue des sterbenden Achill, ihres

griechischen Lieblingshelden.

Bei der Auswahl dieser Denkmäler war Elisabeth persönlich involviert. Auf der Akademieausstellung 1881 hatte sie den damals noch unbekannten Berliner Bildhauer Ernst Herter (1846 · 1917)

kennengelernt, nachdem sie sich für sein Gipsmodell des sterbenden Achill begeistert hatte. Herter erhielt daraufhin von der Kaiserin den Auftrag, das Gipsmodell des sterbenden Achill für die Lainzer

Villa in Marmor auszuführen. Elisabeth war von Herters Arbeit so begeistert, daß sie ihn auch beauftragte, eine Kolossalstatue des Hermes zu schaffen, die vor der Lainzer Villa aufgestellt wurde und

ihren heutigen Namen "Hermesvilla" begründete.

Dennoch war Elisabeth, sehr zur Enttäuschung ihres Mannes, sehr selten in der Hermesvilla. Wie sie in ihren Gedichten zum Ausdruck brachte, fühlte sie sich wie eine Möwe, die ohne festes Zuhause

herumfliegen muß. Ihre Interessen beschränkten sich auf das Griechische, und ihre Dichtung, bei der sie sich von ihrem "Meister" Heine inspiriert fühlte. Immer wieder verwies sie darauf, daß sie ihre

Inspirationen direkt von seinem Geist bekäme; einmal sei ihr der "Meister" sogar höchstpersönlich erschienen.

Von Elisabeths Gedichten wußten nur wenige Vertraute. Ihre Verehrung Heinrich Heines war jedoch allgemein bekannt. Elisabeth kannte lange Passagen Heines auswendig und beschäftigte sich intensiv mit

dem Leben ihres "Meisters". Sie sammelte Heine-Manuskripte und Porträts. Sie besuchte Heines alte Schwester Charlotte von Embden in Hamburg und betete an Heines Grab in Paris.

In einer Zeit, in der vielen Geistesgrößen Denkmäler gesetzt wurden, reifte auch in Düsseldorf der Plan, einem ihrer berühmtesten Söhne, Heinrich Heine, ein Denkmal zu setzen. Anläßlich des

90. Geburtstags Heines wurde 1887 in Düsseldorf unter Führung des amtierenden Bürgermeisters Lindemann ein Kommitee gegründet, das in einigen Zeitungen Aufrufe zur Errichtung eines Heine-Denkmals

veröffentlichte. Ein Sturm des Für und Wider setzte ein, denn Heine war im wilhelminischen Deutschland ein umstrittener Dichter. Vor allem antisemitische und deutschnationale Gruppen agitierten mit

großem Einsatz gegen ihn.

Als das Düsseldorfer Heine-Komitee an Elisabeth mit der Bitte um Unterstützung herantrat, war sich Elisabeth der Heftigkeit der öffentlichen Auseinandersetzung nicht bewußt. Für Elisabeth war es nur

selbstverständlich, daß Düsseldorf seinem größten Sohn ein Denkmal setzen wollte, und sagte spontan zu. Sie engagierte sich sowohl finanziell (mit 12.950 Reichsmark) als auch persönlich für die

Errichtung eines Denkmals für ihren Meister in seiner Geburtsstadt.

Als ausführenden Künstler forcierte Elisabeth Ernst Herter, der für sie gerade an der Hermes-Statue für die Lainzer Villa arbeitete. Nachdem von öffentlicher Düsseldorfer Seite alles klar schien,

erarbeitete Herter zwei Entwürfe und legte sie Elisabeth zur Begutachtung vor. Der eine stellte den Dichter auf einem Postament sitzend dar, der andere war ein Brunnen mit Lorelei-Motiv. Elisabeth

entschied sich für den Postament-Entwurf. Von Herter ist Elisabeths Ausspruch überliefert, daß sie "den ganzen Heine wünsche", und sich "nicht mit einem Kompromiß abspeisen lassen wolle".

Düsseldorfer Kämpfe

Doch die Agitationen gegen das Heine-Denkmal hatten mittlerweile ein solches Ausmaß angenommen, daß sich der deutsche Kulturminister genötigt sah, dazu Stellung zu beziehen. Er sagte, daß er für

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Dokument erstellt am 1998-12-11 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 16:52:00

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