• vom 16.10.1998, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 16:53 Uhr

TV

Der gute Onkel geht




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Von Peter F. N. Hörz

  • Heute abend endet auch in Österreich Oberinspektor Derricks lange Fernsehlaufbahn

Wenn heute abend um 21.15 Uhr in ORF 2 die letzte Einstellung von "Das Abschiedsgeschenk" zum Standbild einfrieren und dazu die gewohnt melancholische Abspannmelodie erklingen wird, dann


wird in diesem Moment mehr zu Ende gehen, als ein beliebiger Krimiabend unter vielen: Es ist eine Ära, eine kulturelle und gesellschaftliche Epoche, die mit dem Abgang von Oberinspektor Stephan

Derrick ihr unwiderrufliches Ende finden wird.

Zweieinhalb Jahrzehnte lang war er ein Fixstern am Programmhimmel des deutschsprachigen Fernsehens. Ihn wegen elterlichen Fernsehverbots versäumen zu müssen, war für die TV-gierigen Sprößlinge der

späten Siebziger die schlimmste Tortur. Derrick war unverzichtbar. Er verströmte den Ernst der Erwachsenenwelt, konfrontierte seine Zuschauer mit dem kühlen Hauch des Bösen und ließ doch nie auch nur

den kleinsten Zweifel an der überlegenen Macht des Guten aufkommen. Auch wenn Jahre später schließlich Tatort-Schimanski mit seinem ungebremsten Hau-drauf-Charme die Gunst der Jugend erringen konnte,

so blieb dennoch Derrick ein stetiger Begleiter durch das Fernsehjahr.

Doch damit ist nun endgültig Schluß: Stephan Derrick gibt seine Dienstwaffe zurück und hinterläßt, wer immer auch seinen Sendeplatz einnehmen wird, eine Lücke im TV-Programm. Fast ein

Vierteljahrhundert flimmerte die zweifellos erfolgreichste Figur des noch immer schreibwütigen, 83jährigen Fernsehautors Herbert Reinecker über die Bildschirme. Wir, die Thirtysomethings, sind

mit ihm groß geworden, haben ihn zunächst bestaunt, später als langweilig verachtet, schließlich als Spießbürgers Idol belächelt und letztendlich doch zur Kultfigur erhoben.

Längst ist der Polizist mit der geölten Entenschwanzfrisur und den unverwechselbaren Fischaugen zu einer Ikone der Popkultur geworden. Er gehört zu den Produkten, welche die Enkulturation einer

ganzen Generation geprägt hat. Derrick überstand den Wechsel vom Käfer zum Golf, er überlebte die Ölkrise, die große Zeit der Afri Cola, deren Niedergang und Renaissance. Er ging

schon auf Mörderjagd, als man noch nächtelang über Demokratie und Sozialismus stritt und tat es noch immer, als Kir Royal und Hugo Boss, Ökosandalen und Jutetaschen modern wurden. Derrick kämpfte

schon gegen das Böse in den Einfamilienhäusern, als ABBA auf Plateauschuhen den Grand Prix gewannen und er tat es noch immer, als Rave und Techno zur führenden Jugendkultur aufstiegen. Und

erstaunlicherweise vereint Derrick stets die Protagonisten der unterschiedlichsten Hip-Kulturen vor der Flimmerkiste. Er ist · ernst genommen oder augenzwinkernd ironisiert · unser aller guter Onkel.

Deutscher Exportartikel

In nahezu 100 Staaten der Welt wurde und wird dem deutschen TV-Exportartikel ein Erfolg zuteil, der seinesgleichen sucht. In Demokratien und Diktaturen, im Sozialismus und Kapitalismus, wird

Derrick gleichermaßen goutiert und ganz offensichtlich ist die Botschaft der Kriminalepisoden so allgemein verständlich, daß sie in Irkutsk ebenso dechiffrierbar ist wie in Montevideo. Kein deutscher

Kulturträger stößt international auf größere Akzeptanz, als die im Auftrag des ZDF produzierte Krimireihe.

Ein kometenhafter Aufstieg, den niemand auch nur zu erträumen wagte, als am 20. Oktober 1974 die erste Sendung auf den Bildschirmen flimmerte. Die Kritiker lieferten fast unisono ätzende Kritiken.

Doch allem Spott über die Laxheit der Figuren, die Spannungslosigkeit der Stoffe und der immer wiederkehrenden sozialen Konstellationen zum Trotze, gelang Derrick die zunächst nationale, dann

internationale Karriere. Da mochte das kritische Feuilleton noch so wutentbrannt schnauben und heulen und die ewige Mittelprächtigkeit des Oberinspektors mit spitzer Feder anprangern, Derrick wurde

zum Missionar deutscher Alltagskultur und erreichte mit seiner Mission vermutlich mehr Adressaten als sämtliche Goethe-Institute der Welt je zu erreichen imstande wären.

Mehr als Hans-Dietrich Genscher oder Willy Brandt gelang es dem Kriminalbeamten das Bild eines "guten Deutschen" im Ausland zu vermitteln. Daran konnten auch die journalistischen Enthüllungen über

das literarische Vorleben des Derrick-Autors Reinecker nichts ändern. Dieser nämlich hatte bereits zu nationalsozialistischen Zeiten eine Reihe von Drehbüchern geliefert, welche ihm, als seine Figur

allmählich zum Markenprodukt des deutschen Fernsehens generierte, von der Presse wiederholt zum Vorwurf gemacht wurden. Doch mag der Vielschreiber in den späten Dreißigern und frühen Vierzigern auch

Filme wie "Jugend in Waffen" oder "Panzermänner an die Front" kreiert haben, so bleibt Derrick doch über jeden Kontinuitätsverdacht erhaben. Hier wird keine Zucht-und-Ordnungs-Philosphie

proklamiert und keine rassistische Schwarzweißmalerei betrieben. Vielmehr verkörpert Derrick all das, was die westdeutsche Nachkriegsrepublik auszeichnete: Restaurative Spießigkeit, die krampfhafte

Suche nach einer kleinbürgerlichen Mitte, der Glaube an den Rechtsstaat, ein bißchen konservative Kulturkritik und eine gehörige Portion Provinzialität.

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Dokument erstellt am 1998-10-16 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 16:53:00

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