• vom 16.10.1998, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 16:53 Uhr

Medizin

Die Kinder des Stilböstrols




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Friedrich Katscher

  • Scheidenkrebs und Genitalmißbildungen aufgrund eines künstlichen Hormons · Ein trauriges Kapitel Medizingeschichte

Stilböstrol (voller Name: Diäthylstilböstrol oder Diethylstilbestrol, abgekürzt DES), Dienöstrol (ausgesprochen: di-en . . . ) und Hexöstrol können als Anabolika die Eiweißsynthese anregen.


In der Tiermast als Wachstumsförderer angewendet · entweder ins Futter gemischt, als Depot in ein Ohr eingepflanzt, weil dieses nicht gegessen, sondern bei der Schlachtung weggeworfen wird, oder

illegal in die Muskulatur, also ins Fleisch, injiziert · können sie eine Steigerung der Gewichtszunahme um 10 bis 15 Prozent, also einen geringeren Futterbedarf pro Kilo Körpergewicht bewirken. Alle

drei Substanzen sind krebserregend.

In Österreich sind Hormone als Masthilfsmittel seit 1975 verboten. Ihre illegale Verwendung in der Viehzucht wurde bis 1980 von DES beherrscht. Nach der Einführung einer chemischen Nachweismethode

verschwand es jedoch schlagartig von der Bildfläche.

In der Medizin wird Stilböstrol in den USA und anderen Ländern zur Linderung bei inoperablem, fortgeschrittenem Brust-und Prostatakrebs angewendet. Es ist auch als "Morning-after Pill", als "Pille

danach" geeignet, muß jedoch innerhalb von 72 Stunden, am besten innerhalb von 24 Stunden, nach dem Geschlechtsverkehr genommen werden. Dienöstrol wird als Creme bei der Behandlung von durch

Rückbildung, Schwund und Schrumpfung der Schleimhäute (Kraurosis vulvae, Vulvadystrophie) hervorgerufenen Alterserscheinungen der weiblichen Scham · Scheidenentzündung (Vaginitis, Kolpitis),

Jucken, Brennen, Ausfluß, Beschwerden beim Urinieren oder beim Geschlechtsverkehr · eingesetzt. Beide Medikamente sind in Österreich jedoch nicht registriert.

Die Geschichte der weiblichen Geschlechts-, Sexual- oder Keimdrüsenhormone begann vor 100 Jahren in Wien: Auf Anregung seines Chefs, Hofrat Prof. Dr. Rudolf Chrobak, hatte Dr. Emil Knauer, Assistent

an der Frauenklinik (später Universitätsprofessor in Graz), vom 9. Juli 1895 bis 18. Jänner 1899 die beiden Ovarien (Eierstöcke) von zehn Häsinnen und zwei Hündinnen von ihrem normalen Platz an eine

andere Stelle im Geschlechtsapparat verpflanzt und festgestellt, daß die eingeheilten Eierstöcke jahrelang normal funktionieren und die Tiere voll fortpflanzungsfähig waren.

"Innere Secretion"

Aus der längeren Beobachtung ergab sich, daß die Ovarien einen sehr wichtigen Einfluß auf alle anderen Geschlechtsorgane, besonders aber auf die Gebärmutter und die Brustdrüse, ausüben, und daß

dies durch Stoffe geschehen müsse, die laut Knauer "auf dem Wege der Blut- oder Lymphbahn in den Kreislauf kommen und so ihre Wirkung entfalten, daß es sich mit anderen Worten um jenen noch immer

dunklen Vorgang der ,inneren Secretion` handelt, den wir auch der weiblichen Keimdrüse außer ihrer Hauptfunktion der Produktion der Keimzellen zuschreiben müssen".

Das heißt, die Beziehungen zwischen dem Eierstock und den anderen Geschlechtsorganen werden nicht, wie man vorher annahm, durch das Nervensystem, sondern durch Sekrete (Absonderungen) der

Geschlechtsdrüsen (Eierstöcke) ins Blut vermittelt. Der Ausdruck "Hormon" (von griechisch "horman", in Bewegung setzen, antreiben) für solche chemische Botenstoffe wurde 1905 in England

geprägt.

1923 wiesen zwei Amerikaner, der Anatom Edgar Allen und der Biochemiker Edward Adelbert Doisy (Medizinnobelpreis 1943), in einer bahnbrechenden Arbeit die Existenz des Eierstockhormons direkt nach

und schufen gleichzeitig einen Test ("Allen-Doisy-Test"), mit dem man sein Vorhandensein und seine Menge feststellen kann: Sie injizierten durch Ovariektomie (chirurgische Entfernung beider

Eierstöcke) kastrierten Mäusen und Ratten die von Eiweiß befreite Flüssigkeit der Follikel (der Bläschen im Eierstock, in denen die Eizellen heranreifen) von Schweinen · und 40 bis 48 Stunden später

waren die Nagetiere brünstig, also geschlechtlich erregt und paarungsbereit. Die geschlechtslos gemachten Weibchen warben um Männchen und ließen sich von ihnen begatten, was sonst nur während der

Brunstzeit möglich ist. Gleichzeitig zeigten Scheide und Gebärmutter typische Veränderungen und die Brustdrüsen vergrößerten sich. Die Scheidenwand verdickt sich und verhornt · und das läßt sich als

Nachweismethode (Test) für das Hormon verwenden.

Kein artspezifisches Hormon

Injektionen des aktiven Follikelextrakts in junge Tiere unmittelbar nach dem Abstillen vom Muttertier im Alter von drei bis vier Wochen führten innerhalb von zwei bis vier Tagen zur vollen

sexuellen Reife · mindestens 20 bis 40 Tage vor der normalen Zeit der Pubertät. Da die Wirkung bei Mäusen und Ratten durch die Eierstockextrakte von Schweinen und Rindern erzielt wurde, ist das

Ovarialhormon offensichtlich nicht "artspezifisch", sondern bei allen Tierarten von gleicher chemischer Zusammensetzung. Allen und Doisy schreiben: "Es wird wahrscheinlich in allen Eierstöcken

erzeugt, wenn die Eizellen heranreifen, und ist daher möglicherweise allen weiblichen Tieren gemeinsam."

Auch den Menschen: 1927 entdeckten die Berliner Gynäkologen Selmar Aschheim und Bernhard Zondek, daß sich das Ovarialhormon nicht nur im Blut, sondern auch im Harn von schwangeren Frauen, besonders

weiterlesen auf Seite 2 von 4




Schlagwörter

Medizin, Verhütung, Krebs

Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 1998-10-16 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 16:53:00

Werbung




Werbung