• vom 28.08.1998, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 16:53 Uhr

Literatur

Literatur und Diktatur




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Von Michael Martens

  • Ein Gespräch mit dem ukrainischen Germanisten und Literaturkritiker Dmitri Satonski

"Wiener Zeitung": Herr Satonski, in Kiew gab es bis vor wenigen Jahren eine "Ulitza Satonskowo", benannt nach Ihrem Vater. Ich habe leider nicht herausfinden können, wer Ihr Vater war und was


ihm diese Ehre verschafft hat.

Satonski: Mein Vater war Politkommissar für die Streitkräfte der Ukraine und der Krim. Er wurde 1937 verhaftet und ein Jahr später erschossen.

"W. Z.": Ein typischer Lebenslauf für jene Zeit.

Satonski: Das stimmt. Vor seiner Ermordung war er in der Ukraine eine der größeren politischen Figuren gewesen. Für kurze Zeit, während des Bürgerkrieges, war er sogar so eine Art Präsident der

Ukraine, für die Sowjetmacht natürlich. Er hat die Fehlentwicklungen des Bolschewismus ziemlich früh erkannt, aber er konnte sich schon nicht mehr dagegen stemmen. Mit Stalin stand er schlecht, noch

aus den Zeiten des Bürgerkrieges, als beide Politkommissare bei der sogenannten "Ukrainischen Front" waren, also bei jenen Streitkräften, die aus Rußland kommend die Ukraine für den Bolschewismus

eroberten. Dabei lernten sich Stalin und mein Vater persönlich kennen · aber nicht schätzen. Mein Vater wollte die ukrainischen Besonderheiten · angefangen mit der Sprache · berücksichtigt wissen,

während Stalin in dieser Hinsicht bekanntlich vollkommen imperialistisch war.

"W. Z.": Wie war die Beziehung Ihres Vaters zu Lenin?

Satonski: Die beiden standen sehr gut miteinander. Mein Vater sollte von der ukrainischen Sowjetregierung nach Brest-Litowsk delegiert werden, um an den Friedensverhandlungen teilzunehmen. Als

Lenin erfuhr, daß mein Vater Professor für Physik war, ein Intellektueller also, sagte er: "Nein, ich lasse Sie nicht nach Brest fahren. Für Sie ist es zu gefährlich. Deutschland erkennt die

ukrainische Delegation nicht an, und Sie könnten dort verhaftet und erschossen werden." Er meinte weiter sinngemäß, sollen doch die Arbeiter und Bauern nach Brest fahren, wir Intellektuellen müssen

einander unterstützen. So blieb mein Vater in Moskau und wurde von Lenin zum Vertreter der Ukrainischen Regierung in der RSFSR (Russische Sowjetische Föderative Sozialistische Republik) ernannt. Nun

war die Ukraine damals fast gänzlich von deutschen Truppen besetzt, so daß mein Vater kaum etwas zu tun hatte. Er wurde schließlich so eine Art "Geheimsekretär" Lenins. Er saß hinter einem Schrank in

Lenins Arbeitszimmer und notierte dessen Gespräche mit einfachen Leuten, die ihn wirklich besuchten, das war nicht nur eine Propagandaerfindung.

In historischen Werken wird er meistens in einem anderen Zusammenhang erwähnt. Auf dem Parteitag der KPdSU 1934 gab es eine kleine Gruppe, die gegen Stalin und für Sergej Mironowitsch Kirow als

Generalsekretär stimmte. Mein Vater war bei den Wahlen der Vorsitzende der Zählkommission. Er war also einer der ganz wenigen, die genau wußten, daß es Stimmen gegen Stalin gegeben hatte. So etwas zu

wissen, war sehr gefährlich. Zufällig habe ich damals gehört, wie mein Vater meiner Mutter sagte: "Mein Todesurteil ist eigentlich schon unterschrieben."

"W. Z.": So ist es dann ja auch gekommen.

Satonski: Ja, das war Ende 1937.

"W. Z.": Erlauben Sie einen Themawechsel. Sie haben im Rahmen einer Reise nach Westdeutschland in den frühen siebziger Jahren auch Gelegenheit gehabt, viele deutsche Nachkriegsschriftsteller

kennenzulernen. Wie kam es zu dieser für jene Zeit recht außergewöhnlichen Reise?

Satonski: Die Gelegenheit, drei Monate lang in Deutschland zu weilen, ergab sich 1971. Bezahlt wurde das von unserer Seite, also von der Akademie der Wissenschaften. Damals habe ich, bis auf

Grass, der in Westberlin war, wohin ich nicht durfte, und Ernst Jünger, den zu treffen für mich zu gefährlich gewesen wäre, eigentlich alle namhaften deutschen Schriftsteller und viele Kritiker

kennengelernt. Heinrich Böll z. B.

"W. Z.": Was für einen Eindruck machte Böll auf Sie?

Satonski: Mir schien er ein lieber Mann zu sein, ein bißchen zu naiv vielleicht. Ich traf mich mehrmals mit ihm.

"W. Z.": Auch den Kritiker Marcel Reich-Ranicki haben Sie damals kennengelernt.

Satonski: Mit Ranicki war die Verständigung für mich wohl am einfachsten. Als Pole war er mir allein aufgrund seiner Biographie näher als viele der im Westen aufgewachsenen Intellektuellen. Er

verstand unsere Situation besser, weil er sie selbst erlebt hatte. Er sah die Welt mit Witz, Humor, wohl auch mit etwas Zynismus, was einem Heinrich Böll vollkommen fremd war. Böll nahm alles

ziemlich ernst. Als er noch an die Sowjetunion glaubte, da nahm er unsere Ideen ernst. Später wandelte er seine Meinung, und fortan hatte er mit allen offiziellen Stellen der Sowjetunion gebrochen,

nur einzelne Leute, wie Kopelew, blieben seine Freude. Ranicki wirke auf mich · nicht nur bezüglich des Kommunismus · viel zynischer. Er verstand alles. Für ihn war weniger heilig. Ranicki gefiel

sich wahrscheinlich immer schon gerne in der Rolle eines Bösewichts, der eigentlich keiner ist. Diese Rolle spielt er ja auch im "Literarischen Quartett". Sein Humor ist vielleicht nicht direkt böse,

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Literatur

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Dokument erstellt am 1998-08-28 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 16:53:00

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