• vom 16.10.1998, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 16:53 Uhr

Europa

Pinselstriche für die Freiheit




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Von Günther Schefbeck

  • Gedanken zur Entstehung Europas anhand Oskar Kokoschkas Spätwerk "Die Thermopylen"

"Da war nun die Entstehung Europas geschildert, geschildert in dem Ereignis, das schon Aischylos als die Verteidigung der Freiheit deutete, in den Perser-Kriegen." So verstand der


Altphilologe Bruno Snell die Botschaft des monumentalen Triptychons, das Oskar Kokoschka 1954 für die Hamburger Universität geschaffen hatte. 1954 · das war das Jahr des Scheiterns der EVG und der

Gründung der WEU; eben erst war der "Gemeinsame Markt für Kohle und Stahl" eingerichtet worden, bald schon sollten jene Beratungen aufgenommen werden, die schließlich zur Gründung der EWG geführt

haben. Das Thema "Europa" wurde im politischen Diskurs intensiver oder zumindest bewußter behandelt als heute, da Europa politische Realität und "business as usual" geworden ist. 1954 · das war auch

das Jahr nach Stalins Tod, als erste Anzeichen einer "Entspannung" im kalten Krieg erkennbar wurden, deren Früchte Österreich mit dem Staatsvertrag einbringen sollte. Und dennoch bildete der "kalte

Krieg", also der Gegensatz zwischen den Machtblöcken, die sich als Ergebnis des Zweiten Weltkrieges herausgebildet hatten, weiterhin die Hintergrundfolie, vor der sich die europäische Integration

vollzog.

Oskar Kokoschka, dessen Spätwerk kürzlich in einer Sonderausstellung der Wiener Albertina zu sehen gewesen ist, hatte 1954 bereits seinen Alterssitz in Villeneuve am Genfer See bezogen. Er hatte

damit nach einem Wanderleben, das ihn quer durch Europa geführt hatte, seinen Platz im geographischen Herzen Europas gefunden, in einem Land, das zwar nicht am politischen Prozeß der europäischen

Integration teilnahm, aber in seiner historisch-politischen Identität, mit seiner demokratischen Tradition und seiner erfolgreich gelebten Mehrsprachigkeit, zu "Kerneuropa" gezählt werden muß.

Kokoschkas Spätwerk dokumentiert · deutlicher noch als frühere Perioden seines Schaffens · die europäische Dimension seiner Kunst, im geographischen wie im thematischen Sinn. Da sind die

Städtebilder, von London bis Berlin, die zum Großartigsten zählen, was Kokoschka geschaffen hat, da sind die Illustrationen zu den Meisterwerken der europäischen Literatur, von der "Odyssee" bis zum

"König Lear", da sind die Zeugnisse seiner Auseinandersetzung mit allen Epochen und Gattungen europäischer bildender Kunst, die in Kokoschkas Skizzenbüchern enthalten sind.

Während aller seiner Reisen, und Kokoschka reiste viel, zeichnete er, auf die wesentliche Aussage reduziert, Plastiken, Gebäude und Gemälde nach, manch ein Objekt, das ihn besonders beschäftigte,

über die Jahre hin auch mehrmals, während verschiedener Aufenthalte in derselben Stadt. Und gerade in den letzten Lebensjahrzehnten Oskar Kokoschkas finden sich in seinen Skizzenbüchern immer wieder

die Meisterwerke der griechischen Kunst, die er in Griechenland und Süditalien, aber auch in den großen Sammlungen wie jener des Britischen Museums studiert und gezeichnet hat.

Diese Auseinandersetzung mit der Antike ist charakteristisch für Kokoschkas Europa-Verständnis, wie es auch in dem Triptychon "Die Thermopylen" zum Ausdruck kommt. Kokoschkas Metapher für die

"Entstehung Europas", die er in den Kriegen zwischen Griechen und Persern fand, ist einerseits Zeitdokument für die politischen Randbedingungen der Anfänge der europäischen Integration, anderseits

Zeugnis des Kokoschka erfüllenden Bewußtseins von der Existenz einer "europäischen Geistesgemeinschaft", die seiner Überzeugung nach aus Wurzeln gewachsen war, welche bis auf das antike Griechentum

zurückreichten. Und dies führt zu jener Kernfrage, die heute, in einer Zeit, da "Europa" vielfach überwiegend mit bürokratisch-technokratisch geprägten Marktordnungsmechanismen identifiziert wird,

zuwenig gestellt zu werden scheint: Was ist eigentlich, seinem Wesen nach, Europa?

Liegt jener Vorstellung eines Europa, dessen Ausformung als politische Einheit nach dem Zweiten Weltkrieg begann, irgendeine Art kultureller oder geistiger Einheit zugrunde, die als politisches

Konstituens zu wirken vermag, oder lediglich ein Konzept geographischer Einheit? Auch damit wäre Europa zwar nicht einfach eine physische Gegebenheit, sondern ein Produkt des menschlichen Geistes,

eine solche geographische Kategorie vermag aber doch nur in sehr viel geringerem Maße gemeinschaftsstiftend zu wirken als andere kulturelle, wirtschaftliche oder politische Kategorien, die das

Bewußtsein der in einer geographischen Einheit zusammenlebenden Menschen prägen können, eine "Schicksalsgemeinschaft" zu bilden, was Otto Bauer als Wesenselement der "Nation" definiert hat.

Europa als "Einheit

für sich"?

Ist Europa also, um die Marxsche Klassenterminologie, die von Max Adler bereits auf die Nation angewandt worden ist, auf die größere, die "supranationale" Einheit zu übertragen, eine "Einheit an

sich", aus der durch Bildung eines "europäischen Bewußtseins" eine "Einheit für sich" zu entstehen vermag? Und wenn es eine "Einheit an sich" bildet, worin ist diese dann verankert? Ist es die

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Europa

Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 1998-10-16 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 16:53:00

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