• vom 28.08.1998, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 16:53 Uhr

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Feldmann, Else: Einfühlsame Unerbittlichkeit




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Von Birgit Schwaner

  • Erinnerung an eine Chronistin der Armut in Wien

"Absalon Laich machte seine tägliche Arbeit im Literaturcafé. Er saß an dem großen Tisch mit den vielen Zeitungen, wartete auf die englischen und amerikanischen Blätter, bis sie die


Herren neben ihm freigaben, und durchsuchte sie eilig. (. . .) Sie versetzten ihn in einen müden Rausch. Vom Leitartikel, der von der europäischen Krise handelte, bis zu den Reklamen: wie Damen

schöne Büsten bekommen könnten. Man sah Abbildungen von Männerköpfen, die im Augenblick in der Politik und im öffentlichen Leben der großen Städte eine Rolle spielten, neben Köpfen von Mördern und

Verbrechern, Bühnenlieblingen und das Bild einer getöteten Prostituierten; Bilder von neuen, großartigen technischen Erfindungen, einen Krebsforscher in seinem Laboratorium, die Trauerfeierlichkeiten

für den Mikado."

Ob sich in den letzten Jahrzehnten wirklich viel verändert hat? Angesichts der ersten Sätze aus Else Feldmanns erstmals 1924 in 41 Fortsetzungen in der "Arbeiter-Zeitung" erschienenem Roman

"Der Leib der Mutter" mag man zweifeln. Zu aktuell noch liest sich der kurze Abriß eines Sammelsuriums gedruckter Nachrichten · als daß man nicht versucht wäre, den "Büsten" in Gedanken

"Silikon" anzufügen, hinter die "Erfindungen" das Wort "Katastrophen" zu setzen und dem "Mikado" den Namen einer jüngst verstorbenen, prominenten Person zu geben . . .

Mühelos lassen sich auch in der Folge die Geschehnisse in's Gegenwärtige übersetzen; und auch der glücklose Held ist noch · da gekonnt und treffsicher skizziert · eine keineswegs unvertraute Figur.

Der Vertreter einer bestimmten Sorte von junger Mann, der, feinnervig und sensibel, fürs erfolgreiche Leben um die entscheidende Nuance zu wenig grob geriet. Betrachten wir ihn einmal kurz · mit den

Worten seiner zu Unrecht halb vergessenen Autorin: "Er sah auf der Straße wie ein wohlhabender Mann aus. Mittelgroß war er, schlank und schmächtig; seine Schuhe waren fein, ohne Flecken, von

tadelloser Form, sein Anzug, sein heller Überzieher, sein dunkelgrüner, weicher Filzhut, die grauen Lederhandschuhe, sein Spazierstock, alles sah sorgfältig und gediegen aus. Sein Gesicht mit den

lächelnden traurigen Augen, dem feinen Munde, den glattrasierten Wangen und dem zurückgestrichenen blonden Jünglingshaar hatte einen reinen und gütigen Ausdruck. Er war über die Mitte der Dreißig."

Wenn er so auf der zweiten Seite des Buchs aus dem Kaffeehaus tritt, kann man in ihm leicht einen Typus erkennen, der seit Ende des 19. und wohl bis in die zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts in

Wien oft anzutreffen war (bzw. ,stilisiert` wurde) · damals "Neurastheniker" genannt. Dieses Epitheton verlieh man all den ästhetisch begabten, so nervösen wie intelligenten jungen Männern zumeist

bürgerlicher, oft auch jüdischer Herkunft, die vor dem Hintergrund eines wohlhabenden Elternhauses "schöngeistig", philosophisch, künstlerisch oder journalistisch tätig waren. Ohne sie hätte es weder

ein "Wiener Feuilleton" noch die "Kaffeehausliteratur" noch überhaupt die "Wiener Moderne" gegeben.

Vom anderen, reichlich "coolen" Ende des 20. Jahrhunderts aus, könnten wir einen Mann wie Absalon Laich vielleicht als "weich", oder positiver · im Sinn des stereotypen, patriarchal bestimmten,

idealen Frauenbilds · als eher "weiblich" bezeichnen. Seine Erfinderin jedenfalls, die ihn aus der Nähe der Karpaten stammen und nach einem vierjährigen New-York-Aufenthalt in Österreich landen läßt,

stattete ihn mit der Fähigkeit zum Mitgefühl aus. Und mit der Unfähigkeit, soziale Gegensätze, Ungerechtigkeiten zu ignorieren.

Fürbitterin für Arme

Die Liberalisierung der Wirtschaft hatte einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung (weitere) Armut gebracht.

Else Feldmann, engagierte Sozialistin, Mitbegründerin der Internationalen Antikriegsvereinigung "Clarté" und in Wien bekannt "als Fürbitterin für arme Kinder, für arme Mütter, für verlorene

Existenzen" (Felix Salten), war eine, die hier hinsah · und schrieb. So wird ihr Protagonist mit den schmalen Händen bald mit dem Elend seiner Zeit konfrontiert, um nicht zu sagen, davon magisch

angezogen: Er mietet ein Zimmer in der Vorstadt, bei einem Fabrikarbeiter und seiner Familie.

Er wird Zeuge, wie seine Wirtin laufend schwanger wird und ihre Babys, durch regelmäßige Nadelstiche in den Hinterkopf, langsam tötet. Der "Leib" dieser verwahrlosten Mutter wird ihm Symbol für die

Stadt, die ihre Armen gleichgültig sterben läßt.

Laich selbst ist durch seine behutsamen und deshalb oft der allgemeinen Lächerlichkeit preisgegebenen Versuche, anderen zu helfen, in Verbindung mit dem damals wie heute unsicheren Beruf eines freien

Journalisten einem abrupten Wechselbad zwischen Verelendung und der Chance auf sozialen Aufstieg ausgesetzt. Seine Verbundenheit zum Milieu der Ärmsten wird begünstigt durch seine psychische

Disposition: Einsamkeit. Durch das Gefühl, von der eigenen Familie abgelehnt zu werden, Außenseiter bleiben zu müssen. Er ist zu sanft, um sich durchsetzen · das Buch endet mit seinem Tod auf der

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Dokument erstellt am 1998-08-28 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 16:53:00

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